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Mustafa Sarigül und Christian Ude: „Willy Brandt ist unser aller Genosse.“

OB Ude zu Gast in der Türkei - Istanbul sucht Rat

Istanbul - Es ist fast ein kleiner Staatsbesuch: Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude weilt in Istanbul – und beweist dabei erstaunliche Türkei-Affinität. Doch der bayerische Spitzenkandidat der SPD scheut sich nicht vor deutlichen Worten.

Als Christian Ude die Bahçesehir-Universität betritt, begegnet ihm zunächst einmal Christian Ude. Auf große Plakate haben sie das Konterfei des Münchner OB geklebt, wie einen Popstar. Er soll hier über Kommunalpolitik reden, und vielleicht auch ein bisschen Nachhilfe erteilen. Die Universität ist stolz auf ihr Städtebauinstitut, das Kontakte zur TU Berlin, aber auch nach Harvard pflegt. Und von Ude – „dem europaweit bekannten Kommunalpolitiker“, wie ein Professor sagt – wollen sie hören, wie man die modernen Megastädte organisiert.

Draußen hat Ude Anschauungsunterricht bekommen. Auf dem Weg zur Uni stand sein Tross vor allem im Stau. Drei Spuren, vielleicht auch vier. Kreuz und quer. So ist das hier in Istanbul, das seit Jahren unkontrolliert wächst. Die Wirtschaft der Millionenstadt boomt und lockt die Menschen vom Land in die Metropole. 13 Millionen Menschen wohnen hier, vielleicht sind es auch 14 oder 15. So genau weiß das keiner. Quasi die komplette Münchner Bevölkerung als statistische Ungenauigkeit. Wie soll man da Wasserversorgung und Müllabfuhr organisieren?

Christian Ude in der Türkei. Man will das zunächst gar nicht so recht zusammenbringen. Der OB ist in München vor allem als passionierter Mykonos-Urlauber bekannt, doch Ude ist fast jedes Jahr am Bosporus. Und wer sieht, wie sie ihm hier den roten Teppich ausrollen (schon am Flughafen wird er von Fotografen bestürmt), wie sie ihn als alten Freund hofieren, der fragt nach.

Abends sitzt Ude in der Hotellobby vor einem Bier, nascht Nüsschen und erzählt. 40 Jahre liegt seine erste Türkeireise zurück. Ein Freund hatte von einem Jagdmagazin den Auftrag erhalten, wilde Wölfe zu fotografieren. Der Auftrag sei so absurd gewesen, dass er mitgefahren sei. Mit dem Zug ging es quer durch Jugoslawien nach Istanbul (damals: 800 000 Einwohner) und von dort weiter ins östlichste Anatolien. Tagelang. In stickigen Abteilen, zwischen Ziegen, Hühnern und Kindern, bekam der Student aus Schwabing einen ersten Eindruck vom Leben auf dem Balkan.

Bei der zweiten Nüsschenschale erzählt Ude Anekdoten. Zum Beispiel die vom Hotelier, der ihn immer „Herr Schienbein“ nannte – weil er in Udes Pass auf der Suche nach einem Namen über die Formulierung: „Besonderes Kennzeichen: Narbe a.li. Schienbein“ gestolpert war. Ali erkannte der Mann gleich als Vorname. Nachname Schienbein. Klar.

40 Jahre später steht Herr Schienbein vor Studenten der Bahçesehir-Universität, 500 mögen es sein, in einem Hörsaal, der in Deutschland auch als Kinosaal durchginge. Hier versammelt sich die moderne, weltoffene Türkei. Der intellektuelle Nachwuchs trägt kein Kopftuch, eher Minirock. Neben Ude nimmt einer der Hoffnungsträger dieser Jugend Platz: Mustafa Sarigül. Der 56-Jährige fungiert ebenfalls „nur“ als Kommunalpolitiker, und trotzdem ist er landesweit bekannt. Er ist Bezirksbürgermeister des Stadtteils Sisli, in dem die Universität liegt. Sisli hat nur 400 000 Einwohner, ist aber das Herzstück der türkischen Banken- und Handelswelt. Tagsüber arbeiten hier fünf Millionen Menschen.

Sarigül wäre einer, in den auch die Deutschen ihre Hoffnungen setzen dürften. Zweimal ist er für die sozialdemokratische Partei CHP angetreten, dann wurde er ausgeschlossen – weil er dem amtierenden Parteichef zu gefährlich wurde. „Damit die Türkei wirklich ein demokratisches Land wird, müssen erst einmal die Parteien demokratisch sein“, sagt er vor den Studenten. Was in deutschen Ohren wie ein Allgemeinplatz klingt, ist für türkische Politiker keineswegs selbstverständlich.

Im März 2014 will Sarigül, der jünger als 56 Jahre aussieht, Bürgermeister von ganz Istanbul werden. Vielleicht mit einer reformierten CHP im Rücken. Selbst eine Kandidatur als Premierminister schließen sie hier nicht aus. Udes Unterstützung hat er – nicht nur, weil er in einem Park eine Statue von Willy Brandt („unser aller Genosse“) aufgestellt hat. Sarigül ist modern, weltoffen: Er hat jüdische und armenische Vize-Bürgermeister ernannt. Letzterer wird inzwischen auch von den Muslimen gewählt.

Im Hörsaal spricht Ude nun zu den Studenten über Städtebau. Sie sollten später einmal darauf achten, „dass die Stadtgeschichte erlebbar bleibt“. In München und Nürnberg sei das beim Wiederaufbau nach dem Krieg gut gelungen. Er könnte gleich ein mahnendes Beispiel anfügen: Unweit seines Hotels wird bald ein ganzer Straßenzug dem Erdboden gleichgemacht. Hochhäuser sollen entstehen. Die Skyline von Istanbul nähert sich der einer amerikanischen Großstadt an.

Die Studenten lauschen andächtig, doch es treiben sie andere Fragen um. Ob er sich als Ministerpräsident für eine türkische EU-Mitgliedschaft einsetzen würde, will gleich der erste Frager wissen. Ude ist deutlich: Die Tür sei geöffnet, die wirtschaftlichen Hausaufgaben erledigt. „Der Türkei geht es besser als manchem EU-Mitgliedsstaat.“ Doch politisch sieht der OB massiven Handlungsbedarf: bei Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und einer gerechten Justiz. Sarigül nickt.

Die Studenten fragen auch nach der Integration von Türken in Deutschland. Ude erinnert daran, dass es die Deutschen waren, die die Arbeiter vor 50 Jahren ins Land geholt hätten. Es gebe aber auch eine Bringschuld der Migranten: Wer in Deutschland lebe, müsse auch Deutsch sprechen – „das hat nichts mit Leitkultur, germanischer Überlegenheit oder so einem Blödsinn zu tun“. Die jungen Türken klatschen lautstark Beifall.

Ja, diese Türkei, in der Ude hier spricht, ist nicht jene Türkei, die er vor 40 Jahren kennengelernt hat. 1972 landete er mit seinem Freund im Bergdorf Kirmizi Köprüde, wo sie plötzlich auf Deutsch angesprochen wurden. Zwei junge Gastarbeiter machten gerade Urlaub zuhause – von der Arbeit in München. Ude lernte unbeschreibliche Armut kennen, aber auch große Herzlichkeit. Bis heute ist er mit der Familie, die teilweise noch in München lebt, befreundet. Weil er sich bei Premierminister Recep Tayyip Erdogan für eine Straße einsetzte, wurde er 2005 Ehrenbürger des Städtchens Pülümür.

Nach der Diskussion stehen die Studenten Schlange, um eine signierte Kopie von Udes türkischem Buch zu ergattern. „Wie ich in Kirmizi Köprüde auf die Wölfe wartete“ ist inzwischen in zweiter Auflage erhältlich.

Von Mike Schier

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