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SPD-Politiker René Schneider hat sich für die Zukunft einiges vorgenommen.

Aha-Erlebnis bei Kneipenbesuch

SPD-Politiker: „Dieser Abend war ein Wendepunkt“

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Für den SPD-Politiker René Schneider endete der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen nicht nur mit dem Verlust der Regierungsmehrheit. Auf seinem Blog beschreibt er wichtige Erkenntnisse.

Düsseldorf - An René Schneider lag es nicht, dass die SPD am vergangenen Sonntag ihre Regierungsmehrheit im Stammland Nordrhein-Westfalen verloren hat. In seinem Wahlkreis „Wesel II“ erzielte der Sozialdemokrat eine knappe Mehrheit und zog dadurch per Direktmandat in den Landtag ein, in seiner Heimatstadt Kamp-Lintfort holte er sogar satte 44.6 Prozent (Hier finden Sie die Ergebnisse aller Gemeinden und Wahlkreise in NRW). Er persönlich hätte also keinen Grund, sich über einen gescheiterten Wahlkampf Gedanken zu machen. Macht er aber. Und zwar mit mahnenden Worten an sich selbst. Und die rufen in ganz Deutschland Reaktionen hervor.

Auf seiner Homepage veröffentlichte er am Dienstag einen Blogeintrag mit dem Titel „Ein Wahlkampf, der mich verändert hat“. Darin beschreibt er die Eindrücke, die er in den vergangenen 20 Jahren gesammelt hat (Schneider ist seit 1997 aktiv) und auch, was sich in der jüngeren Vergangenheit veränderte. Drei Hauptbeobachtungen stellt er dabei fest. Und diese könnten den Wahlkampf für seine Parteigenossen und ihn in Zukunft auf merkbare Weise verändern, vielleicht sogar helfen, im Blick auf die Bundestagswahl im Herbst noch wichtige Stimmen zu erlangen. Dabei bekam er für offenen Worte viel positives Feedback: „Es beginnt eine Debatte, bei der wir wieder miteinander ins Gespräch kommen - Wähler, Nichtwähler und Gewählte. Genau das wollte ich gerne.“

Den Wahlkreis von René Schneider finden Sie auf unserer interaktiven Karte zur Landtagswahl 2017 in NRW, bei der alle Ergebnisse auch der Gemeinden verzeichnet sind. (Wesel II ist im Westen von NRW)

SPD-Mann: Infostände sind wichtig, zuhause besuchen wichtiger

So stellt er fest, dass der klassische Infostand-Wahlkampf eigentlich nur noch wenig bringt. „Es überrascht mich immer wieder, dass viele vor allem ältere Menschen die Präsenz ihrer Partei auf den Märkten erwarten“, schreibt Schneider. Im Gespräch mit unserer Onlineredaktion erklärt er das noch genauer: „Zumindest hier am Niederrhein ist die Ausstrahlungskraft der Stände an Märkten kleiner geworden. Weil eben auch die Kundschaft kleiner geworden ist.“ Sein Mittel dagegen: Die Menschen direkt zuhause besuchen. „Dort wird man tatsächlich seltener abgewiesen, als an einem Infostand.“

Schneiders zweite These: Präsenz im Internet und in den sozialen Netzwerken alleine gewinnt keine Wahlkämpfe. Ohne diese hat man aber keinerlei Chance. Vor allem bei Facebook und Co. betont Schneider im Interview: Politiker sind dann in Social Media erfolgreich, wenn „sie authentisch sind und ihre Beiträge selber schreiben.“

Seine dritte und wohl wichtigste Beobachtung ist eine Erkenntnis, die der SPD-Mann aus einem Kneipenbesuch zog. Und zwar keinem feucht-fröhlichem. Denn als er bei einer Veranstaltung eines Genossen zu Gast war, bot sich Schneider folgendes Bild: „Eine Diskussion in einer traditionellen Kneipe. Links der Tresen – vollbesetzt mit Pils trinkenden Männern – und rechterhand ein langer Tisch mit Desserttellern, die einen kleinen Imbiss versprachen.“ Auf der einen Seite also die Wähler und einfacheren Menschen, auf der anderen die Politiker. Nur fühlten sich erstere von letzteren weder eingeladen noch angesprochen. Und taten ihrem Unmut darüber auch kund: „Ihr habt uns ja nicht mal an Euren Tisch gebeten“, bekam Schneider zu hören und war darüber laut eigener Aussage „baff erstaunt. Denn mein Gefühl war, dass sich die Stammrunde wenig für uns interessierte, dass wir im Gegenteil den gemütlichen Feierabend störten.“

NRW-Politiker: Das „Die und Wir“ muss ein Ende haben

Zu diesem Zeitpunkt merkte er, was nicht stimmt. Der aus Missverständnissen entstandene Glaube, dass es ein „Die und Wir“ gebe. Deswegen verbrachte er den Rest des Kneipenbesuchs auch damit, mit den anderen Männern zu sprechen und deren „Wut und Enttäuschung“ zu lindern.

Dieses Erlebnis zeigte Schneider, dass es noch tiefgreifendere Probleme in der Kommunikation als Hausbesuche, Infostände oder Social Media gibt. „Für mich war dieser Abend ein Wendepunkt“, schreibt er in seinem Blog. Und ruft zu einem Mehr an Gemeinsamen  auf: „Wir müssen versuchen zu verstehen, warum jeder so fühlt und denkt wie er es tut. Dabei hilft einzig und allein das persönliche Gespräch.“ 

Er hat sich deswegen für die Zukunft vorgenommen, noch mehr zu den Menschen hinzugehen. „Raus aus meiner eigenen Filterblase und möglichst viele andere zum Platzen bringen.“ Gerade in seiner Rolle als Abgeordneter sieht er dies als Verpflichtung an. Dass er allerdings nicht jeden Einzelnen besuchen kann, sieht Schneider durchaus als Schwierigkeit an. Doch diese Hürde will er nehmen. „Ich beginne einfach mal damit.“

bix

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