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„Weltuntergangsdrohne“: Russisches TV simuliert Atom-Tsunami über Großbritannien

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Russische Staatsmedien spielen ein Szenario durch, in dem Großbritannien von einer atomaren Unterwasserdrohne getroffen würde
Russische Staatsmedien spielen ein Szenario durch, in dem Großbritannien von einer atomaren Unterwasserdrohne getroffen würde. Die Folge wäre eine „riesige, atomare Tsunamiwelle“ (Symbolbild). © IMAGO / Bihlmayerfotografie

Das russische Staatsfernsehen spielt einen atomaren Angriff auf Großbritannien durch - indes warnt Friedensnobelpreisträger Muratow davor, die Propaganda auf die leichte Schulter zu nehmen.

Moskau - 24 Meter lang, ein Durchmesser von 1,6 Metern, etwa 220 Stundenkilometer schnell mit einer Reichweite von über 6.000 Kilometern: Das sind die Eckdaten des russischen Atom-Unterwassertorpedos Poseidon. Sein Beiname: „Weltuntergangsdrohne“.

Das russische Staatsfernsehen spielte kürzlich ein Szenario durch, in dem diese Super-Waffe auf Großbritannien gefeuert würde - und dort einen 500 Meter hohen, nuklearen Tsunami auslösen könnte.

Chef-Propagandist im russischen Staatsfernsehen: „England in radioaktive Wüste verwandelt“

Am 24. Februar begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Seit Wochen hören die Menschen im russischen Staatsfernsehen, dass die Atomsilos geöffnet werden sollen. Dabei handelt es sich um unterirdische Abschussrampen für Nuklearwaffen, die unter der Erdoberfläche vor feindlichen Angriffen besonders geschützt sind. Ziel der Propaganda des Kreml sei es, den Einsatz von Atomwaffen für die russische Öffentlichkeit akzeptabler zu machen, warnte Dmitri Muratow, der Chefradakteur der unabhängigen Zeitung Nowaja Gaseta, die Ende März ihr Erscheinen einstellen musste.

Das russische Staatsfernsehen simulierte zuletzt sogar einen möglichen Nuklear-Angriff auf Großbritannien. Mit einer einzigen Nukleardrohne könne man ein Land zerstören, das „so groß wie Texas – oder eben Großbritannien“ sei, sagte der Journalist und Putin-Vertraute Dmitri Kisseljow dazu auf dem Fernsehsender Rossija 1. Der 68-jährige Generaldirektor der staatlichen Nachrichtenagentur Rossija Sewodnja ist auch als „Sprachrohr Putins“ bekannt.

Wenn der Nuklear-Torpedo explodiere, werde dies „eine riesige Welle von bis zu 500 Metern Höhe“ auslösen. Dieser Riesen-Tsunami wäre außerdem radioaktiv. „Was immer nach der Mega-Welle von England noch übrig wäre, würde in eine radioaktive Wüste verwandelt“, sagte Kisseljow weiter.

Die Waffe gilt aus Expertensicht tatsächlich als sehr gefährlich. Der Nukleargefechtskopf des Poseidon kann mit einer Sprengkraft von zwei bis zu 100 Megatonnen bestückt werden, wie etwa Militärexperte Konstantin Sivkov von der „Russian Geopolitical Academy“ dem TV-Sender BBC schilderte. Zum Vergleich: Die Atombomben von Nagasaki und Hiroshima hatten eine Sprengkraft von 21 respektive 15 Kilotonnen, wie aus Daten des US-Energieministeriums hervorgeht. Zusammengenommen also weniger als 40 Kilotonnen.

Friedensnobelpreisträger schließt Möglichkeit nicht aus, dass Russland Atomwaffen einsetzt

Militärexperten schätzen, dass sich der Unterwasser-Torpedo Poseidon in der finalen Entwicklungsstufe befinden könnte - oder unter Umständen bereits einsatzbereit ist. Die seit Wochen fortdauernde russische Propaganda zum Einsatz von Atomwaffen nimmt der Friedensnobelpreisträger Muratow jedenfalls ernst. „Ich würde die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Atomwaffen eingesetzt werden“, sagte Muratow am Dienstag bei einer Veranstaltung zum Internationalen Tag der Pressefreiheit in Genf.

Der potenzielle Einsatz von Atomwaffen soll durch die Propaganda in der Öffentlichkeit normalisiert werden. Seit Wochen höre man in den russischen Staatsmedien auch, „dass diese schrecklichen Waffen eingesetzt werden sollten, wenn die Waffenlieferungen an die Ukraine fortgesetzt werden“. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Propaganda würde der Einsatz solcher Waffen „nicht das Ende des Krieges bedeuten“, warnte Muratow: „Es wäre das Ende der Menschheit“. Die „absolute, uneingeschränkte“ Macht von Präsident Wladimir Putin sei die beängstigendste Entwicklung in Russland. Sollte Putin den Einsatz von Atomwaffen beschließen, „kann ihn niemand aufhalten ... weder das Parlament, noch die Zivilgesellschaft, noch die Öffentlichkeit“, sagte Muratow.

Allerdings kann Wladimir Putin die Atomwaffen nicht alleine zünden. Insgesamt drei Menschen verfügen in Russland über Atomcodes: Putin selbst, Generalstabschef Waleri Gerassimow und Verteidigungsminister General Sergei Schoigu. Zwar gelten beide als Vertraute Putins. Doch angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, könnte ihr Ungehorsam die Welt retten. Mutige Individuen prägen immer wieder die Geschichte: Während der Kuba-Krise verweigerte beispielsweise der sowjetische Offizier Wassili Archipow den Abschuss eines Atomtorpedos und verhinderte dadurch wohl den Dritten Weltkrieg. Das geht aus den Daten des US-Archivs für Nationale Sicherheit der George Washington University hervor. (bm/AFP/dpa).

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