+
Brandsachverständige, ein Rechtsmediziner und ein Experte für Giftstoffe stellen ihr Gutachten zum Fall des vor gut zehn Jahren in einem Dessauer Polizeirevier verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh vor. Foto: Jörg Carstensen

Gutachten zum Fall Jalloh: Wahrscheinlich Polizei beteiligt

Anfang 2005 starb Oury Jalloh aus Sierra Leone in einer Polizeiwache in Dessau. Er verbrannte bei einem Feuer in einer Zelle. Eine Initiative versucht seitdem zu beweisen, dass es sich Mord handelte. Nun gibt es neue Gutachten. An Beweisen hapert es aber weiterhin.

Berlin (dpa) - Zehn Jahre nach dem Tod des Afrikaners Oury Jalloh in einer Dessauer Zelle halten neue Gutachten eine Beteiligung von Polizisten für wahrscheinlich.

Es spreche wenig dafür, dass der Brand von Jalloh selbst gelegt wurde, sagten Gutachter aus England und Kanada am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Die Gutachter - zwei Brandsachverständige, ein Rechtsmediziner und ein Experte für Giftstoffe - fanden in den Unterlagen zu dem Fall aber auch keine Beweise für die Mordthese der "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh". Diese sieht Polizisten als Täter. Sie hatte auch die neuen Gutachten in Auftrag gegeben.

Der Dessauer Staatsanwalt Olaf Braun wies darauf hin, dass derzeit ein weiteres Ermittlungsverfahren laufe. Man müsse sehen, wie die neuen Erkenntnisse zu den bisherigen Ermittlungen passten.

Die Justiz hatte in mehreren Prozessen keine Anhaltspunkte für eine Fremdbeteiligung am Tod des Afrikaners im Januar 2005 gefunden. Was genau in der Polizeizelle passierte, ist bis heute ungeklärt. Fest steht nur, dass die Matratze in der Zelle brannte und der an Händen und Füßen gefesselte Jalloh in den Flammen umkam.

Die neuen Experten fanden es wenig nachvollziehbar, dass ein später gefundenes Feuerzeug bereits während des Brandes unter dem Opfer in der Zelle gelegen haben soll. Dann hätten Spuren von Gewebe oder Haut daran kleben müssen, sagten sie. Zudem deuteten der Verlauf und die Stärke des Feuers darauf hin, dass sogenannte Brandbeschleuniger wie Benzin eine Rolle gespielt hätten, auch wenn davon keine Überreste gefunden worden seien.

Der Toxikologe sagte, Jalloh sei so betrunken gewesen und habe zudem Marihuana und Kokain genommen gehabt, dass er rein motorisch kaum in der Lage gewesen sei, mit gefesselter Hand die Hülle der Matratze aufzureißen, ein Feuerzeug zu zücken und den Schaumstoff anzuzünden.

Ein Dessauer Polizist war 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10 800 Euro verurteilt worden. Kürzlich war der Fall Jalloh Grundlage für einen Tatort mit dem Titel "Verbrannt".

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Andrea Nahles lädt zur SPD-Fraktionsklausur
Berlin (dpa) - In einer Woche kommt der neue Bundestag erstmals zusammen - und die SPD muss sich daran gewöhnen, auf der Oppositionsbank zu sitzen. Die neue …
Andrea Nahles lädt zur SPD-Fraktionsklausur
Schwierige Koalitionssuche in Niedersachsen hat begonnen
Niedersachsens Parteien machen nach der Wahl vor allem klar, was sie nicht wollen: Die Grünen wohl kein Jamaika, die FDP sicher keine Ampel und die große Koalition ist …
Schwierige Koalitionssuche in Niedersachsen hat begonnen
Konzernchefs fordern bessere soziale Absicherung
Die Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein plant, das bedingungslose Grundeinkommen zu testen. In einer Jamaika-Koalition im Bund dürfte die Idee aber kaum …
Konzernchefs fordern bessere soziale Absicherung
Die CSU zwischen Übergang und Untergang
Er werde nicht davonlaufen, sagt Horst Seehofer. Was nach einer Kampfansage klingt, ist aber eher eine Bitte um Zeit. Der CSU-Chef will den Berliner Koalitionsvertrag …
Die CSU zwischen Übergang und Untergang

Kommentare