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Eine Woche nach dem Mord an dem Münchner Theodoros Boulgarides erinnern Kerzen und Blumen an die grausame Tat.

Das Ende des NSU-Prozesses 

Unvergessen: Die zehn NSU-Opfer

Am Mittwoch wurde Beate Zschäpe als Mittäterin zur Höchststrafe verurteilt. Die drei NSU-Terroristen töteten völlig arglose Menschen: Das sind ihre Geschichten:

Enver Simsek

... war das erste NSU-Mordopfer. Der aus der Türkei stammende 38-Jährige wurde am 9. September 2000 vor seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei Waffen niedergeschossen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.

Abdurrahim Özüdogru

... ist das zweite von insgesamt drei Opfern aus Nürnberg. Der ebenfalls türkischstämmige 49-Jährige wurde am 13. Juni 2001 durch zwei Kopfschüsse in seiner Änderungsschneiderei getötet.

Süleyman Tasköprü

... starb zwei Wochen später am 27. Juni 2001 in einem von seinem Vater betriebenen Obst- und Gemüseladen in Hamburg-Bahrenfeld. Der 31 Jahre alte Vater einer Tochter starb wie Simsek durch Schüsse aus zwei Pistolen, einer als Haupttatwaffe der NSU-Morde geltenden Ceska und einer Bruni Modell 315.

Habil Kilic

... wurde am 29. August 2001 im Obst- und Gemüseladen der Familie in München erschossen. Eigentlich führte vor allem seine Frau Pinar das Geschäft, doch Kilic, der als Schichtarbeiter auf dem Großmarkt arbeitete, half gelegentlich dort aus. In den Tagen rund um den 29. August war er alleine im Laden, weil seine Frau im Türkei-Urlaub war. Nach der Tat mussten Frau und Tochter einiges erdulden. Pinar Kilic musste sich einen neuen Job suchen und psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Ihre Tochter, erzählte sie einmal, habe sogar die Schule wechseln müssen, weil der Schulleiter Angst vor weiteren Taten der NSU-Gruppe hatte. Nach dem Mord an Habil Kilic sollen Böhnhardt und Mundlos bis 2004 keine weiteren Morde begangen haben. Kilic wurde 38 Jahre alt.

Habil Kilic.

Mehmet Turgut

... ist das fünfte NSU-Mordopfer. Er starb am 25. Februar 2004 durch drei Kopfschüsse vor einem Dönerimbiss in Rostock. Der 25 Jahre alte Turgut war erst kurz vorher aus Hamburg nach Rostock gekommen und wollte am Tattag als Aushilfe in dem Imbiss seines Freundes arbeiten.

Ismail Yasar

... wurde am 9. Juni 2005 in seinem Nürnberger Dönerimbiss erschossen. Er wurde 50 Jahre alt und stammte wie acht der Opfer aus der Türkei. Nach diesem sechsten Mordfall sprach die Polizei fälschlicherweise offen davon, die bisherigen sechs Opfer könnten „in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden“ stehen. Dass mehrere Zeugen am Tatort zwei Männer auf Fahrrädern sahen, brachte die Polizei noch immer nicht auf die richtige Spur.

Theodoros Boulgarides

... starb am 15. Juni 2005 im Laden seines Schlüsseldiensts an der Münchner Trappentreustraße. Mundlos und Böhnhardt richteten ihn mit drei Kopfschüssen hin, sein Geschäftspartner fand ihn – in einer Blutlache. Boulgarides hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Seine Witwe Yvonne brach in Tränen aus, als sie im Prozess ihr Nebenkläger-Plädoyer sprach. Sie wisse, dass ihr Mann seine Töchtern gerne hätte aufwachsen sehen, sagte sie. Und „wie stolz er gewesen wäre, als seine Enkeltochter geboren wurde“. Boulgarides ist das einzige Opfer mit griechischen Wurzeln. Er wurde 41 Jahre alt.

Mehmet Kubasik

... wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Kubasik wurde 39 Jahre alt, der Deutschtürke hinterließ Frau und drei Kinder. Seine Tochter Gamze sagte in einem Interview mit „Zeit Online“, sie habe gehofft, dass der Prozess umfassende Aufklärung bringen werde. Doch sie sei enttäuscht worden. „Ich glaube nicht mehr an den Rechtsstaat.“ Wie viele andere NSU-Opfer wurde auch Kubasik fälschlich verdächtigt, Geschäfte mit Drogen zu machen und Kontakte zur türkischen Mafia zu haben.

Mehmet Kubasik

Halit Yozgat

... wurde nur zwei Tage später mit zwei Kopfschüssen in einem von ihm betriebenen Internetcafé in Kassel getötet. Yozgat war mit 21 Jahren das jüngste NSU-Opfer. Während der Tatzeit befand sich ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes in dem Internetcafé – dieser bestreitet, etwas von der Tat mitbekommen zu haben.

Michèle Kiesewetter

... starb am 25. April 2007 durch einen gezielten Kopfschuss auf einem Parkplatz in Heilbronn. Die 22 Jahre alte Polizistin machte dort zusammen mit einem Kollegen eine Pause. Dieser erlitt ebenfalls einen Kopfschuss, überlebte aber. Da es in diesem Fall keinen fremdenfeindlichen Hintergrund gibt, könnten Waffenbeschaffung oder eine Machtdemonstration gegenüber dem Staat ein Tatmotiv sein – Mundlos und Böhnhardt stahlen die Waffen beider Polizisten. Mit dem Mord an Kiesewetter endete die NSU-Mordserie – Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe lebten noch viereinhalb Jahre unerkannt im Untergrund weiter.

Michèle Kiesewetter.

Die Verletzten

... der Kölner Keupstraße gehen wohl auch auf die Rechnung des NSU. Die Geschäfte in der Gegend werden vor allem von türkischstämmigen Familien geführt. Am 9. Juni 2004 deponierten die Terroristen auf dem Gepäckträger eines Fahrrads vor einem Frisiersalon eine Nagelbombe. Sie verletzte 22 Menschen.

NSU-Opfer: Die Bildkombo zeigt undatierte Porträtfotos der zehn durch die Neonazi-Terrorzelle NSU Ermordeten.  Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic und die Polizistin Michele Kiesewetter, sowie (unten, v.l) Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat.

Reaktionen zum Urteil: „Es bleiben Lücken“

Wenn das Gericht ehrlich ist, wird es auch noch sagen, dass Lücken geblieben sind. Solange diese Lücken bleiben, können meine Familie und ich nicht abschließen.“
Gamze Kubasik, die Tochter des in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik 

„Natürlich will die Staatsanwaltschaft die Akte schließen. Sie sagen, es reicht. Aber das werden wir bestimmt nicht zulassen.“
Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler 

„Nach dem Schock rund um die Aufdeckung der Terrorzelle, die jahrelang unbehelligt gemordet hatte, ist das heutige Urteil auch ein Signal, dass unser Staat wehrhaft gegen rechtsextreme Gewalttaten vorgeht.“
Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin der Zentralrats der Juden in Deutschland

„Mit dem heutigen Urteil hat die Justiz ihre Arbeit abgeschlossen. Das Gerichtsurteil kann jedoch den Schmerz der Angehörigen und das Leid der überlebenden Opfer nicht lindern.“
Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU 

„Das Leid, was die Täter angerichtet haben, ist durch nichts wiedergutzumachen. Die Opfer bleiben unvergessen.“
Außenminister Heiko Maas, SPD 

„Das Urteil entspricht dem, was die Familien erwartet und erhofft haben.“
Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer 

„Mit dem Urteil über Frau Zschäpe hat einer der wichtigsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte ein juristisches Ende gefunden. Dennoch vermag sich keine Erleichterung einstellen.“
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, Linke 

„Obwohl die Angeklagten zugegeben haben, Unterstützung speziell vom Geheimdienst und vom Staat im Staate erhalten zu haben,wurde nicht aufgeklärt,wer diese Personen oder Institutionen sind. Angesichts der Tatsache, dass die wahren Schuldigen (...) nicht entlarvt wurden, können wir sagen, dass dieses Gericht Schwächen gezeigt hat.“
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavosoglu

Urteil im NSU-Prozess

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist als Mittäterin am 11. Juli 2018 schuldig gesprochen und zur Höchststrafe verurteilt worden. Das Urteil im NSU-Prozess wurde mit Spannung erwartet. Alle Infos können Sie hier News-Ticker nachlesen.

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