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Angriff auf Hotel in Kabul

Taliban bekennen sich zu Angriff in Kabul

Dramatische Szenen bei Attacke auf Hotel: 24 Tote bestätigt - 14 Ausländer

Nach mehr als 13 Stunden ist der Angriff von bewaffneten Männern auf das Hotel Intercontinental in der afghanischen Hauptstadt Kabul blutig zu Ende gegangen.

Kabul - Nach dem Sturm der radikalislamischen Taliban auf das Hotel Intercontinental in der afghanischen Hauptstadt Kabul könnte die Zahl der Toten auf mehr als 40 steigen. Das berichtete der Sender Tolo TV am Sonntagabend (Ortszeit) unter Berufung auf eine nicht genannte „verlässliche Quelle“. Die Zahl passt zur Einschätzung von Augenzeugen, wonach die offiziellen Zahlen von Regierungssprechern weit untertrieben sein sollen.

Ein von Spezialkräften aus dem Hotel geretteter Augenzeuge sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Zahl der Opfer sei „viel höher“ als offiziell von der Regierung angegeben. Die Attentäter seien von Tür zu Tür gerannt und hätten gezielt nach Regierungsbeamten und Ausländern gesucht. Dann hätten sie in die Zimmer geschossen.

Die Taliban hatten sich in der Nacht zum Sonntag stundenlange Gefechte mit Sicherheitskräften geliefert.

Mindestens 18 Zivilisten tot

Nach offiziellen Angaben mindestens 18 Zivilisten getötet worden. Unter ihnen seien 14 Ausländer und vier Afghanen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums, Nasrat Rahimi, am Sonntag. Auch alle sechs Attentäter seien getötet worden.

Der Sprecher des Innenministeriums, Nadschib Danisch, sagte bei einer Pressekonferenz am frühen Abend, er wisse derzeit von fünf Toten, darunter eine Ausländerin, sowie neun Verletzten. Sein Kollege Nasrat Rahimi hatte zuvor von sechs Toten und sieben Verletzten gesprochen. Die Gesamtzahl aller Opfer sei jedoch noch nicht ermittelt worden.

Auch zur Identität einiger Opfer tauchten mehr Informationen auf. So sollen nach Berichten des gut vernetzten Journalisten Bilal Sarwary und des Senders 1TV zehn oder elf Angestellte der afghanischen Fluglinie Kam Air ums Leben gekommen sein. Diese hatte das Hotel offenbar als Basis für ihre Piloten und Kabinencrews genutzt. Auf der Facebook-Seite von Kam Air hieß es, „einige Piloten und Crew-Mitglieder“ seien unter den „Toten und Verletzten“. Es werde deshalb Verspätungen geben, einige Flüge würden gestrichen.

Unter den Toten sollen Venezolaner und Ukrainer sein. Das ukrainische Außenministerium bestätigte am Sonntag aber nur ein ukrainisches Opfer. Auch der afghanische Generalkonsul in der pakistanischen Großstadt Karachi wurde identifiziert. Der Botschafter in Pakistan, Omar Sachilwal, twitterte die Nachricht vom Tod des Mannes.

„Ich flehe die Sicherheitskräfte an, uns zu retten“

Ein Hotelgast, der sich in einem Zimmer versteckte, sagte AFP per Telefon, er könne Schüsse in der Nähe des ersten Stocks hören. "Wir verstecken uns in unseren Zimmern, ich flehe die Sicherheitskräfte an, uns so schnell wie möglich zu retten, bevor sie zu uns kommen und uns töten", sagte er. Bei einem späteren Versuch von AFP, den Mann zu erreichen, war sein Telefon ausgeschaltet.

Aufnahmen des Senders Tolo TV zeigten dramatische Szenen von Hotelgästen, die am Morgen über Balkone zu entkommen versuchten. Ein Mensch hing mit einer Hand am Geländer außen an der Fassade. Ein anderer versuchte sich mithilfe von Bettlaken auf einen Balkon eines unteren Stockwerks abzuseilen, als er den Halt verlor und fiel.

Taliban bekennen sich zu Angriff 

Die Taliban bekannten sich per Email zu der Tat und sagten, fünf ihrer „heiligen Krieger“ hätten das Hotel überfallen und Dutzende ausländische und afghanische Feinde getötet.

In das Hotel Intercontinental in der afghanischen Hauptstadt Kabul sind nach Geheimdienstangaben mehr Talibankämpfer eingedrungen als bislang bekannt. Ein Angehöriger des Geheimdienstes NDS sagte der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag, es seien nicht vier Kämfer gewesen, wie von Regierungssprechern bisher behauptet, sondern sieben. Die Taliban selber sagten in einem ungewöhnlich späten Bekenntnis, sie hätten fünf Attentäter geschickt.

Die Zahl der ausländischen Gäste im Intercontinental schrumpft  seit Jahren. Das Haus gilt angesichts der drastischen Verschlechterung der Lage in Kabul nicht mehr als sichere Adresse.

Die Sicherheitsvorkehrungen am Intercontinental waren offenbar eher lax. Nach Behördenangaben war unklar, wie die Angreifer an den Wachleuten des Hotels vorbeikommen konnten. Den Wachdienst hatte demnach vor drei Wochen eine Privatfirma übernommen. Ein Hotelangestellter sagte AFP, die neuen Wachleute seien bei dem Angriff davongerannt.

Behörden bestätigten, dass im Hotel zum Zeitpunkt der Angriffs eine Hochzeitsfeier im Gang gewesen sei. Außerdem waren mehr als 100 Menschen für eine Konferenz afghanischer Computerexperten angereist.

Ein Teil des Hotels brannte während des Angriffs. Am Morgen, als die Spezialkräfte auf das letzte noch ungesicherte Stockwerk und den angeblich letzten dort verbarrikadierten Attentäter vorrückten, loderten die Flammen wieder auf. Offenbar waren in dem Stockwerk zu dem Zeitpunkt noch Gäste gefangen.

Die Angreifer waren am Samstagabend nach 21.00 Uhr (Ortszeit) durch die Küche in das Hotel eingedrungen. Kurz darauf kreisten Helikopter über dem Hotel. Die Szene weckte in Anwohnern Erinnerungen an einen ähnlichen Angriff im Jahr 2011, als neun Talibankämpfer das Hotel, das auf einem Hügel liegt, angegriffen hatten. Etwa ein Dutzend Gäste und Angestellte wurden getötet. Die Angreifer konnten erst nach Stunden unschädlich gemacht werden.

Die Sicherheitslage in der afghanischen Hauptstadt hat sich seit Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 stark verschlechtert. 2017 gab es dort mehr als 20 schwere Anschläge der Taliban und der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit mehr als 500 Toten. Bei dem ersten Anschlag im neuen Jahr auf einen Sicherheitsposten waren Anfang Januar mindestens 20 Menschen getötet und 30 verletzt worden.

Die amerikanische Botschaft in Kabul und das US-Außenministerium in Washington hatten zum Ende der Woche hin vor möglichen Angriffen in Kabul gewarnt - unter anderem auf Hotels. Der dpa-Reporter vor Ort sah am Hotel mehrere Fahrzeuge internationaler Truppen. Ihre Rolle bei der Rettungsaktion blieb zunächst unklar.

Opfer bei weiteren Angriffen

In der nordafghanischen Provinz Balch, in der die Bundeswehr ein großes Feldlager unterhält, waren schon am frühen Morgen bei einem Taliban-Überfall in einem Dorf im Scholgara-Bezirk mindestens 18 Sicherheitskräfte getötet worden. Unter ihnen seien 17 Angehörige einer dörflichen Bürgerwehr, sagte der Sprecher der Provinzpolizei, Scher Dschan Durrani.

In der westafghanischen Provinz Herat starben nach offiziellen Angaben mindestens neun junge Männer, als ihr Fahrzeug im Gulran-Bezirk auf eine an der Straße verborgene Mine fuhr. Die Taliban legen landesweit Tausende solcher Sprengsätze. Sie sollen vor allem Truppenbewegungen aufhalten, töten aber oft Zivilisten.

dpa/AFP

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