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Ist sie das Opfer in dem ganzen Spiel? Beate Zschäpe stellt sich in ihrer Aussage zumindest so dar.

Aussage vor Gericht verlesen

Beate Zschäpe inszeniert sich als Mitläuferin und Opfer

München - Zweieinhalb Jahre hat sie vor Gericht zu den NSU-Morden geschwiegen. Gestern hat Beate Zschäpe, 40, erstmals ihre Wahrheit erzählt, die sie von ihrem Anwalt verlesen ließ. Und inszeniert sich als Opfer.

Beate Zschäpe, 40, ist fröhlich, als sie den Gerichtssaal betritt. Mit schwarzem Hosenanzug und lachsfarbenem Tuch um den Hals, eskortiert von sechs Polizisten, eilt sie zu ihrem Platz. Sie wirft die langen, dunklen Locken nach hinten. Dann begrüßt sie ihre zwei neuen Verteidiger Mathias Grasel, 31, und Hermann Borchert mit Handschlag. Borchert ist zum ersten Mal im NSU-Prozess. Denn heute ist Zschäpes großer Tag vor Gericht. Heute kommt sie zu Wort. Heute wird ihre Erklärung verlesen. Ihre Wahrheit. Dafür darf sie zum ersten Mal zwischen ihren beiden Lieblingsanwälten Platz nehmen. Die große Zschäpe-Show kann beginnen.

Man kann es auch sachlicher ausdrücken. So wie der Vorsitzende Richter Manfred Götzl: „Für heute ist angekündigt eine Erklärung der Frau Zschäpe.“ Die 53 Seiten starke Aussage liegt in den Händen von Mathias Grasel, verfasst in Ich-Form, obwohl Zschäpe selbst weiter schweigen wird. Ihre drei ursprünglichen Anwälte sitzen daneben, die hatten ihr von einer Aussage abgeraten. Es folgte ein monatelanger Streit, Zschäpe wollte ihre Verteidiger rauswerfen. Weil das nicht ging, holte sie Borchert und Grasel an ihre Seite – ein Wendepunkt in der Prozess-Strategie.

„Bitte“, sagt Richter Götzl. Grasel steht auf und setzt an. Die Journalisten hacken wie wild in ihre Laptops, als Grasel beginnt: „Nach Beratungen mit meinen beiden Verteidigern Mathias Grasel und Hermann Borchert gebe ich folgende Stellungnahme ab.“

Verkorkste Kindheit: Ausrede oder Erklärung?

Die Erklärung, die anderthalb Stunden dauern wird, beginnt mit dem Lebenslauf von Beate Zschäpe, die am 2. Januar 1975 als Beate Apel in Jena geboren wurde – und zeichnet einen ziemlich verkorksten Werdegang. Ihren Vater kennt sie nicht, erst hieß sie wie die Mutter, dann jeweils wie die beiden Ehemänner ihrer Mutter. Die Rede ist von Alkoholproblemen der Mutter, von Arbeitslosigkeit und Geldproblemen. 1990 lernte sie Uwe Mundlos kennen, der zu ihr zog. Die Clique traf sich in Jena und hörte Nazi-Lieder.

Radikaler soll es geworden sein, als Zschäpe an ihrem 19. Geburtstag Uwe Böhnhardt kennenlernte. Sie verliebte sich. Der Ex-Häftling trug Bomberjacke und Springerstiefel und besaß eine Vielzahl an Waffen. Ihr Freundeskreis änderte sich mit ihm. Von nun an ging es zu Nazi-Konzerten, Wehrmacht-Ausstellungen und Sonnwendfeiern.

Radikalisiert wurde sie erst, als der V-Mann Tino Brandt hinzu kam, der Gruppen koordinierte, Propagandamaterial und Aktionen finanzierte. Nach einer Hausdurchsuchung tauchten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ab.

Als nach einem Jahr im Untergrund das Geld aufgebraucht war, kamen die beiden Männer auf die Idee zu einem Raubüberfall. „Ich war einverstanden“, sagt Zschäpe. Sie sei nicht beteiligt gewesen, „aber ich profitierte von dem Geld“. Damals schon wollte sie sich stellen, beteuert sie. Aber die Männer hätten sie abgehalten. „Sie hatten mit der Rückkehr ins bürgerliche Leben abgeschlossen.“ Die beiden hätten wortwörtlich gesagt: „Wir haben es verkackt.“ Nach mehreren Überfällen habe auch sie den Gedanken aufgegeben: „Zehn Jahre Gefängnis waren für mich unvorstellbar. Sie hätten mich auch für die Raubüberfälle verurteilt, obwohl ich nichts davon wusste.“

Beate Zschäpe verzieht keine Miene

Während Grasel die Aussage verliest, sitzt Beate Zschäpe reglos auf der Anklagebank. Sie schaut auf den Tisch vor sich, sie verzieht keine Miene. Sie will von nichts gewusst haben, das ist die Kernaussage von Zschäpes Erklärung – auch nicht vom ersten Mord an Enver Simsek am 9. September 2000. „Es gab keine Absprache, was in Nürnberg passieren solle“, sagt sie. Die beiden Männer seien oft einfach so losgegangen, von Waffen habe sie nichts gewusst. Nach ihrer Rückkehr aus Nürnberg sagten sie, dass nichts los war, so erzählt sie es. Erst an Weihnachten hätte sie an den Blicken von Uwe Mundlos gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er sagte ihr dann, was drei Monate vorher passiert war. „Ich war geschockt. Ich konnte nicht glauben, was sie getan hatten. Ich bin regelrecht ausgeflippt.“ Aber sie habe keine klare Antwort bekommen, warum die Männer einen Menschen getötet hätten. „Ihr Handeln war für mich unakzeptabel und unerträglich“, sagt Zschäpe. Und dennoch ging das Morden weiter. Später brüsteten sie sich sogar damit, „dass sie vier weitere Ausländer umgelegt hätten“. Die Polizistin Michèle Kiesewetter sollen sie ermordet haben, nur um an ihre Pistole zu kommen – weil die eigene Ladehemmungen hatte.

Für die Mord-Serie macht die Angeklagte ausschließlich ihre Komplizen verantwortlich, die 2011 Selbstmord begingen. Und dennoch wird deutlich, dass sie irgendwann vom Morden und von den Bombenanschlägen der beiden wusste. Und die Taten hinnahm. „Ich ergab mich meinem Schicksal, mit diesen Männern zusammenzuleben.“ Zschäpe beschreibt ein emotionales Dilemma. Sie macht sich selber zum Opfer. „Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie. Für Uwe Mundlos hegte ich tiefe freundschaftliche Gefühle, Uwe Böhnhardt liebte ich. Sie waren meine Familie.“ Nach dem Bombenanschlag in Köln 2004 vertraute sie den beiden angeblich nicht mehr. Trotzdem stellte sie sich nicht: aus Angst vor einer Haftstrafe; aus Angst vor der Schuld am Tod der Männer, die für den Fall der Entdeckung mit dem Selbstmord drohten; und aus Angst, Böhnhardt nie wieder zu sehen. „Ich war nicht in der Lage, Konsequenzen zu ziehen.“ Stattdessen habe sich eine Leere in ihr ausgebreitet. Sie habe den ganzen Tag Computer gespielt, drei bis vier Flaschen Sekt pro Tag getrunken und ihre Katzen vernachlässigt, „was gänzlich untypisch für mich war“.

Die Wahrheit der Hinterbliebenen

Am Ende der Erklärung schlägt Zschäpe ganz andere Töne an: „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, sagt sie. „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern der durch Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten.“ Grasel ist fertig. Zschäpe legt die Hände in den Schoß. Sie wirkt erleichtert. Endlich, nach 248 Prozesstagen des Schweigens, konnte sie ihre Version der Wahrheit präsentieren. Die Wahrheit der Hinterbliebenen der Opfer ist es freilich nicht.

Gamze Kubasik, Tochter des ermordeten Mehmet Kubasik, glaubt ihr kein Wort: Sie hätte vieles beantworten können. „Sie hat jedoch nach einer sehr langen Verhandlung jetzt einfach versucht, ihre Rolle herunterzuspielen. Für mich ist das reine Taktik und wirkt total konstruiert.“

Opferanwalt Mehmet Daimagüler nennt Zschäpes Erklärung ein „Lügenkonstrukt“. Opferanwalt Stephan Lucas sagt: „Heute hat man sehr gut verstehen können, warum es manchmal klug ist, einfach den Mund zu halten. Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt.“

Tatsächlich ist diese Taktik schon mal schiefgegangen. Zschäpes neuer Verteidiger Borchert hatte einem anderen Mandanten in einem Mordprozess zur Aussage geraten – und war damit gescheitert. Im Fall des Doppelmords an zwei Mädchen in Krailling (Kreis Starnberg) hatte der angeklagte Onkel nach zweimonatigem Schweigen doch noch das Wort ergriffen. Wenn das Gericht noch irgendeinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten gehabt habe, mit dieser Aussage sei er ausgeräumt worden, sagte der Vorsitzende Richter damals – und verurteilte den Onkel zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld.

Was das Gericht im Fall Zschäpe für die Wahrheit hält, ist noch offen. Richter Götzl hat den heutigen Prozesstag abgesagt. Man wolle die Erklärung „wirken lassen“ und Fragen formulieren. Zschäpe hat bereits angekündigt, dass sie die Fragen nur schriftlich beantworten wird.

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