1. Startseite
  2. Politik

AfD muss auch in NRW zittern - weil sie sich nicht mehr auf altbekanntes Umfrage-Phänomen verlassen kann

Erstellt:

Von: Andreas Schmid

Kommentare

Die AfD-Fraktionschefs Tino Chrupalla und Alice Weidel sowie der NRW-Abgeordnete Bernd Baumann
Zittern vor der NRW-Wahl: Die AfD-Fraktionschefs Tino Chrupalla und Alice Weidel sowie der NRW-Abgeordnete Bernd Baumann (vorne). © IMAGO/Jens Schicke

Der Norden straft die AfD ab: In Schleswig-Holstein fallen die Rechtspopulisten das erste Mal wieder aus einem Landtag. Droht selbiges auch in NRW?

Düsseldorf - Eigentlich war die AfD fest davon ausgegangen, auch nach der Landtagswahl in Schleswig-Holstein im Landtag vertreten zu sein. Die bittere Erkenntnis: Nach dem Urnengang am 8. Mai fliegt die AfD das erste Mal seit ihrer Gründung wieder aus einem deutschen Landtag. Laut vorläufigem Endergebnis erreichte die AfD im hohen Norden 4,4 Prozent. Ein Ergebnis, das nun auch in Nordrhein-Westfalen möglich ist? Zumindest gibt es Parallelen.

NRW-Wahl: AfD-Umfrageparallelen zu Schleswig-Holstein

Umfragen zur Schleswig-Holstein-Wahl hatten die Rechtspopulisten zuvor bei sechs Prozent gesehen. Bei den aktuellen Meinungserhebungen zur NRW-Wahl seit Anfang Mai steht die AfD bei sechs bis acht Prozent. Das sollte eigentlich reichen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Denn: Die AfD schneidet in Umfragen traditionell eher schlechter ab als am endgültigen Wahlsonntag.

Soziologen erkennen mehrere Gründe für dieses Phänomen. Zum Beispiel, dass AfD-Anhänger seltener an Umfragen teilnehmen oder die Verzerrung durch soziale Erwünschtheit. Vereinfacht gesagt, tendieren Befragte in Umfragen dazu, eher jene Antworten zu geben, die in der Gesellschaft beziehungsweise vom Umfragesteller erwartet oder erwünscht werden. Dieser Effekt tritt vor allem bei Anhängern von Parteien auf, die weiter von der politischen Mitte entfernt sind. Heißt: Möglicherweise verschweigen Befragte, dass sie für die AfD votieren.

AfD-Spitzenkandidat  Markus Wagner spricht während der Abschlussveranstaltung zum Landtagswahlkampf der AfD zu den Besuchern.
Wie viele Stimmen gehen am Sonntag an die AfD? Spitzenkandidat Markus Wagner will das Ergebnis der vergangenen NRW-Wahl holen. 2017 erreichte die AfD 7,4 Prozent. © Roland Weihrauch/dpa

NRW-Wahl: AfD vor Problemen? „Zerstrittenheit schreckt Wähler ab“

Also alles klar für NRW? Die Schleswig-Holstein-Wahl hat gezeigt, dass man sich auf diesen Effekt nicht immer verlassen kann. Dass die AfD ein deutlich schlechteres Ergebnis als in Umfragen erreichte, liegt wohl auch an innerparteilichen Streitereien. Das musste sich die Partei selbst eingestehen.

Die fünfköpfige Fraktion in Kiel ist längst auseinander gefallen, die frühere AfD-Landeschefin wurde aus der Partei und der Fraktion ausgeschlossen. „Zerstrittenheit schreckt Wähler ab“, stellte AfD-Spitzenkandidat Jörg Nobis nach der Wahlschlappe am Sonntagabend selbstkritisch fest. Interner Zank ist längst ein Markenzeichen der AfD. Auch die Verluste bei der Saarland-Wahl sind teils auf Zwist in den eigenen Reihen zurückzuführen, wenngleich gewiss auch der Ukraine-Krieg eine Rolle gespielt hat.

Video: AfD: Verluste bei Saar-Wahl durch internen Streit und Ukraine-Krieg

NRW-Wahl 2022: AfD-Streit um Russland-Ukraine-Politik

Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es Unstimmigkeiten. Weniger um Personen wie in Schleswig-Holstein. Vielmehr um die inhaltliche Ausrichtung. Der eskalierte Ukraine-Konflikt spaltet die Partei, nicht nur in NRW. Jahrelang hat sich die AfD vom Kreml hofieren lassen. Dem AfD-Spitzenkandidaten Nobis in Schleswig-Holstein ist das im Wahlkampf auf die Füße gefallen: „Uns wird nachgesagt, wir wären Putin-Versteher“, klagte er. Das kommt in der Bevölkerung nicht gut an.

Nach aktuellen Recherchen von Correctiv handelt es sich bei diesem „Nachsagen“ nicht nur um Spekulationen. Viele Abgeordnete der AfD fallen durch eine große Nähe zu Russland auf, ebenso wie übrigens bei der Linkspartei. Gleichzeitig gibt es ein paar AfD-Politiker, die sich klar zur Ukraine positionieren, wie der bayerische Abgeordnete Rainer Kraft. Diese Politiker weichen von der Parteilinie ab, was wiederum für internen Zwist um die Ausrichtung die Ukraine-Russland-Politik sorgt. Zwar hat die AfD als Oppositionspartei ohnehin wenig Einfluss auf Waffenlieferungen, scheint sich in der Frage aber dennoch zu spalten. So stimmte der NRW-Abgeordnete Roger Beckamp im Bundestag für Waffenlieferungen – entgegen der Vorgabe seines Parteichefs.

Die AfD steht für eine neutrale Haltung Deutschlands im Ukraine-Krieg, für einen Stopp der Waffenlieferungen und die Aufhebung der Sanktionen gegenüber Russland. (...) Es ist nicht unser Krieg.

AfD-Chef Tino Chrupalla auf einer NRW-Wahlkampfveranstaltung in Krefeld

NRW-Wahl: Wo es für die AfD besser aussieht als in Schleswig-Holstein

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus Schleswig-Holstein: Die Attraktivität der AfD für Protestwähler nimmt ab. Bei der Nord-Wahl 2017 bezeichneten sich noch 60 Prozent der AfD-Wähler als Protestwähler, am Sonntag nur noch 45 Prozent. Das heißt, die AfD hat inzwischen viele Wähler, die vor ihrer Wahlentscheidung genauer auf die Vorgänge in der Partei schauen - und ihr bei Missfallen die Stimme verweigern.

Mut macht der AfD derweil das Abschneiden bei der Arbeiterschaft. In dieser in NRW gewiss stärker als in Schleswig-Holstein präsenten Bevölkerungsgruppe holte die Partei 15 Prozent. Ebenfalls für die AfD sprechen könnte die enge Ausgangslage. In NRW gibt es nicht den ausgemachten Wahlsieger wie in Schleswig-Holstein, wo der Sieg von CDU-Ministerpräsident Daniel Günther schon vor dem Urnengang als fix galt.

Chrupalla zeigt sich vor der NRW-Wahl mit optimistischen Einschätzungen: Schleswig-Holstein sei eine reine Personen-Wahl gewesen mit großer Zufriedenheit mit der Landesregierung und dem Ministerpräsidenten. „In NRW sieht das ein bisschen anders aus.“ Dass die AfD also auch im bevölkerungsreichsten Bundesland aus dem Landtag fliegt, scheint unwahrscheinlich. Zittern muss die Partei aber wohl dennoch. (as)

Auch interessant

Kommentare