+
Gavriil Voulgaridis, der Bruder des Opfers, und dessen Frau Christina mit einem Bild von Theodoros Boulgarides bei einer Gedenkveranstaltung 2015.

Interview zum NSU-Prozess

Nebenkläger-Anwalt: Ich rechne bei Zschäpe mit lebenslanger Haft

Nach mehr als 400 Verhandlungstagen im NSU-Prozess zieht Yavuz Narin ein Resümee. Er vertrat von Anfang an die Familie des Münchner Mordopfers Theodoros Boulgarides.

München - Der Beginn des NSU-Prozesses rund um die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe jährt sich am Sonntag zum fünften Mal. Der Rechtsanwalt Yavuz Narin (40) vertrat von Anfang an die Familie des Münchner Mordopfers Theodoros Boulgarides. Schon lange bevor die Terror-Organisation NSU bekannt wurde, hatte ihn die Familie beauftragt, die Wahrheit über den Mordfall zu recherchieren. Denn die Polizei hatte zunächst die Opfer der so genannten Dönermorde einem kriminellen Milieu zugeordnet. Nach mehr als 400 Verhandlungstagen zieht Narin ein Resümee.

Lesen Sie auch: Im NSU-Prozess ist das Urteil gegen Beate Zschäpe gefallen

Herr Narin, gab es schon Verfahren, die länger gedauert haben?

Yavuz Narin: Jedenfalls gab es in der Geschichte der Bundesrepublik selten so langwierige Strafprozesse.

Ist die Dauer gerechtfertigt?

Im NSU-Komplex werden unter anderem zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle verhandelt. Angeklagt sind neben Beate Zschäpe vier weitere Personen, allesamt mutmaßliche Helfer der Terrorzelle. Zudem versuchen die Verteidiger, das Verfahren mit allen Mitteln zu verschleppen und zu torpedieren. Dennoch steht ein Urteil unmittelbar bevor.

Was haben Sie herausgefunden, als Sie 2011 zu recherchieren begannen?

Ich gelangte schnell zu dem Schluss, dass es sich um eine rechte Terrorzelle handeln muss, die auch für den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße verantwortlich ist.

Wie gelangten Sie zu dieser Erkenntnis, während die Ermittlungsbehörden noch im Dunkeln tappten?

Yavuz Narin Der Rechtsanwalt vertritt die Familie Boulgarides.

Zuvor hatte ich mich mit der britischen Terror-Gruppe „Combat 18“ beschäftigt. Sie war dafür bekannt, Ende der 90er-Jahre Nagelbomben-Anschläge gegen Minderheiten verübt zu haben. „Combat 18“ gilt als bewaffneter Arm des internationalen Neonazinetzwerks „Blood and Honour“. Und es ist kein Geheimnis, dass die rechte Szene in Deutschland damals maßgeblich von „Blood and Honour“ geprägt war. Den Kölner Anschlag hatten mitteleuropäisch aussehende Männer durchgeführt. Sie fuhren mit Fahrrädern und wurden sogar von Überwachungskameras gefilmt. Auch bei den damals so genannten Dönermorden wurden mehrfach zwei Männer mit Fahrrädern beobachtet. Die Phantombilder der Verdächtigen glichen einander wie ein Ei dem anderen.

Theodoros Boulgarides wurde 2005 in München getötet ...

... richtig, lange nach dem Nagelbombenanschlag. Boulgarides und alle drei Opfer nach ihm könnten noch leben, wenn die Behörden nicht die Familien verfolgt und stattdessen die richtigen Schlüsse gezogen hätten. Es gab schon damals vertrauliche Dokumente bei den Sicherheitsbehörden, die auf eine Täterschaft von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hindeuteten.

Wie hat die Familie Boulgarides reagiert, als sich Ihre Recherche-Ergebnisse bestätigten?

Sie war darüber entsetzt, dass tatsächlich eine rechte Terrorgruppe hinter dem Mord an Theo Boulgarides steckte. Für die Angehörigen war unbegreiflich, dass sie öffentlich diffamiert wurden, obwohl die Behörden offenbar viel mehr über die Hintergründe der Anschläge und Morde wussten. Besonders belastend war für sie, dass die Medien wiederum die Informationen und Spekulationen der Behörden kolportierten und nicht hinterfragten. Wie auch bei den anderen Mordopfern war die These, dass es sich um Abrechnungen innerhalb eines kriminellen Milieus handelte. Daher geisterte der unsägliche Begriff der „Dönermorde“ herum, weil die meisten Mordopfer türkische Wurzeln hatten.

Was musste die Familie Boulgarides aushalten?

Einerseits mussten die Hinterbliebenen mit der Ermordung des Vaters und Ehemanns leben. Hinzu kam, dass die Familienmitglieder am Arbeitsplatz und an der Schule schwersten Beschuldigungen und Diffamierungen ausgesetzt waren. Frau Boulgarides verlor sogar ihre Anstellung aufgrund der öffentlichen Berichterstattung, nach dem Motto: Wenn der Ehemann kriminell war, wer weiß, wie lange die schon hier klaut.

Ist das nun vorbei?

Der Prozess ist nach wie vor eine große Belastung für alle Angehörigen. Die Familie hat tapfer durchgehalten. Man kann sagen: Als der NSU aufgeflogen ist, hatten die Nebenkläger das Schlimmste hinter sich, weil sie nicht mehr im Fokus der Ermittlungen standen und endlich öffentlich rehabilitiert wurden.

Glauben Sie, am Ende wird Gerechtigkeit hergestellt?

Im Hinblick auf diesen Strafprozess wird alles Mögliche dafür getan. Zahlreiche Beschuldigte und Verdächtige werden aber bis heute nicht angeklagt. Gegen manche wird nicht einmal ermittelt.

Wie viele weitere Personen verdächtigen Sie, in den NSU-Komplex verwickelt zu sein?

Die Bundesanwaltschaft führt Ermittlungen gegen mindestens neun weitere, namentlich bekannte Beschuldigte, darunter auch V-Leute verschiedener Sicherheitsbehörden. Gegen andere mutmaßliche Terrorhelfer, wie zum Beispiel Ralf Marschner, wird nicht einmal ermittelt. Dieser war als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz tätig. Er hatte Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zeitweise beschäftigt, als diese im Untergrund mordeten. Es liegt nahe, dass Marschner als ehemaliger Zuträger des Bundesamts für Verfassungsschutz geschützt wird. Er hat sich übrigens 2007, kurz nach dem Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter, ins Ausland abgesetzt.

Wer müsste noch zur Rechenschaft gezogen werden?

Bekanntlich wurden ja viele Akten zum Umfeld des NSU irregulär vernichtet, nachdem die Terrorgruppe aufgeflogen war. Die hierfür Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

„Sie haben alle Hinweise ignoriert“

Wie haben sich die bayerischen Behörden verhalten?

Sie haben alle Hinweise ignoriert, die auf einen rassistischen Hintergrund der Morde hindeuten. Stattdessen konzentrierten sie sich auf die Opfer und deren Hinterbliebene.

Was war für Sie während des Prozesses frustrierend?

Ich hätte nie damit gerechnet, dass die Bundesanwaltschaft gemeinsam mit der Verteidigung der Angeklagten regelmäßig die Ermittlungsversuche der Nebenklage torpediert. Das habe ich in der Form nie erlebt. Später erfuhr ich, dass das kein Einzelfall ist, wenn V-Leute und Mitarbeiter der Nachrichtendienste involviert sind.

Wie nehmen Sie die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wahr?

Ihre Rolle ist medial überhöht. Sie war Mitglied des NSU und hat die Morde mitgetragen. Aber neben ihr waren viele andere Personen beteiligt. Sie lenkt eher vom Kern des Skandals ab.

Welches Urteil erwarten Sie?

Ich rechne bei Zschäpe mit lebenslanger Haft unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Bei den Mitangeklagten rechne ich größtenteils mit empfindlichen mehrjährigen Haftstrafen, außer bei einem: Carsten S., angeklagt wegen Beihilfe zum Mord. Er war als junger Mann an der Lieferung der Tatwaffe beteiligt, bereut aufrichtig und ist als einziger Angeklagter voll geständig. Er kann daher mit einem milden Urteil rechnen.

Lesen Sie auch: Verteidiger fordern für Zschäpe maximal zehn Jahre Haft

Interview: Hüseyin Ince

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bund einig über Eckpunkte zu Abtreibungs-Werbeverbot
Monatelang hat die Bundesregierung um einen Kompromiss zum Werbeverbot für Abtreibungen gerungen. Ist die Debatte über Paragraf 219a nun beigelegt?
Bund einig über Eckpunkte zu Abtreibungs-Werbeverbot
Trumps Ex-Anwalt Cohen muss ins Gefängnis
Jahrelang vertraute US-Präsident Trump seinem Anwalt Cohen. Der beichtete eine ganze Latte an Straftaten, und Trump sieht dabei gar nicht gut aus. Nun muss Cohen hinter …
Trumps Ex-Anwalt Cohen muss ins Gefängnis
Werbeverbot für Abtreibungen: Überraschende Wende - Koalition kündigt Statement an
Hat die Große Koalition im Streit um Werbeverbote für Abtreibungen einen Durchbruch geschafft? Noch am Abend wollen die Minister Seehofer, Barley und Giffey Neuigkeiten …
Werbeverbot für Abtreibungen: Überraschende Wende - Koalition kündigt Statement an
Brexit-Chaos: May macht folgenschwere Ankündigung - Misstrauensvotum läuft
Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien: Heute muss sich Theresa May einem Misstrauensvotum stellen. Laut BBC zeichnet sich ein erster Trend ab. …
Brexit-Chaos: May macht folgenschwere Ankündigung - Misstrauensvotum läuft

Kommentare