Neonazi-Prozess: "Er wollte Killer werden"

- München - Neonazi Martin Wiese habe sich in den vergangenen Jahren konsequent zum Fanatiker entwickelt. Der Chef der neonazistischen "Kameradschaft Süd" habe sich in seinen Kampf gegen das System hineingesteigert. "Es wurde immer schlimmer und extremer", berichtete Wieses früherer Freund Andreas J. am Donnerstag im Prozess um die Anschlagspläne auf das neue Jüdische Gemeindezentrum in München vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht.

<P>Wie berichtet, wirft die Generalbundesanwaltschaft Martin Wiese, dessen Stellvertreter Alexander Maetzing, Karl-Heinz Statzberger und David Schulz Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung sowie Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor. Die Angeklagten gehörten alle zur "Schutzgruppe", dem Führungszirkel der "Kameradschaft Süd", und sollen den Anschlag bei der Grundsteinlegung auf das Jüdische Zentrum am Jakobsplatz am 9. November 2003 geplant haben.<BR><BR>Um "die Versammlung zu sprengen" besorgte sich Wiese in den Monaten zuvor offenbar systematisch Waffen und Sprengstoff bei Andreas J. So kaufte Wiese bei seinem Kumpel sechs Pistolen mit jeweils 50 Schuss Munition für 4000 Euro. Er habe sogar nach Maschinenpistolen gefragt, sagte Andreas J. Zudem habe sich Wiese für ein Scharfschützengewehr interessiert. "Er wollte Killer werden."<BR><BR>Andreas J. hat sich derzeit selbst in dem parallel laufenden Neonazi-Prozess vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht zu verantworten. Ihm wirft die Generalbundesanwaltschaft Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Mit ihm auf der Anklagebank in dem nicht öffentlichen Prozess sitzen drei Mitglieder der "Kameradschaft Süd". Diese hatten die Aussage im Prozess gegen Wiese verweigert. Eine weitere Angeklagte, Jessica F., will aussagen. Sie wird voraussichtlich Anfang kommendes Jahres als Zeugin gehört. Im parallel laufenden Prozess belastete sie Wiese schwer. "Es war definitiv ein Ziel von Wiese, die bestehende Demokratie aus den Angeln zu heben." Diese Angaben bestätigte auch Andreas J. Ihm gegenüber habe Wiese mehrmals davon gesprochen, dass die bestehende Demokratie abgeschafft gehöre. "Das sollte nicht so friedlich ablaufen wie in der DDR", soll Wiese zu ihm gesagt haben. Vielmehr habe der Chef der "Kameradschaft Süd" eine "blutige Revolution" im Sinn gehabt.<BR><BR>"Blutige Revolution" gegen die Demokratie</P><P>Um den Kampf gegen das System nicht zu gefährden, soll Wiese sogar erwogen haben, den Anschlag auf das Jüdische Zentrum alleine durchzuführen. "Er wollte die anderen nicht belasten", erklärte Andreas J. Wiese habe geglaubt, sollte die Polizei ihn verhaften, könnten die anderen, allen voran sein Stellvertreter Maetzing, sein Werk fortführen.<BR><BR>Inspirationen soll Wiese von Didier M., dem umstrittenen V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes, bekommen haben. Diesen habe Andreas J. als den Mann kennen gelernt, der im Hintergrund fungierte. "Ich hatte den Eindruck, der Franzose ist Wieses zweites Gehirn." Der Zeuge berichtete, Didier M. habe Wiese sogar angeboten, ein Kampf-Trainingscamp für seine Truppe zu organisieren. "Es ging um Lager in der Türkei", sagte Andreas J. Didier M. soll gesagt haben: "Da trainiert man, wie man Menschen abschießt."<BR><BR>V-Mann: "Da trainiert man Menschen abzuschießen"</P><P>Wiese beobachtete seinen früheren Freund J., der inzwischen unter Personenschutz steht, während dessen Aussage mit verächtlichem Blick. Bis zuletzt hatten die Verteidiger von Wiese, Maetzing, Statzberger und Schulz versucht, sich gegen eine Aussage des Belastungszeugen zu wehren. Für die Verteidigung erscheint Andreas J. nicht glaubwürdig. Dieser hatte den Ermittlern von sich angeboten, gegen seine früheren "Kameraden" auszusagen. Dazu habe er sich bereit erklärt, sagte Andreas J., "nachdem ich aus der Zeitung und von der Polizei erfahren habe, dass bei dem geplanten Anschlag Menschen ums Leben kommen sollten." Der Prozess geht am 20. Dezember weiter.<BR><BR></P>

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