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Naturliebhaberin: OB-Kandidatin Katrin Habenschaden in der Nähe der Praterinsel an der Isar. 

OB-Kandidatin 2020

OB-Wahl München 2020: Stuttgarter Bürgermeister gibt Grünen-Kandidatin Habenschaden Tipps

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Die Grünen befinden sich im Höhenflug. Vor allem in München. Plötzlich wackelt die Favoritenposition von Dieter Reiter (SPD) für die OB-Wahl 2020. Diegrüne Hoffnung heißtKatrin Habenschaden. Beim Stuttgarter OB Fritz Kuhn holte sie sich Tipps – unsere Zeitung war dabei.

Stuttgart/München –Zum Büro von Fritz Kuhn führt ein breiter Flur. Zahlreiche Porträts zieren die Wände. Katrin Habenschaden schreitet die Ahnengalerie früherer Rathauschefs entlang. „Merken Sie was?, sagt sie und schmunzelt. „Nur Männer!“ Auch heute wartet in der Chefetage des Stuttgarter Rathauses ein Mann auf die Politikerin aus München. Immerhin ein Mann mit grünem Parteibuch. Einer, von dem man etwas lernen kann. Habenschaden sieht sich in dem großzügigen OB-Büro um. In so einem Machtzentrum könnte sie vielleicht auch mal Platz nehmen. Nur steht das am Marienplatz in München.

Vor der OB-Wahl 2020 in München: Kuhn empfängt Habenschaden

Fritz Kuhn ist Gründungsmitglied der Grünen in Baden-Württemberg. Einer, der von den wilden Anfangsjahren bis zu den jüngsten Höhenflügen seiner Partei alles miterlebt hat. Und einer, der selbst schon lange zum politischen Establishment gehört. Zunächst als Bundestagsabgeordneter, dann wurde er 2012 in Stuttgart zum ersten grünen Oberbürgermeister einer Landeshauptstadt gewählt. Eine Sensation.

Katrin Habenschaden hat eine ganz andere Geschichte. Sie kommt nicht aus dem Bundestag, sondern von der Basis. Bankerin. Vorliebe Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die 41-Jährige lebt mit ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Kindern in Aubing, einem Randbezirk im Münchner Westen. Also nicht in einem der hippen Zentrumsviertel, wo die Grünen bei der Landtags- und nun bei der Europawahl Rekordergebnisse von über 40 Prozent eingefahren haben.

Im Büro bei Fritz Kuhn: Stuttgarts OB zeigt Habenschaden Bilder aus den Gründerzeiten der Grünen.

Doch wie kann man eine ganze Stadt gewinnen? Kuhn müsste es wissen. Baden-Württemberg ist ja durchaus mit Bayern vergleichbar – und die Grünen sind hier seit Jahren eine Macht. Bevor es eine Antwort gibt, teilt der Oberbürgermeister dem Reporter aber erst einmal mit: „Ich werde nichts Schlechtes über Dieter Reiter sagen. Ich komm’ ja gut mit ihm aus.“

OB-Wahl München 2020: Habenschaden mit überzeugender Mehrheit zur Spitzenkandidatin gekürt

Dann wird es ein wenig historisch: Kuhn, einst SPD-Mitglied, weiß noch genau, wie sich die Grünen in den 80er- und 90er-Jahren in Flügelkämpfen ergingen. „Die alte Geschichte Realo und Fundi können Sie gleich vergessen“, sagt er. Die Grünen hätten ihre Werte erneuert. „Wenn du nicht auf die soziale Gerechtigkeit achtest, verliert die Ökologie.“ Und umgekehrt: „Man kann Öko-Themen erfolgreich mit wirtschaftlichem Denken verbinden.“ Der Erfolg der Grünen habe viel „mit der Überwindung der klassischen Strömungslogik zu tun“, wie es Kuhn ausdrückt.

Katrin Habenschaden nickt. Beim Stadtparteitag der Grünen im März ist sie mit 97,7 Prozent zur OB-Kandidatin gekürt worden. In einem Imagefilm radelt sie durch München, joggt, füttert Schafe und ärgert sich über Verspätungen bei der S-Bahn. Seit 2014 sitzt die gebürtige Nürnbergerin im Stadtrat. Ihr Auftreten ist eher unprätentiös. Als Politikerin achtet die neue Frontfrau der Münchner Grünen aber stets auf elegante Kleidung.

Katharina Schulze konzentriert sich auf die Landespolitik 

Eigentlich dachten viele, dass Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende im Landtag, Dieter Reiter herausfordern würde. Doch das Gesicht der bayerischen Grünen fühlt sich in der Landespolitik besser aufgehoben – als ständiger Stachel im Fleisch von Ministerpräsident Markus Söder. Schulze zählt aber zum engeren Zirkel von Habenschadens Wahlkampfteam.

Den erfahrenen Polit-Fuchs Fritz Kuhn trifft die 41-Jährige zum zweiten Mal in ihrem Leben. Kuhn sagt: „Die Münchner Grünen haben mit Katrin eine gute Entscheidung getroffen.“ Die beiden duzen sich. Ratschläge will er ihr nicht erteilen. Nur so viel: „Bei sich bleiben. Authentisch sein.“ Das komme immer gut an. Dass man als Kommunalpolitiker auch mal verbale Prügel bezieht, gehöre dazu, sagt der Stuttgarter Rathauschef: „Wer nicht aneckt, wird nicht OB.“ Habenschaden hat diesen Bürgerzorn selbst schon zu spüren bekommen, als sie bei einer Großveranstaltung in Johanneskirchen das neue Baugebiet im Münchner Nordosten vehement verteidigte. Sie stimmt Kuhn zu und sagt: „Es geht darum, Haltung zu zeigen und nicht opportunistisch zu sein.“

In Baden-Württemberg haben die Grünen schon früher als in Bayern spektakuläre Erfolge erzielt. Sie stellen mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten, weil sie mit ihrem pragmatischen Politikverständnis weit in klassisch-bürgerliche Wählerschichten vorgedrungen sind. Die Grünen im Ländle hätten schon 1985 auf die Strategie gesetzt, in die Fläche zu gehen, sagt Kuhn und fügt süffisant an: „Wahlen werden in Osterburken gewonnen.“ Das Rhein-Neckar-Städtchen wäre übersetzt ins Bairische wohl ein etwas größeres Hinterdupfing, also eher kein kosmopolitisches Glockenbachviertel.

Stuttgart ist grüner als München

Aubing ist auch kein Hinterdupfing. Selbst in diesem traditionell starken CSU-Bezirk haben die Grünen bei der Landtagswahl 23,1 Prozent bekommen, im Stadtdurchschnitt 31,2 Prozent. Mehr als in Stuttgart, wo es 28,4 Prozent waren. Dafür haben die Grünen am vergangenen Sonntag bei der Kommunalwahl in Stuttgart mit 26,3 Prozent klar das beste Ergebnis vor der CDU (19,4 Prozent) eingefahren. Von einem derartigen Erfolg träumen die Münchner Grünen bei der Kommunalwahl 2020.

Wenn man Fritz Kuhn auf die aktuelle Bundesspitze seiner Partei anspricht, ballt er für einen Moment seine Hände zu Fäusten – wie beim Torjubel im Fußball – und sagt: „Ich bin richtig happy mit unserem Führungsduo.“ Gut möglich, dass Robert Habeck und Annalena Baerbock als Wahlkampf-Hilfe für Habenschaden irgendwann nach München reisen. Fritz Kuhn wird sowieso kommen. Das sagt er seiner Parteikollegin am Ende des Gesprächs zu.

Nach dem Besuch beim Stuttgarter OB trifft Katrin Habenschaden am Abend eine alte Bekannte. Noch so eine Erfolgsgeschichte. Theresa Schopper war von 2003 bis 2013 Landesvorsitzende der bayerischen Grünen. Heute ist sie Staatsministerin für politische Koordination in Baden-Württemberg. Auch Schopper kommt aus Aubing. Einst hat sie Habenschaden animiert, in die Politik zu gehen. Und sie hat früh das Talent einer Katharina Schulze erkannt. Habenschaden erzählt, Schopper und der früh verstorbene Sepp Daxenberger seien für sie die Vorbilder gewesen, sich bei den Grünen zu engagieren.

Alle Infos zur OB-Wahl 2020 in München: Wann ist der Termin? Welche Kandidaten treten bei der Kommunalwahl gegen OB Reiter an?

OB-Wahl München 2020: Dieter Reiter scheint nicht mehr unantastbar

Inzwischen scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass die bislang eher unbekannte Kandidatin, den vermeintlich unantastbaren SPD-OB Dieter Reiter gefährden könnte. „Die Landtagswahl war ganz offensichtlich keine Eintagsfliege“, verkündete der grüne Fraktionschef im Landtag, Ludwig Hartmann, nach der Europawahl. Und voller Euphorie fügte er an: „Wir können jetzt ernsthaft vom Ziel sprechen, demnächst einen grünen Oberbürgermeister zu stellen.

Habenschaden selbst hat erkannt, „dass die sozial-ökologische Bewegung immer stärker wird und wir den richtigen Nerv treffen“. Ihre eigenen Chancen? Dazu äußert sie sich nicht. Obwohl: In einem Interview hat die grüne Hoffnungsträgerin gesagt: „Es ist höchste Zeit, dass eine Frau in München OB wird.“ Das wäre auch in München neu in der Ahnengalerie. Allerdings hat Habenschaden da eine Konkurrentin. Denn auch die CSU schickt mit Kristina Frank eine Frau ins Rennen 

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Die Grünen gehen mit Rückenwind in die anstehenden Kommunalwahlen und nehmen Kurs auf die Rathäuser

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