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„Nehmt mir das endlich mal weg“: Dorothee Bär und ihr Handy sind in Wahrheit unzertrennlich.

CSU-Vizegeneralsekretärin Bär

Nummer zwei und ihre virtuelle Welt

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München - Die CSU hat eigentlich zwei Generalsekretäre. Aber wo ist die zweite? Dorothee Bär sucht ihre Rolle vor allem in der virtuellen Welt. In der echten findet sie seltener statt. Das hat jetzt Folgen für ihren Listenplatz.

Dorothee Bär ist jetzt wach. Sie hat leider nicht gut geschlafen, schlecht geträumt. Sie wird heute keinen Yogurette-Schokoriegel essen. Vielleicht wird sie am Abend den Tatort verpassen. Wer all das wissen möchte über die CSU-Politikerin, erfährt es auf Twitter. Alle paar Stunden informiert Bär die Welt in maximal 140 Zeichen über ihren Alltag.

Es ist der Alltag einer, die eine Spitzenpolitikerin sein soll. Bär, 34, wurde von der CSU mit Generalsrang, Referentin, Dienstwagen und Fahrer ausgestattet, um die Partei zu führen. Als Vize-Generalsekretärin soll sie eine Schnittstelle sein zwischen Basis und Parteispitze, soll die Strategie im Doppelwahljahr mitbestimmen, die Parteizentrale leiten, die erste Reihe koordinieren, die Frauenförderung in der Männerpartei vorantreiben. Das Rätselhafte an Bär ist: Erledigt hat sie von all diesen Aufgaben fast nichts, erfüllt eine andere dafür mit Bravour.

Vertreterin der digitalen Fraktion

Die junge Bundestagsabgeordnete ist im Netz aktiver als jeder andere aus der CSU-Führung. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgen ihr 12 500, dreimal mehr als der CSU, auf Facebook gefällt sie 2800 Nutzern. Man mag über ihre Yogurette-Tweets den Kopf schütteln, Bär aber schreibt wenigstens authentisch und emotional. Mehr als ihr Parteichef Horst Seehofer, der seine Facebook-Postings meist von engen Mitarbeitern vorgeschlagen bekommt, zur Kenntnis nimmt, verbescheidet und dann eintippen lässt. „In der Lederhosen- und Seniorenpartei“, so sagt selbst einer ihrer Kritiker, vertrete sie die digitale Fraktion, inhaltlich sattelfest auch in Sachfragen der Netzpolitik.

„So kann ich Zielgruppen erschließen, die sonst nicht bei der CSU wären“, erklärt Bär. Und was die Yogurette betrifft: Das könne man gerne banal finden. Aber die hohe Reichweite auf Twitter „kriege ich nicht, wenn ich den ganzen Tag unser Grundsatzprogramm twittere“. Auf eine Mischung komme es an aus Halbprivatem und Politik.

In der Partei wird das allerdings auch gemischt aufgenommen. Bär unterlaufen Pannen: Spott über die „Kastelruther Spatzen“, so als wären ausgerechnet deren Fans im linken Lager zu suchen, Häme über einen SPD-Kandidaten mit kranker Ehefrau, wofür sie sich entschuldigte, eine ungeschickte Veröffentlichung in der ZDF-Affäre um den CSU-Pressesprecher. Ob dafür Titel, Mitarbeiter und Auto nötig seien, grollen Parteifreunde, ob da ein Diensthandy mit Ersatz-Akku nicht reichen würde? Bär kümmere sich nur noch um ihre „Spielwiese“. Auf Veranstaltungen sehe man sie meist nur auf ihrem Handy rumdrücken, Gespräche blieben kurz. Ihre früheren Posten in der Jungen Union, immerhin Bundesvize, habe sie nicht ausgefüllt, heißt es dort sehr kühl. Und das Büro in der Parteizentrale: verwaist.

Bär soll Dobrindt den Rücken freihalten

Tatsächlich verbringt Bär kaum einen Arbeitstag in München. Das hat geografische Gründe: Ihre Heimat Unterfranken liegt fast 300 Autokilometer nördlich, ihr Abgeordnetenbüro ist in Berlin. Zudem private: Bär ist Mutter von drei kleinen Kindern. Und einen politischen: Sie ist eben nur Stellvertreterin des oberbayerischen Generalsekretärs Alexander Dobrindt. Nur Nummer zwei. „Ich bin dafür da, ihm den Rücken freizuhalten. Einer muss den Hut aufhaben.“ Und das ist der Kollege. Bär intrigiert nicht, redet nicht rein. Er macht die Wahlkampf-Strategie. Sie besucht die Termine, die er nicht schafft, mehr fränkische, als man aus Münchner Binnensicht bemerkt, manchmal sogar eine Talkshow.

Sie nimmt auch die jüngste Entscheidung der Parteispitze klaglos hin: Auf den CSU-Stimmzetteln zur Bundestagswahl wird sie nicht erscheinen. Bär soll Listenplatz 6 bekommen, nur die ersten fünf stehen namentlich auf den Wahlzetteln. Eigentlich hätte sie als Nummer 5 dazugehört zur Spitze aus Gerda Hasselfeldt, Hans-Peter Friedrich, Peter Ramsauer und Dobrindt. Nach langem Abwägen beschloss die Parteispitze aber, ihr die weniger bekannte Agrarpolitikerin Marlene Mortler vorzuziehen. Landwirtschaft sticht Internet – so ist das (noch) in der CSU.

Bärs Konkurrenz wächst

Bär sagt, sie habe Verständnis für das Agrar-Argument, sie schätze Mortler. Ihren Stimmkreis dürfte sie so oder so mit großer Mehrheit holen. „Ich verkämpf’ mich nicht um Listenplatz 5 oder 6. Ich brauch’s für meinen Seelenfrieden nicht.“ Vielleicht aber mal für die Karriere: In Berlin werden nach einem Wahlsieg im Herbst die Jobs neu vergeben, da zählt jeder Zentimeter Vorsprung. Die Konkurrenz, auch an konservativen Frauen, wächst sogar in der CSU. Alle haben ein Handy, einige können es auch bedienen.

Und was den Seelenfrieden betrifft: Neulich nachts um 2:19 Uhr twitterte Bär: „Jetzt nehmt mir endlich mal dieses Twitter weg.“ 

Christian Deutschländer

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