SPD vor der Bundestagswahl

Von wegen aussichtslos? Der schwierige Kampf des Kanzlerkandidaten Scholz

  • Mike Schier
    VonMike Schier
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Er wurde belächelt für seine Kanzlerkandidatur. Nun liegt Olaf Scholz plötzlich in Beliebtheits-Umfragen vor Armin Laschet und Annalena Baerbock. Aber zu Euphorie besteht noch kein Anlass.

München – Der SPD-Promi hat einen recht exponierten Platz: Er sitzt einen Steinwurf vom Münchner Viktualienmarkt entfernt vor der Gaststätte „Beim Sedlmayr“. Der Ort ist etwas ungünstig für eine Pressekonferenz. Aus einem Geschäft dröhnt Adriano Celentano herüber. Regelmäßig rauschen Autos durch die eigentlich verkehrsberuhigte Gasse. Und gelegentlich grüßen Fußgänger. Oberbürgermeister Dieter Reiter winkt dann freundlich zurück. „Vielen Dank für die Geburtstagswünsche“, ruft eine Frau. „Die bekommt man doch erst ab 60“, antwortet der OB lachend. Scherz. „Ich bin aber schon 86.“

So geht es zu beim Sedlmayr. Neben Reiter sitzt der Mann, um den es eigentlich geht. Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD. Vom Wirt hat der Hamburger einen besonderen Bierkrug überreicht bekommen („Der is für di!“). Ansonsten hält sich die öffentliche Aufregung stark in Grenzen. Dabei ist Scholz Bundesfinanzminister, Vize-Kanzler – und neuerdings ein ernst zu nehmender Konkurrent bei der Frage, wer künftig im Bundeskanzleramt residiert.

Olaf Scholz und die SPD vor der Bundestagswahl: In Umfragen merklich aufgeholt

Im „Deutschlandtrend“ von Infratest führt Scholz bei der Frage nach der Kanzler-Direktwahl mit 29 Prozent (+3 Punkte im Vergleich zum Vormonat). Für Armin Laschet würden 28 Prozent stimmen, Annalena Baerbock käme auf 18 Prozent. Bei Insa liegt die SPD mit 17 Prozent nur noch einen Prozentpunkt hinter den Grünen. Das ist keine Nebensächlichkeit, denn mit einer SPD als zweitstärkster Kraft würde eine Ampel-Koalition deutlich wahrscheinlicher.

Ein Weißbier für den Hamburger: Olaf Scholz (r.) bekommt in München ein Bier, bei Dieter Reiter scheint die Vorfreude ein wenig stärker ausgeprägt.

Baerbock hat sich aus der Schusslinie begeben und in den Urlaub verabschiedet. Scholz dagegen kann jedes bisschen Aufmerksamkeit brauchen. Er ist keiner, nach dem sich die Leute auf der Straße umdrehen, selbst wenn er in der dicken Limousine mit Polizeieskorte davon rauscht. Aber er ist der, der am meisten Regierungserfahrung hat – und damit quasi der Gegenentwurf zu Baerbock. Er war SPD-General, Bundesarbeitsminister, Bürgermeister von Hamburg und jetzt eben Bundesfinanzminister. Darauf setzt er.

SPD: Kanzlerkandidat Scholz übt sich bei München-Besuch in demonstrativer Gelassenheit

Vergangene Woche war er in Washington. Das ist die Liga, in der er sich sieht. Auch wenn US-Vizepräsidentin Kamala Harris keine Zeit für ein erhofftes Treffen hatte. Immerhin seine Amtskollegin Janet Yellen traf er, sie sieht er als Verbündete in seinem Kampf für eine globale Steuerreform. Beim G7-Treffen neulich durfte Scholz schon einen Erfolg feiern.

„Beim Sedlmayr“ ist die globale Mindeststeuer eher kein Thema. Hier wird Weißbier serviert. Aber anders als Harris hat wenigstens Reiter Zeit. Scholz braucht hier dessen Strahlkraft. Die beiden schlendern über den Viktualienmarkt, umringt von einer Entourage von SPD-Helfern. Später geht es noch zu einem Unternehmensbesuch.

„Der Wahlkampf fängt erst an“, sagt der Kanzlerkandidat. „Jetzt fahren die Leute erst einmal in den Urlaub und dann überlegen sie sich, wen sie eigentlich wählen sollen.“ Die Gelassenheit ist demonstrativ, schließlich brennt es beim Gegner Grüne lichterloh. „Es ist heiß in der Küche“, sagt Scholz, wenn man ihn nach Baerbock fragt. Wer kandidiere, müsse das abkönnen. Und wenn man das Amt erst habe, werde es nicht gemütlicher.„Ich habe für mich entschieden, dass ich Kritik an mir oder meiner Partei, nicht als Kampagne bewerte“, sagt er spitz in Richtung Grüne.

SPD: Vor der Bundestagswahl zieht Olaf Scholz das Rampenlicht auf sich

Ganz so entspannt war die SPD nicht immer. Auch sie stand jahrelang im Feuer. Scholz soll die Ruine der Volkspartei nun wieder aufbauen. Immerhin: Im Moment läuft es ruhig. Die beiden Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans hat man irgendwo verräumt. Sie treten jedenfalls kaum noch in Erscheinung. Und auch Kevin Kühnert hält sich zurück. So diszipliniert waren die Genossen lange nicht. Das Rampenlicht gehört allein Scholz. Doch große Ansagen gibt es nicht. Seine Botschaft zur Wahl bestehe aus drei Punkten, sagt der Kandidat: Respekt, Zukunft und Europa. Aha.

Dieter Reiter sitzt neben Scholz und hört ein wenig zu. Vor allem aber beobachtet er, wie ein Auto nach dem anderen durch dieses von der Stadt zur „Sommerstraße“ erklärte Gässchen rollt. Polen. Italiener. Hamburger. Dem OB lässt das keine Ruhe. „Wird echt Zeit, dass das Fußgängerzone wird.“ Bis dahin kann man ja die Blumentröge etwas sperriger anordnen.

Möglich also, dass diese Scholz-Pressekonferenz noch ganz handfeste Folgen hat. (Mike Schier)

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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