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Im NSU-Prozess hat der als Helfer angeklagte Carsten S. gestanden, dass er die spätere Mordwaffe für das Terror-Trio besorgte.

Carsten S. sagt aus

NSU-Prozess: Der Kleene und die beiden Uwes

München - Im NSU-Prozess hat der als Helfer angeklagte Carsten S. gestanden, dass er die spätere Mordwaffe für das Terror-Trio besorgte.

Wenn Carsten S. die Kapuze seiner dunkelblauen Jacke herunterstreift, mit der er sein Gesicht vor den Fotografen schützt, versteht man, warum ihn das mutmaßliche Terror-Trio nur den „Kleenen“ nannte. Carsten S. sieht selbst für seine 33 Jahre jung aus: schwarze, dichte Haare, ein bubenhaftes Gesicht. Der „Kleene“ ist der erste Angeklagte im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer der rechten Terror-Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der gestern vor dem Oberlandesgericht München aussagte.

Carsten S. gilt als Kronzeuge, der helfen soll, Zschäpes Beteiligung an den NSU-Morden an neun Migranten und einer Polizistin zu beweisen. Doch auch gegen S. erhebt die Bundesanwaltschaft schwere Vorwürfe. Sie hat ihn wegen neunfacher Beihilfe zum Mord angeklagt, weil er die Waffe besorgt haben soll, die zum Erkennungsmerkmal des NSU wurde: eine Ceska-Pistole .

Nur zwei, drei Mal habe er die mutmaßlichen Haupttäter, Beate Zschäpe sowie Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich nach der Entdeckung des NSU erschossen, in Jena getroffen. Dort gehörte auch S. um die Jahrtausendwende zum festen Kern der rechten Szene. Einmal habe ein Bekannter angerufen und gefragt, ob er mit ein paar Leuten vorbeikommen könne. „Ich weiß, dass die beiden Uwes dabei waren, weil ich Plastiktüten rausgesucht habe für die Stiefel“, erzählt S. vor Gericht. Mundlos und Böhnhardt wollen ihre Springerstiefel nicht ausziehen, aber trotzdem den Teppich schonen und streifen deshalb in der Wohnung Tüten darüber. Später als das Trio untergetaucht war, habe der Mitangeklagte Ralf Wohlleben ihn gefragt, ob er helfen könne, erzählt Carsten S.. Er sollte vor allem der Kontaktmann sein, da Wohlleben fürchtete, überwacht zu werden. „Ich weiß, dass es dann mit den Telefonkontakten losging“, erzählt S. „Der Herr Wohlleben hat mir gezeigt, wie das ging: Wir hatten eine Handynummer, die wir von einer Telefonzelle aus angerufen, den dreien die Nummer der Telefonzelle durchgegeben und dann einen Rückruf bekommen haben.“ Mal soll er in Zschäpes alte Wohnung einbrechen und Papiere besorgen, mal ein Motorrad stehlen – beides geht gründlich schief.

„Das Nächste war dann der Wunsch nach der Waffe“, erzählt S. Eine Handfeuerwaffe, „möglichst deutsches Fabrikat“ und Munition, hätten „die Uwes“ am Telefon gefordert. Carsten S. erzählt es Wohlleben, der schickt ihn zu einem Szenehändler, gibt ihm später auch das Geld für die Waffe – auch wenn es keine deutsche ist. Besonders detailliert sind S.’ Erinnerungen nicht. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hakt nach: „Haben Sie erfahren, zu welchem Zweck diese Waffe gebraucht wurde?“ „Nein.“ „Haben Sie nachgefragt?“ „Nein.“ „Haben Sie sich Gedanken gemacht?“ Pause, dann: „Ich dachte, dass nix schlimmes passieren würde, ich hatte ein positives Gefühl, was die drei anging.“

Carsten S. belastet nicht nur sich selbst schwer. „Ich habe noch dieses Bild im Kopf, wie der Herr Wohlleben den Schalldämpfer auf die Waffe geschraubt hat und dabei Lederhandschuhe an hatte“, erzählt S.. Wohlleben ist auch wegen neunfacher Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S. hatte sich bereits Jahre bevor der NSU aufflog von der rechten Szene gelöst. Vor Gericht erzählt er, wie er über einen Freund hineinrutschte. Er berichtet auch von seinen Problemen mit der eigenen Homosexualität. Die ist es am Ende, die ihn von den Rechten abbringt. Ihm sei klar geworden, dass er in der Szene nie schwul leben könne. Als Wohlleben gegen Homosexuelle hetzt, geht das Carsten S. nicht mehr aus dem Kopf. „Am Ende stand die Erkenntnis: Das sind nicht deine Leute."

Von Philipp Vetter

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