Alles zum NSU-Prozess

So wirkte Beate Zschäpe vor Gericht

München – Beherrscht, selbstsicher, sogar charmant: Beim Auftakt des Prozesses gegen den NSU hat Beate Zschäpe einen überraschend souveränen Auftritt hingelegt. Die Vorwürfe spielen noch keine Rolle – erst mal werfen die Verteidiger den Richtern vor, befangen zu sein.

Beate Zschäpe geht etwas zu schnell. Das ist das einzige Zeichen, dass sie sich unwohl fühlt, als sie um 9.55 Uhr den Sitzungssaal A101 des Münchner Strafjustizzentrums betritt. Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug, weiße Bluse, keine Handschellen. Man könnte sie für eine Anwältin halten. Die Arme verschränkt sie vor der Brust, minutenlang, das hat sie sich wohl vorher überlegt. Die 38-Jährige wirkt selbstsicher, ja energisch, ein wenig schmaler als auf den Fotos. Starren Blicks steuert sie auf ihren Platz zu, vorne rechts auf der Anklagebank. Zwei Reihen hinter ihr sitzen Holger G. und Carsten S., zwei der vier Mitangeklagten. Ihre Gesichter haben sie hinter einer Mappe und einer Kapuze verborgen. Will Zschäpe nicht. Dafür macht sie jetzt eine schnelle Drehung und bleibt mit dem Rücken zu den Fotografen stehen. Kein Blick zu den Nebenklägern, keiner zu den Zuschauern. Bloß keine Unsicherheit zeigen.

Der Live-Ticker zum Nachlesen

Weil sich das Gericht Zeit lässt, steht sie mehr als 20 Minuten so da, spricht mit ihren Verteidigern Wolfgang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm . Um 10.24 Uhr betreten die fünf Richter und drei Ersatzrichter des 6. Strafsenats des Münchner Oberlandesgerichts den Saal. Aber was sind schon 24 Minuten Verspätung in diesem Mammutprozess? Fast genau eineinhalb Jahre sind vergangen, seit im November 2011 der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) aufflog, den Zschäpe mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gegründet haben soll. 13 Jahre lang war das Trio abgetaucht, soll aus Hass auf Ausländer und den Staat zehn Menschen erschossen haben, neun Migranten und eine Polizistin. Auch zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle legt die Bundesanwaltschaft Zschäpe zur Last. Mundlos und Böhnhardt sind tot: Sie haben sich erschossen, als sie nach einem Überfall in ihrem Wohnmobil umstellt waren.

Um die Vorwürfe geht es an diesem ersten Verhandlungstag noch nicht. Die Verlesung der Anklage, eigentlich der erste Akt in jedem Strafprozess, muss warten. Noch bevor der Vorsitzende Richter Manfred Götzl etwas sagt, melden sich die ersten Anwälte. Götzl sagt ruhig: „Erst stelle ich die Anwesenheit fest. Sie kommen zu Wort, keine Sorge.“ Es dauert eine Viertelstunde, bis alle Namen aufgelistet sind. Elf Verteidiger haben die fünf Angeklagten, außer Zschäpe auch die mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S. Die Opfer und Hinterbliebenen werden von mehr als 50 Anwälten vertreten, es ist eng im Saal. Viele Nebenkläger sind an diesem ersten Tag lieber nicht persönlich ins Gericht gekommen.

NSU-Prozess in München - die Bilder

NSU-Prozess in München - die Bilder

„Wie will das Gericht mit dem Antrag unserer Mandantin verfahren?“, fragt Zschäpe-Anwalt Stahl. „Wie meinen Sie das? Das müssen Sie schon etwas konkreter fassen“, antwortet Götzl. Es ist ein erstes gegenseitiges Abtasten. Götzl, der im Ruf steht, gelegentlich aufzubrausen, bleibt souverän. Er wird diesen Stil den ersten Prozesstag durchhalten: ruhig, sachlich, bestimmt.

Der Antrag, von dem Stahl spricht, ist ein Befangenheitsantrag – gegen Götzl. Den Grund konnte man eine gute Stunde vor Prozessbeginn am Haupteingang des Gerichtsgebäudes beobachten. Eigentlich wollten Stahl, Heer und Sturm durch den Hintereingang hinein, doch die Beamten schickten sie nach vorne. Dorthin, wo die Metalldetektoren stehen. Die drei Anwälte mussten Taschen öffnen, ihre Jacken ausziehen, sich auf verbotene Gegenstände untersuchen lassen – so wie fast alle, die hineinwollen. Ausnahmen gibt es nur für Richter, Bundesanwälte und Justizangestellte. Unfair, findet Zschäpe, ihre Anwälte seien genauso vertrauenswürdig wie die anderen Verfahrensbeteiligten. Die Begründung, man wolle sichergehen, dass die Verteidiger nicht erpressbar sind und sich gezwungen sehen könnten, für Fremde, die sie unter Druck setzen, Waffen in den Saal zu schmuggeln, sei „vorgeschoben“. Es sei eine „völlig absurde Annahme“, dass Richter und Bundesanwälte nicht erpressbar seien, sagt Stahl. Der Anwalt begründet den Antrag seiner Mandantin fast eine halbe Stunde lang.

Die Anwälte der Opfer und Hinterbliebenen reagieren verärgert. „Es soll verzögert werden, es soll die Qual der Opfer verlängert werden“, sagt der Anwalt Eberhard Reinecke. „Verletzte Eitelkeit von Verteidigern ist kein Grund für Befangenheit.“ Es geht quälend langsam voran, die Luft im voll besetzten Saal steht. Die Bundesanwälte bitten um eine Unterbrechung, damit sie eine Antwort auf den Antrag der Verteidiger formulieren können, Richter Götzl unterbricht für die Mittagspause.

Für die Zuschauer keine wirkliche Erleichterung. Wer seinen Platz behalten will, muss im engen abgesperrten Bereich vor dem Saal bleiben. Es gibt belegte Semmeln für 1,50 Euro und einen Trinkwasserspender, mehr nicht.

Auch der türkische Botschafter hat es inzwischen in den Saal geschafft. „Ich habe mich ganz normal angestellt“, sagt Avni Karslioglu. Ob er das angemessen für einen Botschafter findet? „Das überlasse ich Ihnen.“ Es sei vor allem wichtig, dass der Prozess nun endlich begonnen habe, „dass der Ball rollt“, sagt er.

Viel sehen können er und die Zuschauer nicht. Wer die Angeklagten und Richter erkennen will, muss sich strecken, die Nebenkläger sitzen verborgen unter der Empore für die Zuschauer. Zwar filmt eine Kamera die Nebenkläger, das Bild wird auf zwei Leinwände projiziert, doch die sind so weit entfernt, dass man nichts erkennen kann.

Nach der Mittagspause: ein Marathon aus Stellungnahmen, Wortmeldungen, Unterbrechungen. Die Angeklagten bleiben während der Pausen im Saal. Zschäpe zieht ihren Blazer aus, sie wirkt völlig entspannt, fast gelöst. Immer wieder fährt sie sich durch die schwarzen Haare, wirft den Kopf in den Nacken. Sie lächelt, scheint sogar mit einem Justizbeamten und ihren männlichen Verteidigern zu flirten. Es ist eine andere Beate Zschäpe als die aus der Anklage und den Fotos. Man kann plötzlich die ehemaligen Nachbarn verstehen, die von der geselligen, netten Frau erzählen, die sich nicht vorstellen können, dass sie neben einer mutmaßlichen Terroristin, einer möglichen Mörderin gewohnt haben sollen. Auch zur Zuschauerempore schaut Zschäpe nun hinauf, sie bewegt dazu nur die Augen, nicht den Kopf.

Ihre Mitangeklagten ignoriert sie. Ralf Wohlleben, Carsten S. und Holger G. verfolgen die Verhandlung ruhig, fast teilnahmslos. Nur André E. lümmelt in der ersten Reihe ein paar Plätze neben Zschäpe auf dem Stuhl, scheint die Aufmerksamkeit zu genießen. In einer Pause entdeckt er unter den Zuschauern seinen Zwillingsbruder Maik. Er hat gemeinsam mit einem weiteren Neonazi aus der Gruppe um Martin Wiese Plätze ergattert. Die Brüder nicken sich stumm zu.

Für die Opfer und Hinterbliebenen ist die Konfrontation mit den mutmaßlichen Tätern nur schwer zu ertragen. Wie für die schwangere Semiya Simsek, deren Vater Enver in Nürnberg das erste Opfer des NSU geworden sein soll. „Es fällt Semiya Simsek schwer, ihre Gefühle zu beschreiben“, sagt ihr Münchner Anwalt Stephan Lucas in einer Pause. „Da sitzt diese Frau vor ihr, die so viel weiß – aber schweigt.“ Das sei natürlich ihr gutes Recht, betont er.

Hier trifft Beate Zschäpe am Gericht ein

Bislang hätte Zschäpe noch gar nichts sagen dürfen. Denn das Gericht beschließt zwar, dass der Befangenheitsantrag nicht sofort entschieden werden muss. Doch dann beantragt auch Wohlleben, das Gericht wegen Befangenheit auszutauschen. Sein Anwalt verliest eine einstündige Begründung. Auf der Zuschauertribüne schläft ein Beobachter ein, beginnt zu schnarchen. Richter Götzl unterbricht den Anwalt nur einmal und weist einen der Nebenkläger-Vertreter zurecht: „Das geht nicht, dass Sie jetzt Zeitung lesen.“ Wohlleben kritisiert, dass er nur zwei Verteidiger bekommt, Zschäpe drei. Er unterstellt den Richtern überzogenen Verfolgungseifer, weil die in seiner Post beanstandeten, dass er ein „F“ wie ein Hakenkreuz geschrieben habe. Dabei sei das nur eine „zulässige kalligraphische Gestaltung“.

Alle Infos zum NSU-Prozess finden Sie hier

Als der Anwalt fertig ist und alle Beteiligten Stellung genommen haben, unterbricht Götzl. Die für heute und morgen geplanten Prozesstage sagt er ab. Weiter soll es nun erst am nächsten Dienstag gehen, bis dahin müssen die Richter eines anderen Senats des Oberlandesgerichtes entscheiden, ob ihre Kollegen befangen sind. Für die Opfer und Hinterbliebenen ein Schock. Für die Anwälte Sebastian Scharmer und Peer Stolle ist die Entscheidung „ein weiterer Schlag ins Gesicht der Nebenkläger“.

Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Merkel sagt Angehörigen von Terror-Opfern mehr Hilfe zu
Fast genau ein Jahr nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt hat sich die Bundeskanzlerin mit Hinterbliebenen getroffen - nach massiver Kritik. Die …
Merkel sagt Angehörigen von Terror-Opfern mehr Hilfe zu
Mesale Tolu kommt frei - Endet die deutsch-türkische Krise?
Monatelang war Mesale Tolu hinter Gittern, nun ist die Deutsche aus der U-Haft entlassen worden. Damit wird in den deutsch-türkischen Beziehungen ein weiteres Problem …
Mesale Tolu kommt frei - Endet die deutsch-türkische Krise?
Israel boykottiert Minister der österreichischen Regierungspartei FPÖ
Die israelische Regierung boykottiert mit Amtsantritt des neuen österreichischen Kabinetts die Zusammenarbeit mit Ministern des rechten Koalitionspartners FPÖ.
Israel boykottiert Minister der österreichischen Regierungspartei FPÖ
USA blockieren UN-Resolution zu Jerusalem
New York/Tel Aviv (dpa) - Die USA haben eine UN-Resolution blockiert, die US-Präsident Donald Trumps Entscheidung zur Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels …
USA blockieren UN-Resolution zu Jerusalem

Kommentare