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Semiya Simsek, die Tochter des ersten NSU-Opfers.

Kriminaler sagt im NSU-Prozess aus

Fall Simsek: Ermittler gerieten auf falsche Spur

München - Im NSU-Prozess berichtet ein Kriminalbeamter vor Gericht, warum die Polizei im Mordfall Simsek von einer falschen Fährte auf die nächste geriet.

Dieser Donnerstag ist ein wichtiger Tag für Semiya und Kerim Simsek. Im NSU-Prozess geht es wieder um den Mord an ihrem Vater – fast 13 Jahre sind vergangen, seit Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Seine Kinder waren damals 13 und 14 Jahre alt. Es folgten Jahre, in denen auch gegen die Familie ermittelt wurde. Opfer, hat Semiya Simsek einmal gesagt, durften sie nie sein. Bis am 4. November 2011 der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) aufflog.

Nun sitzen die Geschwister als Nebenkläger im NSU-Prozess, ihr Vater gilt heute als erstes Mordopfer der rechten Terrorzelle. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen ihn erschossen haben, aus reinem Ausländerhass. Am Donnerstag hört die Familie, wie ein leitender Polizeibeamter die Ermittlungen schildert, wie er von Spuren ins kriminelle Milieu berichtet – und wie sich jede einzelne dieser Spuren als falsch erwies.

Als er fertig ist, ergreift Kerims Anwalt Stephan Lucas das Wort: „Im Laufe der Ermittlungen kam Enver Simsek in Verdacht, in kriminelle Machenschaften verstrickt gewesen zu sein“, sagt er. „Der Zeuge hat heute ganz klar gesagt, dass diese Spuren nicht stimmten.“ Ihren Vater öffentlich von jedem Verdacht freigesprochen zu wissen – das war eines der Ziele der Simseks in dem Prozess, auf den sie 13 Jahre warten mussten. „Ich wollte aus seinem eigenen Mund hören, dass die ganzen Ermittlungen und Verdächtigungen, denen wir über Jahre ausgesetzt waren, zu keinem Ergebnis geführt haben“, sagt Semiya Simsek später.

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Die Aussage des Kriminalers offenbart, wie die Ermittler von einer falschen Fährte auf die nächste gerieten. „Die ersten Ermittlungen führten zur Konkurrenz“, sagt er. Es habe einen Blumenhändler gegeben, der gedroht habe, Enver Simsek zu vernichten. „Wir bekamen die Information, dass er nach einem Killer gesucht habe.“ Über diesen Händler fanden die Ermittler einen Mann, der aussagte, er habe gemeinsam mit Simsek Drogen geschmuggelt. Eine Lüge. Dann äußerten die Blumenhändler, Enver Simsek habe eine Affäre gehabt. Die Polizisten zeigten seiner Ehefrau ein Foto, behaupteten, es sei die Frau, mit der Simsek auch Kinder habe – in der Hoffnung, mehr von der Witwe zu erfahren. Doch sie sagte nur: Wenn das tatsächlich Kinder ihres Mannes seien, wolle sie sie in ihrem Haus aufnehmen.

Es ist nicht die einzige Ermittlungsweise, die im Nachhinein fragwürdig wirkt: So überwachten die Ermittler auch die Telefone der Simseks. Die Begründung: Die Familie habe nicht ihr ganzes Wissen zu den möglichen Hintergründen der Tat mit der Polizei geteilt. Die Witwe habe einmal geäußert, erinnert sich der Beamte, ob nicht auch Fremdenfeindlichkeit ein Motiv sein könnte. „Dafür gab es aber keine konkreten Hinweise.“

Ann-Kathrin Gerke

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