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Die Angeklagte Beate Zschäpe wurde belastet. dpa

Neue Zeugin sagt gegen Zschäpe aus

„Das ist die Frau, die ich gesehen habe“

München - Eine Zeugin will Beate Zschäpe kurz vor einem Mord des NSU in Dortmund beobachtet haben. Allerdings gibt es Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Frau.

Eigentlich gibt es solche Zeugen nur im Fernsehen: Mitten im Prozess taucht überraschend jemand auf, der den Fall in einem neuen Licht erscheinen lässt. Veronika von A. könnte so eine Zeugin sein. Schon die Ankündigung ihrer Aussage im Prozess gegen Beate Zschäpe und die mutmaßlichen Unterstützer der rechten Terror-Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) vor dem Oberlandesgericht München hatte für viel Wirbel gesorgt – und für mindestens genauso viel Skepsis.

Veronika von A. will etwas beobachtet haben, das der Bundesanwaltschaft in ihrer Beweiskette bislang fehlt: Beate Zschäpe soll kurz vor dem Mord an Mehmet Kubasik in der Nähe des Tatorts in Dortmund gewesen sein. Zschäpe ist zwar angeklagt, als Mittäterin an den zehn Morden des NSU beteiligt gewesen zu sein, jedoch aus der Ferne.

Veronika von A., heute 63, wohnte im Jahr 2006 in Dortmund. Ende März, Anfang April des Jahres – das weiß A. noch so genau, weil ihre Tochter am 31. März umzog – will sie nicht nur Zschäpe, sondern auch die verstorbenen Haupttäter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Garten ihres Nachbarn gesehen haben.

A., graues Kleid, weißes Tuch über den Schultern, wirkt nicht nervös, als sie im Zeugenstand Platz nimmt. Sie ist gut vorbereitet, trägt sehr strukturiert vor – fast ein wenig zu genau, wenn man bedenkt, dass die Ereignisse schon sieben Jahre zurückliegen. Als sie an diesem Nachmittag im Jahr 2006 aus dem Dachfenster ihres Hauses im Stadtteil Brackel gesehen habe, sei ihr eine Gruppe im Nachbarsgarten aufgefallen. „Ich bin nach dem ersten Blick zurückgeprallt“, sagt sie. Neben dem Mann, den A. immer „den Skinhead“ nennt und den sie schon häufiger im Garten bei seltsamen Grabungen gesehen hatte, stehen da drei ganz in Schwarz gekleidete Gestalten – zwei Männer und eine Frau. „Diese schwarze Front hatte keine schöne Ausstrahlung“, sagt A. Sie habe die Szenerie als bedrohlich empfunden.

Sie will genauer hinsehen und greift zum Fernglas. Es ist der Schwachpunkt ihrer Aussage: Warum steht bei ihr ein Fernglas neben dem Fenster? A. will nicht zugeben, dass sie gern nachschaut, was ihre Nachbarn so treiben, stattdessen spricht sie von „Naturbeobachtungen“. Das glauben nur wenige im Gerichtssaal.

Doch an diesem Tag beobachtet sie nicht die Natur, sondern will sich minutenlang die Gesichter der Gestalten angesehen haben. Als A. das Fenster öffnet, habe die Frau zu ihr hochgesehen, die Blicke trafen sich, die Frau habe aber nicht weggesehen. Dann verschwanden die vier eilig. Jahre später, als A. die Fahndungsfotos der mutmaßlichen NSU-Terroristen sieht, habe sie spontan zu ihrem Mann gesagt: „Das ist die Frau, die ich gesehen habe.“ Auch die beiden Männer habe sie sofort wiedererkannt. Wie sie sich da so sicher sein konnte, wollen die Richter wissen. Sie habe sie „an den Gesichtern“ erkannt, sagt A. Sie habe ihre spontane Aussage später hinterfragt, aber festgestellt: „Der Grundzug des Gesichtes und dieser direkte Blick und diese Mundhaltung“ – es müsse Zschäpe gewesen sein. A. spricht die Angeklagte sogar an: „Wenn Sie nicht ein perfektes Double haben, Frau Zschäpe, glaube ich schon, dass Sie das waren.“

Doch warum ging sie nicht zur Polizei, sondern meldete sich erst Monate später bei einem Hamburger Anwalt, der Angehörige der Opfer vertritt? „Ich war über die Rolle der Polizei sehr verunsichert“, sagt A. Die Bundesanwaltschaft sei ihr „zu hoch angesiedelt“ gewesen. Sie habe die Bedeutung ihrer Beobachtung unterschätzt. „Bis heute war mir nicht klar, dass ich die Einzige gewesen sein soll, die Frau Zschäpe in der Nähe eines Tatorts gesehen hat.“ A. berichtet auch, dass in der Straße damals häufig Wohnmobile parkten – Böhnhardt und Mundlos waren bei ihren Taten häufig in Wohnmobilen unterwegs.

Nicht nur die Verteidiger, auch die Bundesanwaltschaft und die Richter fragen sehr kritisch nach. Zu seltsam wirkte das späte und plötzliche Auftauchen von Veronika von A. Doch die Zeugin blieb souverän, verwickelte sich nicht in Widersprüche.

Die Ermittler haben im Vorfeld der Aussage auch den damaligen Hausmeister des Nachbargrundstücks Thomas D. befragt. Der gibt zu, dass er mit anderen in seinem Garten einen Teich ausgehoben habe. Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe kenne er aber nicht. Seine Frau sage selbst, sie sehe Zschäpe ähnlich. Alles nur eine Verwechslung? Das Gericht legte A. ein schlechtes Schwarz-Weiß-Foto von der Frau vor. „Kennen Sie die?“, fragte der Vorsitzende Richter. „Noch nie gesehen“, sagte A.

Das Gericht wird wohl auch noch Thomas D. und seine Frau vernehmen müssen. Dann können die Richter auch noch einmal nachhaken, warum das Paar sich für ausgefallene germanische Namen für ihre beiden Kinder entschieden hat – eine Gewohnheit, die man vor allem aus der rechten Szene kennt.

Philipp Vetter

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