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Einstige Weggefährten: Ralf Wohlleben (li.) und Carsten S.

Aussage von Wohlleben gefordert

Carsten S.: Will mich nicht alleine nackig machen

München - Im NSU-Prozess will sich Carsten S. nicht alleine "nackig machen" und fordert deshalb seinen ehemaligen Freund und Mitangeklagten Ralf Wohlleben zu einer Aussage auf – doch der schweigt.

War Carsten S. überzeugter Nazi? Und wieso gab er der Polizei auch nach seinem Ausstieg aus der rechten Szene keinen Hinweis auf die untergetauchten Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)? Am fünften Tag seiner Befragung im Terror-Prozess stellte sich der wegen Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagte S. gestern solchen Fragen – nur einem wollte er nicht antworten: seinem ehemaligen Freund und Vorbild Ralf Wohlleben.

Zwischen Wohlleben und Carsten S. liegen etwa drei Meter Anklagebank. Einst sollen sie zusammen mit ihrer rechten Clique um die Häuser gezogen sein, randalierend, prügelnd. Gemeinsam sollen sie den mutmaßlichen Rechtsterroristen des NSU um die Jahrtausendwende die Pistole beschafft haben, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos später neun Menschen töteten. Wohlleben wurde NDP-Funktionär, S. wurde Sozialpädagoge. Er ist schwul, stieg 2001 aus der Szene aus. Heute habe er „gar kein Verhältnis“ mehr zu Wohlleben, sagt er. Vor Gericht belastet er seinen ehemaligen Kumpel schwer. Ralf Wohlleben hingegen schweigt beharrlich – und das stört Carsten S. offenbar.

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„Es ist mir wichtig, dass nicht nur ich meine Geschichte erzähle, sondern auch er“, sagte er gestern. Er habe im Prozess den Begriff der „Waffengleichheit“ gelernt. Die fordere er nun auch von Wohlleben: „Dass nicht nur ich mich nackig mache, sondern er auch.“ Und dann überraschte S. mit einer Ankündigung: Er werde keine Fragen von Wohllebens Verteidigern beantworten, solange der nicht selbst umfassend aussagt.

Das saß, denn bisher hatte Carsten S. bereitwillig alle Fragen beantwortet. Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke verlor kurz die Contenance: „Ich fasse es nicht“, stieß er hervor, um dann sofort zu erklären, dass Wohlleben trotzdem nichts sagen werde: „Wir lassen uns nicht erpressen.“ Eine Vertreterin der Nebenklage gab zu bedenken, dass durch Fragen Wohllebens womöglich ein Einblick in dessen Wissen über den NSU zu erwarten sei. „Das haben wir auch überlegt“, sagte Jacob Hösl, der Carsten S. vertritt. Doch sein Mandant habe das „menschliche Motiv“, dass auch Wohlleben die Karten auf den Tisch lege. Dessen Miene blieb unbewegt.

Am zehnten Verhandlungstag im Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und vier als Helfer des NSU angeklagte Männer bekamen zum ersten Mal die Nebenklage-Vertreter Gelegenheit, Fragen zu stellen. Sie, die für die Angehörigen der Opfer sprechen, wollten von S. wissen: Was dachte er sich dabei, den Untergetauchten eine Waffe zu liefern? Wieso stellte er keine Fragen – obwohl er, wie er sagte, ein „komisches Gefühl“ hatte? Von wem bekam er Anweisungen? Doch auch wenn man dem 33-Jährigen das Bemühen zur Aufklärung glauben mag: Eine schlüssige Erklärung für sein Verhalten gab es auch gestern nicht: „Ich weiß nicht, wieso ich die Dinge damals nicht so klar gesehen habe, wie ich sie heute sehe.“ Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Dann sollen auch die Verteidiger von Beate Zschäpe Carsten S. befragen – ihnen will er antworten.

A. Gerke

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