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Olaf Scholz: „Weichspüler” ohne Charisma? Führungskräfte-Coach vermisst wichtige Merkel-Qualität

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Von: Marc Beyer

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Fährt Olaf Scholz mit seiner Zurückhaltung im Ukraine-Konflikt den richtigen Kurs? Die Bevölkerung ist gespalten
Fährt Olaf Scholz mit seiner Zurückhaltung im Ukraine-Konflikt den richtigen Kurs? Die Bevölkerung ist gespalten. © Abdulhamid Hosbas / Anadolu Agency /dpa

Andreas Bornhäußer coacht Führungskräfte. Beim SPD-Kanzler sieht der Experte erhebliche Defizite in der Kommunikation - und erklärt, warum er ihn für zu weich hält.

München – Olaf Scholz gibt große Interviews, hält Reden an die Nation, neulich wurde er sogar laut. Die Kommunikation des Bundeskanzlers hat sich in den vergangenen Kriegswochen des Ukraine-Konflikts spürbar verändert. Wie genau, das erklärt Andreas Bornhäußer. Der Berliner Mediencoach schult Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur, die ihre Außenwirkung verbessern wollen.

Herr Bornhäußer: Am 8. Mai hat Olaf Scholz eine Ansprache an die Nation gehalten, ein öffentlicher Auftritt von vielen in den vergangenen Wochen. War der Kanzler so, wie Sie ihn kennen?

Andreas Bornhäußer: Absolut. Er bleibt sich und seinem Kommunikationsstil treu. Ich habe wirklich schmunzeln müssen. Wenn man diese Rede vergleicht mit der Fernsehansprache vom 24. Februar, hat er original die gleichen Sätze vorgelesen. Die Reihenfolge war nur eine andere. Das ist der Weichspüler Olaf Scholz, der sich politisch korrekt formulierend verhält.

Waren nicht seine Sätze diesmal zumindest kürzer, auch verständlicher?

Bornhäußer: Ich erinnere mich an eine Rede auf dem SPD-Parteitag, wo er versuchte, Emotionalität zum Ausdruck zu bringen. Da hat er auch kurze Sätze verwendet. Stakkato, Stakkato, dann hat er noch den Napoleon-Federschritt hinzugefügt. Immer auf die Zehenspitzen, in der Hoffnung, dass es seinen Worten Nachdruck verleiht. Tut es aber nicht, denn es fehlt ihm an Stimme. Und kürzer bedeutet übrigens nicht automatisch auch verständlicher.

Bundeskanzler Olaf Scholz? „Im Gegensatz zu Merkel fehlt ihm das Vati-Gen“

Es gab schon Auftritte, wo man hinterher fragte, was er eigentlich gesagt hat.

Bornhäußer: Aber was hat er denn diesmal gesagt? „Es ist eine schwierige Situation, wir haben klare Entscheidungen gefällt, wir sind nicht sicher, ob die Entscheidungen richtig sind, das wird die Zukunft zeigen“ – das ist das, was er uns hinterlassen hat. Das hat er Ende Februar aber auch schon, und im Bundestag auch. Da hat er nur mal eine polarisierende Vokabel rausgehauen.

Die Zeitenwende?

Bornhäußer: Ja, die hat er zwei Mal verwendet.

Wie wirkt der Kanzler insgesamt auf Sie? Und was glauben Sie, wie er auf die Bürger allgemein wirkt?

Bornhäußer: Auf mich wirkt er wie der Nachfolger von Merkel. So wurde er gewählt. Einer, der eine integrative Ausstrahlung und Wirkung hat. Im Gegensatz zu Merkel fehlt ihm aber das Vati-Gen. Mutti hat es dann ja immer irgendwie gerichtet. Olaf Scholz kann in mir nicht das Gefühl auslösen, dass auch er es richten wird. Ich glaube, dass die Wähler ihn tatsächlich gewählt haben, weil sie hofften, dass er die Nachfolge der integrativen Figur antreten kann. Jetzt haben sie diesen besonnenen Vertreter, hätten aber gerne einen, der auch mal den Mund aufmacht.

Medienexperte: „Olaf Scholz von charismatischer Persönlichkeit weit entfernt“

Er ist also zu leise für die Bürger?

Bornhäußer: Lassen Sie mich Helmut Schmidt zitieren, wenn auch nicht ganz wortgenau: Es bedarf charismatischer Politiker, weil sie zunehmend gefordert sein werden, den Bürgern unliebsame Entscheidungen zu verkaufen oder wenigstens zu vermitteln. Von einer charismatischen Persönlichkeit ist Olaf Scholz weit, weit, weit entfernt.

Im Gegensatz zu Merkel legt er immerhin Wert auf Medienpräsenz, gerade in den letzten Wochen. Kann er seine Politik überzeugend vermitteln?

Bornhäußer: Aus meiner Sicht nicht. Es fehlt ihm das, was etwa Robert Habeck sehr gut hinkriegt: Er erklärt. Habeck sagt, es wird nötig sein, die und die Entscheidung zu treffen. Er sagt: „Und wir werden alle unseren Preis dafür zahlen, machen wir uns nichts vor!“ Das sind klare Worte. Die höre ich von Herrn Scholz nicht. Ich glaube, er verliert zunehmend die Wählerinnen und Wähler.

Sein Team, hört man, will genau dort ansetzen: die Kommunikation, Erklären. Spüren Sie das Bemühen?

Bornhäußer: Ja, natürlich. Allerdings ist das aus meiner Sicht vor allem getragen von dem Bemühen um politische Korrektheit. Da gibt es kein Polarisieren. Wenn ich drei Prädikate vergeben sollte für die drei Politiker, die man am häufigsten in den Medien sieht und hört – Baerbock, Habeck und Scholz –, dann würde ich sagen: Jeanne d’Arc, Erklär-Bär und Weichspüler. Er bemüht sich redlich. Aber ich habe mich früher als Schüler auch redlich bemüht, pünktlich zu sein.

Andreas Bornhäußer, Mediencoach
Andreas Bornhäußer, Mediencoach. © FKN

Olaf Scholz: Hat der Bundeskanzler ein Stimmproblem? Coach sieht „Beerdigungsreden“

Wie hat sich seine Kommunikation verändert, seit er ein Kanzler in Kriegszeiten ist?

Bornhäußer: Gar nicht. Wir machen das auch bei uns im Team immer wieder zum Thema. Wenn er mein Coachee wäre, würde ich als erstes mit ihm ein ordentliches Stimmtraining machen. Damit er in der Lage ist, seine Aussagen auch tonal zu unterstützen. Nicht nur kurz, sondern auch klar und pointiert. Mit den Pausen geht es inzwischen ein bisschen besser, dass er die gezielt setzt. Aber haben Sie an irgendeiner Stelle das Gefühl, da regt sich einer mal so richtig auf?

Zumindest wirkt seine Wortwahl inzwischen zugespitzter. Der „barbarische“ Angriffskrieg, die „infame“ Geschichtsklitterung Putins.

Bornhäußer: Das hat er im Bundestag auch schon versucht. Aber wir reden ja jetzt über seine Wirkung. Seine Eloquenz, seine Wortwahl, das ist alles okay. Was völlig fehlt, ist die Expression eines Menschen, der wortwörtlich unterstreicht, was er sagt. Mein Vater sagt immer: „Kann er nicht mal aufhören, seine Beerdigungsreden zu halten?“ Und mein alter Herr ist 86.

Es gab die Rede am 1. Mai bei der DGB-Kundgebung in Düsseldorf, wo er gegen eine Menge anschreien musste. Tat er das nur aus Akustikgründen – oder hat sich in ihm etwas gelöst?

Bornhäußer: Es ist die Kombination. Wenn Sie gegen eine Masse anschreien und das Gefühl haben, diese Masse respektiert Sie nicht, fangen Sie irgendwann an, sich zu ärgern. Und dann verlieren Sie womöglich die Kontrolle und schreien.

Viele Menschen haben den Kanzler so wahrscheinlich noch nie zuvor gesehen.

Bornhäußer: Auch nicht danach. Ich habe am 8. Mai diese Acht-Minuten-Rede gesehen und mich gefragt: Bewegt ihn das wirklich? Die Vokabeln hat er abgeliefert. Aber er sagt „barbarisch“ (spricht betont emotionslos) und nicht „barbarisch“ (überdramatisch). Da würde ich ansetzen.

Interview: Marc Beyer

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