Ein Mitarbeiter spritzt Desinfektionsmittel auf den Boden in einer Fabrik in der Pyongyang Dental Hygiene Products Factory in Pjöngjang, Nordkorea.
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Desinfektionskampagne in einer Fabrik in Pjöngjang. Offiziell gibt es keine Corona-Fälle in Nordkorea. Trotzdem forscht das Land an einem Impfstoff - und ist dabei nicht zimperlich.

Obwohl es offiziell Corona im Land nicht gibt

Corona-Hacker aus Nordkorea: Verfassungsschutz sieht Gefahr aus Kim Jong-Uns Reich - „Irrationale Maßnahmen“?

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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Nordkorea setzt offenbar Hacker ein, um bei internationalen Firmen Know-how über die Entwicklung von Corona-Impfstoffen abzugreifen. Der Verfassungsschutz sieht eine wachsende Gefahr.

  • Verfassungsschutz beobachtet Cyberangriffe Nordkoreas auf Corona-Impfstofffirmen.
  • Auch südkoreanische Medien berichten von Impfforschung in Nordkorea mit Hacker-Methoden.
  • Deutsche Politiker mahnen zu Wachsamkeit gegenüber nordkoreanischen Cyberattacken.

Berlin/Pjöngjang - Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) beobachtet zunehmende Cyberangriffe aus Nordkorea auf Hersteller von Corona-Impfstoffen. Nordkorea fokussiere aktuell „auf den Bereich Biotechnologie und hier besonders auf die Impfstoffentwicklung und -herstellung“, heißt es laut einem Bericht des Handelsblatt in einer Lageeinschätzung des BfV. Aktuelle Erkenntnisse weisen laut BfV auf eine „dynamischen Entwicklung der Gefährdungslage“, wie der Jargon eine zunehmende Gefahr beschreibt. Die Behörde halte „agiles und behördenübergreifendes Handeln“ für notwendig, so das Handelsblatt. Risiken bestehen demnach für deutsche Unternehmen, Forschungseinrichtungen und auch Behörden.

Nordkorea in der Corona-Krise: Forschung an eigenem Impfstoff

Nordkorea behauptet bis heute, trotz tausender Tests keinen einzigen Coronavirus-Fall im Land zu zählen. Beobachter zweifeln dies seit langem an. Südkoreanische Medien berichteten bereits vor einem Jahr von nordkoreanischen Corona-Toten und tausenden Menschen in Quarantäne. Ob das stimmt, ist aufgrund der strikten Isolation des Landes nicht zu verifizieren. Aber Nordkorea entwickelt nach Angaben des Magazins Daily NK aus Südkorea tatsächlich einen eigenen Corona-Impfstoff.

Die Impfforscher nutzten dazu Kenntnisse, die sie im vergangenen Jahr bei verschiedenen „Hacker-Aktionen“ gestohlen haben, berichtete Daily NK am Freitag unter Berufung auf nordkoreanische Informanten. Hacker-Angriffe gegen Impfhersteller in Südkorea und der Welt hätten sich im vierten Quartal 2020 vervielfacht, so das Magazin. Ob dabei Daten entwendet wurden, sei nicht bekannt. Eine offizielle Bestätigung dieser Berichte gibt es nicht. Doch die Angaben wirken angesichts der BfV-Erkenntnisse plausibel.

Corona-Hacker am Werk? Nordkorea hat auch Impfdosen beantragt

Anfang Januar hatte das amerikanische Wall Street Journal berichtet, dass Nordkorea bei der internationalen Impfallianz Gavi in der Schweiz Impfdosen beantragt habe. Gavi hat bereits Verträge über rund 2 Milliarden spendenfinanzierter Impfdosen abgeschlossen, die die Allianz nun schrittweise erhalte und an die Mitglieder verteile, berichtet der britische Independent. Nordkorea ist Mitglied dieser Allianz. Doch auf Gavi allein möchte sich Machthaber Kim Jong-un offenbar nicht verlassen.

Mit harten Maßnahmen schottet sich Nordkorea derweil noch weiter ab als zu normalen Zeiten. Fischen und Salzgewinnung am Pazifik wurde im August verboten, berichtete die US-Nachrichtenagentur Associated Press damals unter Berufung auf südkoreanische Parlamentarier. Auch exekutierte Nordkorea demnach einen Beamten, der gegen Quarantäne-Regeln verstoßen hatte. Die Hauptstadt Pjöngjang soll zumindest zeitweise unter Lockdown gestellt worden sein. Bilder aus Nordkorea zeigen Menschen mit Masken. Der südkoreanische Abgeordnete Ha Tae-keung sagte gegenüber AP unter Berufung auf den Geheimdienst seines Landes, Kim Jong-un zeige „übermäßige Wut“ und ergreife „irrationale Maßnahmen“ gegen die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen.

Nordkorea: Deutsche Politiker mahnen wegen Hacker-Angriffen zu Wachsamkeit

Deutschland muss also wachsam sein. "Da Nordkorea im Bereich der Erforschung von Impfstoffen schlecht aufgestellt ist, versucht es jetzt über Cyberattacken und klassische Spionage an entsprechende Informationen zu kommen", sagte der CDU-Innenpolitiker Patrick Sensburg dem Handelsblatt. Der FDP-Innenexperte Konstantin Kuhle mahnte die Bundesregierung und betroffene Unternehmen, die Warnung des BfV ernst zu nehmen. "Die Gefahr von Cyberangriffen auf private Unternehmen, verbunden mit immensen wirtschaftlichen Auswirkungen, wird in Deutschland nach wie vor unterschätzt", sagte er dem Handelsblatt.

Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz führte die Lage auch auf Versäumnisse der Bundesregierung zurück. "Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass die Frage des Schutzes der IT-Infrastruktur eines der drängendsten Sicherheitsprobleme in Deutschland ist", sagte er der Zeitung. "In Sonntagsreden ist die Bundesregierung rhetorisch immer ganz vorne mit dabei in der IT-Sicherheit, in der Realität kriegt man nichts hin." (Christiane Kühl, mit AFP)

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