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Jetzt redet er: Der Angeklagte Ralf Wohlleben.

Zweitwichtigster Angeklagter

NSU-Prozess: Auch Wohlleben bestreitet alles

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München - Nach Beate Zschäpe hat auch Ralf Wohlleben sein Schweigen im NSU-Prozess gebrochen. Er bestreitet, die Mordwaffe für die Killer besorgt zu haben. Aus seiner rechten Gesinnung macht er allerdings keinen Hehl.

Ein unscheinbarer Mann mit grauen Schläfen, im grauen Pulli, sitzt in der zweiten Reihe der Anklagebänke, vor ihm ein Packen Papier. Zweieinhalb Jahre saß er im NSU-Prozess und schwieg. Bis jetzt. Es ist Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben (40), der dem NSU eine Ceska-Pistole zum Morden besorgt haben soll. Am Mittwoch kündigt er überraschend seine Aussage an. Vor einer Woche hatte die Hauptangeklagte Beate Zschäpe (40) ausgesagt – besser gesagt: aussagen lassen. Nun ergreift Wohlleben das Wort. Er liest selbst vor – im thüringischen Dialekt. Seine Aussage ist noch länger, noch ausgefeilter, noch distanzierter als die von Zschäpe. Er inszeniert sich als noch unschuldiger.

Die Augen der Beobachter liegen meist auf Zschäpe, weniger auf den vier weiteren Angeklagten. Zweitwichtigster ist dabei Wohlleben, der wie Zschäpe seit 2011 in Untersuchungshaft sitzt. Er ist wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Mit der Ceska hatten die NSU-Killer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Migranten erschossen. Den zehnten Mord an einer Heilbronner Polizisten begingen sie mit einer anderen Mordwaffe.

Wohlleben macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung

Vorweg sagt Wohlleben, dass er eine schriftlich vorformulierte Erklärung vortrage, weil er wegen der langen U-Haft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Dann berichtet er ausführlich von seinem Werdegang. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung geriet der gelernte Fachinformatiker für Systemintegration offenbar ins Schleudern. Er habe sich von frühester Jugend an für Politik interessiert, sagt er. Nach der Wende habe er sich bessere Verhältnisse erwartet, doch die seien nicht eingetreten. Er und seine Freunde seien „politisch unzufrieden“ gewesen. „Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen.“ Er habe sich geärgert, dass man gleich als Nazi angesehen worden sei, wenn man eine Deutschlandfahne geschwenkt habe. In den Folgejahren habe er zunehmend rechte Veranstaltungen besucht. Schließlich habe ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten – der inhaftierte Brandt war ein Anführer in der Szene und zugleich V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Wohlleben machte Karriere bei den Rechten: Er war stellvertretender Landesvorsitzender und Pressesprecher der NPD Thüringen.

Wohlleben liest so zügig vor, dass er zweimal gebeten wird, langsamer zu sprechen. Er gibt sich Mühe, etwas langsamer zu lesen – und fragt höflich, ob er noch einmal etwas wiederholen soll.

Der mutmaßliche Terrorhelfer will nichts von den schweren Straftaten gewusst haben

Der Angeklagte macht bis heute keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung. Bei den verschiedenen Gruppierungen, in denen er aktiv war, sei die Heimat im Vordergrund gestanden. Er sei für „ein Europa der Vaterländer“, das würde er heute noch so unterschreiben. Er habe nichts gegen Ausländer, sondern „gegen eine Politik, die massenhaft Zuzug fördere“. Jegliche Art von Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele habe er aber immer abgelehnt. Das Verhalten seiner Freunde Mundlos und Böhnhardt habe nie Anlass gegeben für die Vermutung, „dass sie irgendwann einmal schwere Straftaten begehen würden – schon gar nicht gegen Ausländer.“

Doch sie begingen diese Taten. Der mutmaßliche Terrorhelfer Wohlleben will nichts davon gewusst haben. Er habe seine Freunde zwar im Untergrund unterstützt. Aber: „Wenn ich gewusst hätte, dass sie töten werden, hätte ich sie schon bei der Flucht nicht unterstützt.“ Von den zehn Morden und zwei Bombenanschlägen habe er „wie alle anderen auch“ erst nach dem Auffliegen der Terrorzelle 2011 erfahren. „Ich bedaure jede Gewalttat“, sagt er. „Den Angehörigen der Opfer gilt mein Mitgefühl.“ Zugleich wirft er den Behörden Versagen vor.

Der 40-Jährige räumt ein, dass er vom untergetauchten Böhnhardt gebeten wurde, eine Waffe zu beschaffen. Ein deutsches Fabrikat sollte es sein. Er ist angeblich davon ausgegangen, dass Böhnhardt sich selbst damit erschießen wollte, sollte er auffliegen. Doch er habe keine Waffe besorgen und am Suizid von Böhnhardt schuld sein wollen. Schließlich habe Carsten S., einer der weiteren Angeklagten, von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen. Auch mit der Bezahlung der Pistole habe er nichts zu tun gehabt, sagt Wohlleben – Carsten S. behauptet das Gegenteil. Wohlleben will heute Fragen beantworten.

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