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Na dann prost: Markus Söder (li.) und Horst Seehofer beim Glühweinumtrunk. Anders als bei der CSU-Weihnachtsfeier scheint sich niemand den Mund verbrannt zu haben.

Bayerisches Kabinett

Nürnberger Burgfriede

Nürnberg - Es ist der Tag der großen Gesten. Rund um die Kabinettssitzung auf der Nürnberger Burg üben sich Horst Seehofer und der von ihm gescholtene Markus Söder im Schulterschluss. Ob der Friede hält, ist offen. Denn die Wunden sitzen tief.

Ulrich Maly kann sich das Späßchen nicht verkneifen. Eben ist das Weihnachtsliedgut der Bläser verklungen. Jemand hat Horst Seehofer einen Glühwein in die Hand gedrückt. Ja, es werden sogar Plätzchen gereicht. Da wünscht der Nürnberger Oberbürgermeister von der SPD dem bayerischen Kabinett, das jetzt über den Nürnberger Christkindlesmarkt schlendert, ein paar ruhige Tage mit den Liebsten. „Und jeder muss selbst entscheiden, ob die Kabinettsmitglieder dazugehören.“

Ach, was lassen sich alles für Witzchen machen, wenn sich zwei öffentlich beharken. Horst Seehofer liebt diese Witzchen ja selbst. Es sind kleine, ironische Späße, die gerne auf anderer Leute Kosten gehen und bei denen die Umstehenden nur ein gepresstes Höhö herausbringen. Der Dienstag ist voll mit diesen Späßen. Seehofer beispielsweise reicht bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz seit seiner öffentlichen Schelte das Mikrofon an Markus Söder weiter. „Wichtige Fragen beantwortet bei uns der Finanzminister . . .“, sagt Seehofer und grinst. Der Finanzminister findet das höchstens mittellustig, doch er nimmt den Ball auf. „. . . aber nur, wenn der Ministerpräsident das zulässt.“

Es weihnachtet sehr bei dieser letzten Kabinettssitzung, in der vor allem die Region Mittelfranken beschert wird. Selbst altgediente Kabinettsmitglieder können sich nicht erinnern, wann zuletzt ein solches Füllhorn über einer Region ausgeschüttet wurde (der SPD ist’s trotzdem zu wenig). 23 Beschlüsse listet das Protokoll auf, fast alle kosten Geld. Am teuersten kommt den Freistaat der Frankenschnellweg. 395 der auf 450 Millionen Euro taxierten Kosten für einen kreuzungsfreien Ausbau übernimmt der Freistaat. „Das ist einzigartig“, lobt sich Seehofer. „Ich kenne keinen vergleichbaren Fall in Bayern.“ Wie nötig der Ausbau ist, hat er neulich am eigenen Leib erfahren. An einem Montagmittag stand der Ministerpräsident im Stau. „Da bin ich in meinem Vorsatz zum Ausbau noch einmal bestärkt worden.“

Es hätte der große Tag des Markus Söder werden können. Wie kein anderer verkörpert er im Kabinett Nürnberger Lokalpatriotismus. Die Entscheidungen seien ein „wuchtiges Signal für die ganze Region“. Der Minister, der den öffentlichen Auftritt beherrscht wie kein zweiter, bemüht sich um Professionalität. Doch man sieht ihm seinen Ärger noch immer an. Getobt hat er, als er Seehofers Satz las, er sei „vom Ehrgeiz zerfressen“.

Inzwischen setzt sich die Lesart durch, dass Seehofer seinen Finanzminister absichtlich in den Senkel gestellt hat. Die übrigen Lästereien über Parteifreunde gelten als Kollateralschäden. Schon länger soll sich der Ministerpräsident geärgert haben, weil Söder mit dem eben erst übernommenen Finanzministerium nicht zufrieden sei. Es ist kein Geheimnis, dass der ambitionierte Franke auf den Fraktionsvorsitz schielt. Seitdem die ebenfalls ambitionierte Ilse Aigner ihren Umzug von Berlin an die Isar angekündigt hat, verstärkt Söder den Druck. Darüber vernachlässigte er jedoch die eigene Amtsführung. Meint zumindest Seehofer.

Der CSU-Chef hat die Wucht seiner Worte unterschätzt. Die Sache wird an ihnen hängen bleiben. Am ehrgeizigen Söder, aber auch am unberechenbaren Seehofer. Also versuchen in Nürnberg alle, die Angelegenheit wegzuwitzeln. Seehofer sagt, man werde das Jahr jetzt „ganz friedlich, fröhlich ausklingen lassen“ (höhö). Innenminister Herrmann hat „die schönste und beste Ministerratssitzung“ des Jahres erlebt (hihi). Und Wirtschaftsminister Zeil (FDP) lobt, wie vorzüglich sich die Kabinettsmitglieder doch verstehen (hehe). Nur den besten Witz, dass die Pressekonferenz ausgerechnet im „Hochzeitszimmer“ der Burg stattfindet, haben die Spaßmacher glatt übersehen.

Von guter Laune kann eigentlich auch keine Rede sein. In Wahrheit hat die FDP mit Groll beobachtet, wie der Ministerpräsident erneut das Koalitionsklima zerschoss. Zum Auftakt der Haushaltswoche den Finanzminister bloßzustellen, empfand man als unglücklich. Eine Woche vor der Bescherung in Nürnberg den Ober-Nürnberger zu brüskieren als noch unglücklicher. Jetzt gehen die Wohltaten im persönlichen Kleinkrieg unter.

Seehofer und Söder bemühen sich um den Schulterschluss. In einer Traube von Kameras und Journalisten gehen sie über den Christkindlesmarkt. Seehofer grüßt Touristen aus Dortmund, Handwerker aus Aue – und ja: ein paar Nürnberger sind auch da. Für alle gibt’s ein paar Worte, dann wälzt sich die Gruppe weiter. Scheinwerfer leuchten. Kameras blitzen. Besinnlich ist das nicht. Aber es gibt die Bilder, die das bayerische Kabinett dringend braucht.

Mike Schier

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