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Wegen Äußerungen über Putin: Deutscher Marine-Chef kassiert Rüffel von Bundesregierung

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Von: Patrick Freiwah

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Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach ist seit März 2021 Chef der Bundeswehr-Marine
Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach ist seit März 2021 Chef der Bundeswehr-Marine. © Bundeswehr/Julia Kelm

Im Säbelrasseln zwischen Nato und Russland schildert der Marinechef der Bundeswehr eine Meinung, die nicht dem Kurs der Bundesregierung entspricht. Er muss zum Rapport und zeigt Reue.

Update vom 22. Januar, 21.55 Uhr: Kay-Achim Schönbach räumte noch am Samstagabend seinen Posten. Wie die dpa berichtet, folgte sein Rücktritt den kontroversen Äußerungen über Wladimir Putin, die er bei einer Veranstaltung in Indien gemacht hatte.

Erstmeldung vom 22. Januar: Die Nato-Staaten fürchten einen russischen Angriff in der Ukraine, Russland eine Nato-Osterweiterung und den neuerlichen, endgültigen Verlust der Krim: Die Lage in der Region ist angespannt, das Säbelrasseln im vollen Gange. Sogar ein Krieg in Europa erscheint im Bereich des Möglichen.

Seitdem die neue Bundesregierung im Amt ist, findet währenddessen auch eine Neujustierung der deutsch-russischen Beziehungen statt. Und die haben sich zuletzt nicht wirklich entspannt. Neues Indiz: Weil Deutschlands Marine-Chef Kay-Achim Schönbach bei einer Veranstaltung in Neu-Delhi Verständnis für Russlands Machthaber Wladimir Putin äußerte, hat sich der ranghohe Offizier einen Rüffel der Ampelkoalition eingefangen.

Deutschland und Russland: Marine-Chef fordert mehr Respekt für Putin

Auslöser ist ein Mitschnitt, der in den sozialen Netzwerken auftaucht: In dem Video-Mitschnitt von einem Treffen in der indischen Metropole ist zu hören, wie der 56-Jährige dafür plädiert, die 2014 annektierte Krim dem russischen Volk zu überlassen. „Die Krim ist weg und wird niemals zurückkommen“, erklärt der ranghohe Offizier der Bundeswehr-Marine.

In der über zwei Minuten langen Aufzeichnung erläutert Schönbach, warum mehr Respekt für Putin (69) angebracht wäre. Ein offensichtlicher Wink, dass der Marine-Inspekteur das angespannte Verhältnis zum flächenmäßig größten Land der Erde bedauert: „...Ich denke Putin macht Druck, weil er es kann. Er spaltet die Europäische Union. Was er wirklich möchte, ist Respekt auf Augenhöhe. Mein Gott, ihm ein bisschen Respekt zu geben, kostet nicht viel“, lässt Schönbach wissen.

Dazu erklärt der deutsche Marine-Chef, dass man auch im Hinblick auf die Weltmacht China einen starken russischen Partner an der Seite brauche: „China ist nicht das nette Land, für das wir es wahrscheinlich halten“, meint Schönbach im Hinblick auf den Wettbewerb der Großmächte Russland, China und USA - den nicht wenige Experten in einer Katastrophe enden sehen.

Auch weil Russland ein christliches Land sei, hält Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach die Sanktionen gegen Russland für falsch: „Ich bin bekennender Christ und glaube an Gott. Und auch wenn Wladimir Putin selbst Atheist ist, dieses alte und große Land ist wichtig - auch wenn es sich zumindest aus unserer Sicht um keine Demokratie handelt.“ Der höchste Soldat der Marine appelliert, dass das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland auf dem gleichen Level sein sollte, wie zu den USA. Hier der Mitschnitt in komplette Länge:

Krim-Krise: Wirbel wegen Vizeadmiral der Marine - USA beliefern Ukraine mit Waffen

Und der potenzielle russische Erzrivale? Inmitten der Spannungen gibt es für die Ukraine neue Militärhilfe seitens der USA: Am Samstag landete eine Frachtmaschine nahe Kiew, wie die amerikanische Botschaft mitteilte. An Bord sei auch Munition „für die Frontverteidigung“ gewesen. Der Schritt sei durch US-Präsident Joe Biden persönlich angeordnet worden. Weitere Lieferungen an die Ukraine aus Übersee werden folgen. Dieser Schritt demonstriere „das starke Engagement der Vereinigten Staaten für das souveräne Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung“.

Russland hatte wiederholt dazu aufgerufen, die Ukraine nicht weiter aufzurüsten, weil dies militärische Spannungen schürte und das Land ermuntern könnte, etwa den Donbass im Osten der Ex-Sowjetrepublik anzugreifen, um sich abtrünnige Teile der Gebiete Luhansk und Donezk zurückzuholen. Erst am Freitag hatten sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow und US-Kollege Antony Blinken zu Krisengesprächen in Genf getroffen. Kurze Zeit später folgte ein neuer Lufttransport.

Währenddessen befindet sich die Bundesregierung auf einem diplomatischen Drahtseilakt: Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hält am deutschen „Nein“ zur Waffenlieferung für die Ukraine fest. Es sei „Konsens in der Bundesregierung“, dass ein derartiger Schritt angesichts der zugespitzten Lage „aktuell nicht hilfreich“ sei, so ein Statement gegenüber Welt am Sonntag. Die neue Regierung müsse alles tun, um die Krisenlage zu deeskalieren.

Berichten zufolge sorgte der nicht abgesprochene öffentliche Auftritt des ranghohen deutschen Admirals für besorgte Reaktionen, sowohl im Verteidigungsressort als auch im Auswärtigen Amt: Laut Spiegel-Informationen haben bei einer kurzfristig anberaumten Video-Konferenz Ministerin Lambrecht und Generalinspekteur Eberhard Zorn thematisiert, wie man mit den Äußerungen Schönbachs umgeht.

Bundeswehr: Marine-Chef Schönbach muss zum Rapport - Karriere nun beendet?

Inzwischen hat sich Kay-Achim Schönbach für die Äußerungen bei dem „Think Tank“ in Neu-Delhi entschuldigt. „Unbedacht und fehl eingeschätzt in der Situation“ seien seine Ausführungen gewesen, „ich hätte das so nicht tun dürfen“, ließ er wissen. Außerdem ruderte der Kritisierte dahingehend zurück, dass er lediglich seine persönliche Meinung wiedergegeben hätte, dies jedoch nicht dem Kurs der Bundesregierung entspreche. Dabei hatte sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz unlängst für Deeskalation starkgemacht.

Zudem schlug der Nachfolger von Angela Merkel eine Einladung von US-Präsident Biden ab:

Am Montag soll angeblich ein klärendes Gespräch zwischen Offizier Schönbach und Generalinspektor Zorn stattfinden. Spekulationen zufolge könnte die Bundeswehr-Karriere des 56-Jährigen schlimmstenfalls sogar abrupt enden.

Worum geht es in der Krim-Krise eigentlich genau? Die Region war einst die Trophäe, die 1783 dem osmanischen Imperium entrissen wurde - und ist nun Symbol eines russischen Traumas: 1954 wurde sie ohne jede Gegenleistung vom damaligen Regierungschef Nikita Chruschtschow an die Ukraine verschenkt. Als die UdSSR aufgelöst wurde, ging mit der Ukraine als eigenständiger Staat zudem der Verlust der russischen Schwarzmeerflotte einher, weil deren wichtigster Stützpunkt die Hafenstadt Sewastopol ist. 2014 folgte dann die Annektion, an der sich das potenzielle Nato-Mitgliedsland Ukraine und Russland die Zähne ausbeißen.

Auch der Umgang mit Nord Stream 2 im Russland-Ukraine-Konflikt bleibt Streitthema innerhalb der Ampel-Koalition. (PF mit dpa)

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