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Die Grünen ziehen mit Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt als Spitzenkandidaten in den Bundestags-Wahlkampf.

Bundestagswahl 2017

Özdemir und Göring-Eckardt sind Spitzenkandidaten der Grünen

Berlin - Nur 75 Stimmen machen den Unterschied. Nach wochenlanger Wahlkampf-Tour der Kandidaten steht fest, wer die Grünen in die Bundestagswahl führt. Ein Zittersieg für den Parteichef.

Mit hauchdünnem Vorsprung hat sich der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir als Spitzenkandidat seiner Partei durchgesetzt. Der bundesweit eher unbekannte Robert Habeck, Vize-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, holte in der Urwahl nur 75 Stimmen weniger als der prominente Parteichef. Özdemir führt nun die Grünen gemeinsam mit Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt in den Bundestagswahlkampf. Beide gehören zum eher bürgerlichen Realo-Flügel der Partei.

Die Wahl dürfte als Signal in Richtung einer schwarz-grünen Koalition im Bund gewertet werden, die in Umfragen allerdings keine Mehrheit hat. Am schlechtesten schnitt der einzige Bewerber vom linken Parteiflügel ab: Der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter holte rund 26,2 Prozent der Stimmen. Özdemir und Habeck lagen mit rund 36 und 35,7 Prozent annähernd gleichauf. Göring-Eckardt als einzige weibliche Kandidatin bekam 70,6 Prozent Zustimmung, 59 Prozent der rund 61 000 Grünen-Mitglieder hatten sich an der Wahl beteiligt.

„Keiner ist beschädigt“, sagte Wahlkampfleiter Michael Kellner, der am Mittwoch in Berlin die Ergebnisse vorstellte. „Das ist das richtige Duo für diese Zeit.“ Beide seien durch Umbrüche geprägt, Göring-Eckardt als Ostdeutsche, Özdemir als Sohn türkischer Einwanderer. Die Sieger sollten am frühen Nachmittag vor die Kamera treten. Habeck wolle das Ergebnis nicht anfechten. Er könne mit der knappen Niederlage gut leben, sagte er Keller zufolge.

Göring-Eckardt bedankte sich auf Twitter für den „fairen & guten Wettstreit“. Als einzige weibliche Bewerberin hatte sie ihren Platz im Spitzenduo sicher. Schleswig-Holsteins Grüne dankten Habeck und posteten ein Bild mit der Botschaft „HIERGEBLIEBEN!“. Der Landesminister ist als möglicher Nachfolger von Özdemir an der Parteispitze im Gespräch.

Die Grünen suchen in der Regel an der Spitze den Ausgleich zwischen dem linken und dem bürgerlichen Parteiflügel, das gilt etwa für die Parteichefs Özdemir und Simone Peter sowie für die Fraktionsspitze aus Göring-Eckardt und Hofreiter. Die CDU in Baden-Württemberg sah die Grünen am Mittwoch bereits vor einer „Zerreißprobe“, da nun zwei Realos für die Partei sprächen.

In der ersten Basiswahl der Spitzenkandidaten vor der Bundestagswahl 2013 hatten sie Göring-Eckardt an die Seite des Parteilinken Jürgen Trittin gestellt. Bei der Wahl holte das Duo nur enttäuschende 8,4 Prozent, die Grünen zogen sich im Wahlkampf ein Image als Partei der Steuererhöhungen und Bevormundung zu. Viele schrieben das vor allem dem linken Kurs Trittins zu. Am Mittwoch gratulierte er auf Twitter den Siegern, nun gehe es in einen „starken Wahlkampf“.

Die Spitzenkandidaten von der Basis wählen zu lassen, war vor vier Jahren ein Weg, parteiinternen Streit zu vermeiden. Er sei auch diesmal mit der Wahlbeteiligung sehr zufrieden, sagte Kellner. Ob das Urwahl-Verfahren auch in Zukunft beibehalten werde, entscheide die Partei vor der nächsten Bundestagswahl.

Die Bundestagswahl 2017 findet am 24. September statt. Mit diesen Themen will Angela Merkel im Wahlkampf punkten.

Die beiden Bürgerlichen: Das grüne Spitzenduo im Porträt

In der Regel setzen die Grünen bei ihren Spitzenduos auf eine doppelte Quote - Frau und Mann, linker und realpolitischer Parteiflügel. Diesmal hat die Basis anders entschieden. Die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl haben etwas gemeinsam, findet Wahlkampfleiter Michael Kellner: „Sie wurden beide durch die gravierenden Brüche unserer Zeit geprägt.“

Cem Özdemir

Wer CEM ÖZDEMIR eine Frage stellt, hört als Antwort sehr oft eine Anekdote. Vielleicht von seinen Eltern, den Gastarbeitern, die für die Zukunft ihres Sohnes geschuftet haben und als Türken im schwäbisch-provinziellen Bad Urach klarkommen mussten. Oder von der Mutter eines Freundes, die ihn dazu brachte, seine Hausaufgaben zu machen. Oder von Lehrern, die den heutigen Parteichef der Grünen auslachten, weil er aufs Gymnasium wollte.

Mittlere Reife, Ausbildung zum Erzieher, Fachhochschulreife, Sozialpädagogik-Studium, das sind die Stationen in der Ausbildung des „anatolische Schwaben“, wie er sich nennt. Zu den Grünen kam der heute 51-Jährige als Teenager im Jahr 1981. Als erster Abgeordneter türkischer Herkunft zog er 1994 in den Bundestag ein.

Auf Ärger um dienstlich gesammelte, aber privat genutzte Bonusmeilen und einen Privatkredit folgte ab 2002 eine bundespolitischen Auszeit in den USA und Brüssel. Von 2004 bis 2008 war Özdemir Mitglied im EU-Parlament. 2008 folgte er auf Reinhard Bütikhofer an der Spitze der Grünen, seit 2013 sitzt er wieder im Bundestag. Zusammen mit Kerstin Andreae führt er die Landesliste der Baden-Württemberger Grünen für die Bundestagswahl an.

Özdemirs Themen haben oft mit seiner Biografie zu tun, etwa Integration und Bildungschancen. Er spricht gern über Außenpolitik und gilt als Kandidat für das Amt des Außenministers, falls die Grünen mitregieren sollten. Besonders gefragt war er zuletzt als Interviewpartner zu den Themen Armenien-Resolution und Kritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der zweifache Vater gehört zum bürgerlich-realpolitischen Flügel seiner Partei.

KATRIN GÖRING-ECKARDT geht gerne joggen, auch früh am Morgen oder bei Eiseskälte im Schnee. Die zweifache Mutter gehört zu den wenigen prominenten Grünen aus Ostdeutschland. Oft erzählt sie, wie sie mit ihrem Baby im Tragetuch vor der Wende auf Demos ging, obwohl die Wasserwerfer schon bereitstanden - vor allem, wenn es um Bürger- und Freiheitsrechte geht.

Katrin Göring-Eckardt

Im thüringischen Gotha besaßen die Eltern der heute 50-Jährigen eine Tanzschule. Die Mutter durfte wegen ihres kirchlichen Engagements kein Abitur machen, Göring-Eckardt nennt sie als ihr Vorbild für Haltung und Unbeirrbarkeit. Auch sie ist Christin und in der evangelischen Kirche engagiert, was ihr im bürgerlichen Lager Sympathien einbringt. Ein Theologiestudium hat sie abgebrochen.

In der Wendezeit gründete die als wertkonservativ geltende Politikerin die Bürgerbewegung Demokratie Jetzt mit. Sie ging bald schon im Bündnis 90 auf, das sich 1993 mit den Grünen zusammenschloss. Im Bundestag sitzt sie seit 1998. Gemeinsam mit dem Parteilinken Anton Hofreiter führt Göring-Eckardt die Grünen-Fraktion seit 2013 zumindest nach außen hin reibungsfrei. Den Job als Fraktionschefin hatte sie auch von 2002 bis 2005 schon mal, damals setzte die die Reform-Agenda 2010 bei den Grünen mit durch.

Die Wahl zur Spitzenkandidatin war 2013 für viele eine Überraschung, die Grünen-Promis Claudia Roth und Renate Künast hatten das Nachsehen. Diesmal wollte niemand gegen die Realo-Frau antreten, die von ihrem Landesverband in Thüringen bereits wieder auf Platz eins der Landesliste gewählt wurde.

dpa/snacktv

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