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Carsten S. sitzt neben seinem Anwalt Johannes Pausch und verbirgt sein Gesicht uinter einer Kapuze.

NSU-Prozess

Welche Rolle spielt die mysteriöse Handynummer?

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München - Beim NSU-Prozess drückte der Angeklagte Carsten S. den Angehörigen der Opfer am Mittwoch sein Mitgefühl aus. Doch es ergaben sich auch weitere offene Fragen: Gab es eine Verbindung nach Nürnberg zum ersten Opfer?

Es dauert fast sieben Verhandlungstage, bis sich Carsten S. doch noch ein Herz fasst. Sieben Tage lang sagt der 33-Jährige nun schon aus: Warum hat er den mutmaßlichen Terroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) eine scharfe Waffe besorgt? Hat er wirklich nicht gewusst, was sie damit vor haben? Welche Gesinnung hatte er damals? Wieder und wieder hat Carsten S. die Fragen von Richtern, Bundesanwälten und den Anwälten der Angehörigen der Opfer der mutmaßlichen NSU-Taten beantwortet. Manche kurz und klar, bei Fragen nach Motiven und Gesinnungen eierte er herum.

Jetzt, am Mittwochnachmittag scheint es vorbei zu sein, kein Nebenklage-Vertreter hat mehr Fragen. Da bittet Carsten S. noch einmal um das Wort. „Ich wollt’ noch was sagen.“ Es folgt langes Schweigen, dann ein Räuspern. „Ich kann nicht. . .“, setzt er an, bricht ab, ringt um Worte. „Ich kann nicht ermessen, was Ihren Angehörigen für unglaubliches Leid und Unrecht angetan wurde“, sagt er gerichtet an die Nebenkläger. Doch die sind gar nicht im Saal, sondern lassen sich von ihren Anwälten vertreten. „Ich bin mir auch absolut nicht sicher, beziehungsweise denke ich mir, eine Entschuldigung wäre zu wenig. Eine Entschuldigung klingt für mich wie ein ,Sorry‘, wie: dann ist es vorbei – und es ist noch lange nicht vorbei.“ Carsten S. klingt ungelenk, aber er klingt echt. „Ich wollte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken.“

Auch Holger G., ebenfalls ein mutmaßlicher Helfer des Trios um die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, hatte sich bereits entschuldigt. Doch er las die Worte vom Blatt ab und weigerte sich Fragen zu beantworten. „Auch wenn ich meine, dass Carsten S. noch lange nicht alles gesagt hat, was er weiß, muss man seine Mitgefühlsbekundung durchaus anerkennen – jedenfalls stärker als die von Holger G. verlesene Erklärung“, sagt nach der Verhandlung auch Nebenklageanwalt Sebastian Scharmer. Seine Kollegin Angelika Lex sieht das anders. „Die Entschuldigung hat authentisch gewirkt, aber sie kam zu einem seltsamen Zeitpunkt“, sagt sie. Bei ihr sei der Eindruck entstanden, S. tue sich immer noch selbst leid, zudem weiche er vielen Fragen aus.

Tatsächlich bleiben auch nach dem Vernehmungsmarathon der vergangenen Tage weiter viele Fragen offen – und es kommen neue hinzu. Eine wirft völlig überraschend gestern Nebenklagevertreter Yavuz Selim Narin erstmals auf. Gibt es eine Verbindung zwischen Carsten S. und einem der Mord-Anschläge in Nürnberg? In seinen Telefonkontakten fanden die Ermittler eine Handynummer. Laut Eintrag soll sie einem „Tino B.“ gehören. Erreichte man unter dieser Nummer also Tino Brandt, damals eine Größe in der rechten Szene Thüringens und V-Mann des Verfassungsschutzes? Dass S. und Brandt in Kontakt standen, ist bekannt. Schon am Dienstag hatte S. eingeräumt, dass er Brandt auch von seinem Kontakt zum untergetauchten Trio berichtet hatte. Die Fragen, ob der V-Mann diese Information an den Verfassungsschutz weitergegeben hat und was dort geschah, blieben im Prozess offen.

Doch die unter „Tino B.“ gespeicherte Handynummer gehört gar nicht Tino Brandt, sondern einem anderen Mann. S. behauptet gestern, den Namen dieser Person noch nie gehört zu haben. Ist die Nummer also ohne Bedeutung? Schwer zu glauben, denn der Mann, dem die Handynummer gehörte, ist ausgerechnet ein Blumenhändler aus Nürnberg. Dort wurde im September 2000 Enver Simsek vom NSU ermordet – ebenfalls ein Blumenhändler. Die Handynummer wurde laut Anwalt Narin erst kurze Zeit vor dem Mordanschlag registriert.

Zufall? Narin kündigte an, der Frage im Prozess weiter nachzugehen.

Philipp Vetter

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