Angela Merkel und Wladimir Putin beim „Familienfoto“ des G20-Gipfels in Osaka 2019.
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Angela Merkel und Wladimir Putin beim „Familienfoto“ des G20-Gipfels in Osaka 2019.

Kommentar zum Fall Nawalny

Kapituliert Merkel-Deutschland vor dem System Putin? Die Kanzlerin muss jetzt handeln

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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Der Kreml macht‘s wie immer: Leugnen und maximale Verwirrung stiften. Die Kanzlerin darf sich das nicht gefallen lassen. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

München - Geht es um Russland, sind die Deutschen, die sonst an sich und andere gern die strengsten moralischen Maßstäbe anlegen, plötzlich erstaunlich verständnisvoll. Psychologisch ist das erklärlich: Der vor Atomraketen strotzende Nachbar im Osten macht Angst; die Furcht mischt sich mit dem Schuldgefühl, Russland im Zweiten Weltkrieg überfallen zu haben, und mit manchen ostalgischen Erinnerungen an die DDR-Besatzungszeit.

Fall Nawalny: Merkel hat lange Rücksicht genommen - diese Eskalation kann sie nicht ignorieren

Lange hat die Kanzlerin, die selbst fließend Russisch spricht, auf diese Stimmung Rücksicht genommen, hat stoisch weggesehen, als Putin in Syrien die Zivilbevölkerung bombardieren ließ. Die Deutschen sahen auch noch weg, als immer ungenierter gemordet wurde in Putins Geheimdienststaat, und, als der Aufschrei ausblieb, auch in England und im Berliner Tiergarten.

Georg Anastasiadis

Ob das auf Anweisung des Kremls geschah, mit seiner Billigung oder Duldung, wird sich wohl nie klären lassen. Sicher aber ist: Einem Regime, das seinen Bürgern die elementarsten Normen der Zivilität verweigert, ist auch in den Außenbeziehungen nicht zu trauen. Der Anschlag auf Russlands führenden Oppositionellen mit dem Staats-Gift Nowitschok bedeutet eine Eskalation, die auch die geduldige Kanzlerin nicht mehr ignorieren konnte, ohne ihr Gesicht als Anführerin der freien Welt zu verlieren.

Nawalny: Kapituliert Merkel-Deutschland moralisch vor dem System Putin?

Moskaus infame Mutmaßung, Nawalny sei in Berlin vergiftet worden, da er Russland ja nur mit einer Stoffwechselerkrankung verlassen habe, folgt der üblichen Verwirrungstaktik und zeigt, wie wenig der Kreml bereit ist, an der versprochenen Aufklärung des Falles mitzuwirken.

Das ist ein Schlag ins Gesicht auch all jener, die hierzulande, in der SPD und anderswo, unverdrossen von einer neuen „Sicherheitspartnerschaft“ mit Russland und ohne die USA träumen. Berlin muss zu einem grundlegend neuen Umgang mit Moskau finden. Es muss den Preis für die Übergriffigkeiten des Kremls hochtreiben und darf sie nicht länger belohnen. Schon der Bau der Ostsee-Gaspipeline war sicherheitspolitisch ein Fehler. Ihre Inbetriebnahme aber wäre jetzt das Symbol, dass Merkel-Deutschland auch moralisch vor dem System Putin kapituliert.

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