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Ismail Yozgat

„Warum haben Sie meinen Sohn getötet?“

NSU-Prozess: Bewegende Aussage eines Vaters

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München – Jetzt hält es Ismail Yozgat nicht mehr aus auf dem Stuhl. Er springt auf, dreht sich um die eigene Achse, die Augen weit aufgerissen, das Entsetzen ist in sein Gesicht geschrieben.

„Sesi cikmadi!“, ruft er immer wieder. „Er hat keine Antwort gegeben!“, übersetzt der Dolmetscher, der links neben ihm sitzt. Es ist der Moment, in dem Yozgat schildert, wie er am 6. April 2006 seinen Sohn Halit fand – hingerichtet mit Kopfschüssen. „Ich habe meinen Sohn liegen sehen, ich weiß nicht, wie ich den Tisch weggeschoben habe, dann habe ich meinen Sohn in die Arme genommen.“

Es ist der bisher bewegendste Moment im Mammutprozess gegen Beate Zschäpe und die vier mutmaßlichen Unterstützer der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). „Ich bin Ismail Yozgat, der Vater des 21-jährigen Märtyrers Halit Yozgat“, stellt sich der Vater des neunten Mordopfers vor. Yozgat sitzt zwischen dem Dolmetscher und seinem Anwalt, er trägt eine graue Hose und ein weißes Hemd. Seine Frau sitzt direkt hinter ihm und legt ihm immer wieder beruhigend die Hände auf den Rücken. Doch es nützt nichts. Ismail Yozgat ist verzweifelt, wütend, enttäuscht und das sollen alle wissen. Immer wieder überschlägt sich seine Stimme. „Märtyrer“, nennt er die Opfer des NSU, die neun Migranten und eine Polizistin.

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Gelegentlich unterbricht der Vorsitzende Richter Manfred Götzl, bittet ihn, sich zu beruhigen, doch er gibt Yozgat viel Raum, um seine Gefühle auszudrücken. Als Götzl ihn fragt, wie sein Sohn dagelegen habe, legt sich der 58-Jährige spontan mitten im Gerichtssaal auf den Bauch. Dann erzählt Yozgat, dass er seinen Sohn an diesem Tag ein paar Minuten zu spät abholte. Er hatte sich verspätet, weil er sich ein Geburtstagsgeschenk aussuchen sollte, der am nächsten Tag anstand. Halit hatte es so gewollt und doch klingen bei Ismail Yozgat nun die Vorwürfe mit, die er sich selbst macht: Wäre er pünktlich gewesen, vielleicht hätte er selbst dort gestanden, wo seinen Sohn die Schüsse trafen. „Als ich kam, sah ich meinen Sohn im vollen Blut“, sagt er. „Am nächsten Tag habe ich mir meinen Geburtstag verboten – bis zu meinem Tode wird mein Geburtstag nicht mehr gefeiert.“

Ismail Yozgat hat ein Kinderfoto seines ermordeten Sohnes Halit aufgehängt.

Er spricht die Angeklagten direkt an: „Warum haben Sie meinen Sohn getötet?“ Yozgat erzählt von den falschen Verdächtigungen gegen seine Familie. „Wir haben uns nicht getraut, als Familie hinauszugehen, alle haben uns schlecht angeschaut.“ Es habe Gerüchte geben, seine Familie habe nun eine hohe Entschädigung bekommen. „Wir als haben vom Staat überhaupt kein Geld bekommen, das wollen wir auch nicht“, stellt er klar. „Wir wollen, dass die Gesetze eingehalten werden, dass das Recht seinen Platz bekommt.“ Und er wünsche sich, dass die Straße, in der Halit Yozgat geboren und ermordet wurde, künftig dessen Namen trägt.

Er habe noch Vertrauen in den deutschen Staat, sagt Yozgat. Doch es sei vor allem durch Menschen wie Andreas T. erschüttert worden. T. muss nach Yozgat aussagen. Der ehemalige Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes galt lange als Hauptverdächtiger. Wie vier andere Zeugen war er zur Tatzeit im Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel gewesen, in dem Yozgat erschossen wurde. Doch Andreas T. meldete sich nicht bei der Polizei. Die fand erst durch die Auswertung der Computer heraus, dass er überhaupt dort war. Ausgerechnet ein Verfassungsschützer, der unter anderem einen V-Mann in der rechten Szene führte und selbst rechten Gedanken nicht abgeneigt gewesen sein soll. Es wurde lange ermittelt, doch am Ende stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen T. ein. Nun ist er der wohl dubioseste Zeuge im Prozess.

Andreas T., 46, hochgewachsen, Glatze, eiert herum bei seiner Aussage, nervös knetet er seine Hände. Er habe gedacht, dass er nicht am Tattag, sondern am Tag davor im Internetcafé gewesen sei, vom Mord habe er erst später aus der Zeitung erfahren. Gemeldet habe er sich nicht, damit seine schwangere Frau nicht erfährt, dass er mit anderen Frauen übers Internet flirtete. T. will an diesem Tag nach Halit Yozgat gesucht haben, um zu bezahlen – da lag der wohl schon ermordet hinter dem Tresen. Er habe das Geld einfach auf den Tisch gelegt und sei gegangen, sagt T. Doch warum sah er den Sterbenden nicht? Warum hörte er als einziger im Café die Schüsse nicht? Warum hat er sich nicht gemeldet? Überzeugende Antworten liefert T. gestern nicht. Richter Götzl hakt immer wieder nach, sagt, dass er die Erklärungen für nicht glaubwürdig hält. Am Nachmittag unterbricht er die Vernehmung. Andreas T. muss wiederkommen – und dann auch die Fragen der Angehörigen beantworten. Seine gemurmelte Beileidsbekundung am Ende des Tage wird das nicht ändern.

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