Interview mit Experten

Neue Pisa-Studie zu Mobbing: „Der Streber ist leider uncool“

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Jeder sechste Schüler wird gemobbt, das zeigt einen neue Pisa-Studie. Der Vorsitzende des Philologenverbandes erklärt warum Mobbing gerade im Zeitalter von  WhatsApp und Co besonders schlimm ist.

Drei von vier Schülern in Deutschland sind mit ihrem Leben eigentlich ganz zufrieden. Aber jeder Sechste wird gemobbt – so die auf den ersten Blick widersprüchlichen Ergebnisse der neuen Pisa-Studie. Heinz-Peter Meidinger ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands und Direktor eines Gymnasiums in Deggendorf. Er warnt: Manche Ergebnisse der Studie muss man gegen den Strich lesen.

Wie zufrieden sind die 15-jährigen Schüler in Deutschland?

Heinz-Peter Meidinger: In der Deutschland fühlen sich die Schüler sogar etwas besser als der OECD-Durchschnitt. Das ist kein Anlass zu besonderer Besorgnis.

Wirklich nicht? In Deutschland wird laut der Studie jeder sechste Schüler gemobbt.

Meidinger: Das stimmt, es ist aber auch eine Frage des Marketings, was an einer Studie als Besonders hervorgehoben wird und was nicht. Es wundert mich, dass für Deutschland gerade Mobbing als signifikant herausgestellt wird, weil wir hier eigentlich besser abschneiden als der Durchschnitt der OECD-Länder – es also bei uns weniger Mobbing-Fälle gibt als anderswo. Trotzdem: Jeder einzelne Mobbing-Fall ist schlimm. Als Schulleiter weiß ich, dass Schüler daran extrem leiden. Leider gibt es da auch eine hohe Dunkelziffer unentdeckter Fälle.

Das sind die Alarmzeichen

Wie kann man Mobbing erkennen?

Meidinger: Es gibt Alarmzeichen, die Erwachsene nicht übersehen sollten: Die gemobbten Schüler verhalten sich plötzlich anders, sie ziehen sich zurück, wirken verschlossen – die Leistungen lassen nach, sie gehen ungern in die Schule. Das Schwierige ist, dass sich die Schüler häufig nicht ihren Eltern anvertrauen, und sie erzählen es schon gar nicht ihren Lehrern. Das ist ja nicht mehr so wie früher, dass sich Mobbing vor allem auf dem Pausenhof abspielt, mit Rempeleien oder dass man Schulsachen versteckt. Heute läuft vieles über soziale Netzwerke. Praktisch jeder Mobbing-Fall ist entweder initiiert oder zumindest begleitet durch Diffamierung auf Facebook oder in den Whatsapp-Klassengruppen, manchmal auch auf Plattformen wie Instagramm oder Youtube. Das macht Mobbing noch schlimmer: Eine Hänselei im Schulbus ist zwar schlimm, aber sie geht vorüber. Der Schüler ist irgendwann wieder zuhause und die anderen los. Mobbing in der Whatsapp-Gruppe ist öffentlich, wirkt dauerhaft, ist nicht löschbar und man kann sich kaum dagegen wehren.

Die Studie bietet jede Menge interessanter Einzelbefunde. Ein Ergebnis sagt, dass schulischer Ehrgeiz in Deutschland nicht besonders ausgeprägt ist. Woran liegt das?

Meidinger: Das ist in der Tat auffallend. Es gibt in Deutschland immer noch das Bild des Strebers, der – leider, muss man ja sagen – als uncool gilt und von den Mitschülern nicht akzeptiert wird. Das führt dazu, dass gute Schüler versuchen, nicht aufzufallen etwa durch häufiges Melden, sondern sich absichtlich zurückhalten. Streber sind zwar geschätzt, wenn sie abschreiben lassen, aber nicht wenn sie glänzen. Das ist ja kein neues Phänomen, das gibt es als literarisches Motiv schon lange, zum Beispiel in der „Feuerzangenbowle“. Das ist in der Unterstufe übrigens anders – jeder Grundschüler will gut sein. Auch Oberstufenschüler gehen mit guten Leistungen gelassener um, erkennen diese auch positiv an. Aber in der Mittelstufe ist das ein Problem, das auch für den Unterricht belastend sein kann, weil es Leistungsbereitschaft und Kreativität lähmt.

Manche Schüler schreiben absichtlich schlechtere Noten

Kann das dazu führen, dass 15-Jährige absichtlich schlechte Schulaufgaben schreiben – weil sie auch mal einen Vierer oder Fünfer haben wollen?

Meidinger: Diese extreme Form des „Underperformens“ halte ich für nicht für ausgeschlossen. Auf jeden Fall wirkt es sich bei den mündlichen Unterrichtsbeiträgen aus, beim Ausfragen, also dort, wo es öffentlich vor der Klassengemeinschaft stattfindet. Die schriftlichen Noten werden vom Lehrer ja vor der ganzen Klassengemeinschaft gar nicht mehr bekannt gegeben, insofern würde die Fünf ja auch nicht jeder mitbekommen – es sei denn, der Schüler gibt regelrecht an damit.

Das könnte ja sein.

Meidinger: Möglich. Viele Lehrkräfte beobachten, dass mit Einsern selten angegeben wird. Was aber häufiger vorkommt, ist, dass der Schüler demonstrativ zeigt, dass ihm die Fünf oder Sechs gar nichts ausmacht.

In anderen Ländern wird gute Leistung mehr anerkannt

Wie ist das dann in den asiatischen Drillschulen? Ist dort das Streber-Dasein etwas Positives?

Meidinger: Nicht nur in Asien, auch in England und Frankreich werden gute Schulleistungen mehr anerkannt als bei uns – und zwar durch die eigenen Klassenkameraden, nicht etwa die Eltern, die ja immer stolz sein werden.

Noch ein Befund: Nur vier Prozent der deutschen Schüler geben an, sie arbeiteten mehr als 60 Stunden pro Woche für die Schule – den Unterricht mit eingerechnet.

Meidinger: Das ist ein geringer Anteil. Aber es hängt damit zusammen, dass in Deutschland das Gros der Schulen immer noch Halbtagsschulen sind – nicht aber Ganztagsmodelle, wo das Unterrichtsvolumen per se ja höher ist. Richtig ist aber auch, dass das Schülerleben in den asiatischen Ländern unvergleichbar intensiver ist. In Japan ist nicht nur die Ganztagsschule bis 16 Uhr die Regel, sondern viele Eltern schicken ihre Kinder danach noch in den sogenannten Juku – also in privat finanzierte Nachhilfe- oder Paukschulen, teilweise bis 21 Uhr. Und das wohlgemerkt nach der regulären Ganztagsschule.

Ausgewogenes Verhältnis zwischen Leistungsdruck und „Wellbeing“

Das ist aber nicht erstrebenswert.

Meidinger: Mit Sicherheit nicht. Das zeigt auch die Grenzen solcher internationaler Vergleichsstudien auf. Klar, man sollte sich international an den Besten orientieren, aber man muss auch auf die Humankosten blicken. Was den Schülern in Japan, Singapur, Macau oder bestimmten chinesischen Provinzen an Leistungsdruck zugemutet wird, ist inakzeptabel. Lieber ein paar Punkte weniger im Pisa-Leistungstest und ein paar Punkte mehr beim „Wellbeing“, also bei der Schüler-Zufriedenheit! Klar ist aber auch, dass eine Schule, in der nur das „Wellbeing“ zählt und die Leistung gar nichts, auch nicht weiterführt.

Rubriklistenbild: © dpa

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