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Liegt es nur an der Schwäche von Baerbock und Laschet? 5 Gründe für den Höhenflug der SPD

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Von: Andreas Schmid

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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz
Im Rampenlicht: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz blickt aktuell auf gute Umfragewerte. © Ronny Hartmann / AFP

Die SPD scheint derzeit gute Chancen aufs Kanzleramt zu haben. Das war nicht immer so. Wie ist der aktuelle Höhenflug der Partei zu erklären?

Berlin - Es ist noch nicht so lange her, da sprach die SPD äußerst ungern über Umfragewerte – weil man mit ihnen schlicht nicht hausieren gehen konnte. Anfang des Jahres stagnierte die Partei bei um die 15 Prozent, teilweise weniger. Als die Sozialdemokraten ihre Kanzlerambitionen betonten, wurden sie belächelt. Auch, weil Kanzlerkandidat Olaf Scholz zuvor auf persönlich desaströse Umfragewerte blickte. Nun sieht die Lage gänzlich anders aus. Die SPD wäre laut den aktuellen Umfragen stärkste Kraft und Scholz der mit Abstand beliebteste Kanzlerkandidat. Wie ist der Höhenflug der Sozialdemokraten zu erklären?

Bundestagswahl: Die SPD profitiert von den Fehlern der Konkurrenz

Ein Grund dürfte sicherlich das Auftreten der anderen beiden Kanzlerkandidaten sein. Sowohl Armin Laschet (CDU/CSU) als auch Annalena Baerbock (Grüne) haben in diesem Wahlkampf bereits eine unglückliche Figur abgegeben. Persönliche Patzer wie ein Lachen im Flutgebiet, Fehler in der Wahlkampfrede oder geschönte Lebensläufe und Plagiatsvorwürfe ließen die Zustimmungswerte der beiden Anwärter aufs Kanzleramt in den Keller sinken. Im jüngsten ZDF-Politbarometer attestierten Laschet nur 25 Prozent der Befragten die Kanzlertauglichkeit, Baerbock kam sogar auf nur 22 Prozent. Und Scholz? 65 Prozent der Deutschen denken, der aktuelle Vizekanzler ist für das Amt des Bundeskanzlers geeignet. Ein klarer Sieg für den SPD-Politiker.

SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil erklärte bei der Kampagnenvorstellung im August, dass sich der Zuspruch für Scholz auch darin begründet, „dass zwei der drei Kanzlerkandidaten seit Wochen damit beschäftigt sind, sich für Fehler zu entschuldigen“. Womöglich würde die Situation anders aussehen, wenn Union und Grüne auf andere Kanzlerkandidaten gesetzt hätten. „Mit Markus Söder und Robert Habeck als Kandidaten wäre der Wahlkampf für uns viel schwieriger geworden“, bilanziert etwa SPD-Politikerin Annette Ganssmüller-Maluche, stellvertretende Landrätin aus Ismaning, gegenüber dem Münchner Merkur.

SPD im Umfragehoch: Keine eigenen Fehler - „Scholz hat im Moment das Glück des Nichtauffallenden“

Olaf Scholz kommt derzeit bei der Bevölkerung gut an. Seit Wochen ist er der mit Abstand beliebteste Kanzlerkandidat. Kritiker spotten bereits, das liege lediglich daran, dass er nicht Laschet oder Baerbock heißt. „Scholz wird plötzlich zur Lichtgestalt ohne eigenes Zutun – weil Laschet und Baerbock viele Fehler gemacht haben“, meint etwa FDP-Vize Wolfgang Kubicki. „Scholz hat im Moment das Glück des Nichtauffallenden.“ Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich Scholz schlicht keine öffentlichen Patzer leistet. Ein Lachen des oft nüchtern wirkenden Finanzministers während einer Rede des Bundespräsidenten würde man von ihm wohl eher nicht sehen. Angriffspunkte bietet der frühere Hamburger Bürgermeister zwar auch. Sie spielen aber keine allzu große Rolle im Wahlkampf.

Bundestagswahl: Die SPD schreibt fast nur positive Schlagzeilen

Der SPD gelingt es momentan nämlich, fast ausschließlich positive Schlagzeilen zu schreiben. Das liegt neben den guten Umfragewerten und dem Auftreten von Olaf Scholz auch daran, dass eigene Verfehlungen klein gehalten werden können. Scholz würde mit der Causa Wirecard oder den Cum-Ex-Geschäften durchaus Kritikpunkte bieten. Und da die SPD in den letzten acht Jahren mitregiert hat, ist sie an den „aktuellen und kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen“, von denen im Wahlprogramm die Rede ist, nicht ganz unbeteiligt. Aber: Die SPD schafft es offensichtlich, ihr „Zukunftsprogramm“ erfolgreich an die Wählerschaft zu bringen. Weil die Partei einen klaren Plan hat. (Kann die SPD den Kanzler stellen? Mit unserem Politik-Newsletter erfahren Sie stets alle Neuigkeiten zur Bundestagswahl.)

Bundestagswahl: Die SPD und „die ganz lange Strecke“ - voller Fokus auf Scholz

Rund 15 Millionen Euro ließ sich die SPD den Wahlkampf kosten, etwa zehn Millionen Euro weniger als bei der Kampagne zur vergangenen Bundestagswahl. Maßgeblich verantwortlich für die aktuelle Strategie ist Raphael Brinkert, der in der Vergangenheit bereits den Europawahlkampf der CDU geleitet hat und nun als Wahlkampfmanager der SPD fungiert. Die klare Devise: Voller Fokus auf den Kanzlerkandidat. Im Sommer präsentierte die Partei Plakate mit Scholz-Motiv und dem Slogan „Scholz packt das an“ - S.P.D.

Als erste Partei hat sie den Kanzlerkandidaten ernannt. Während in der Union noch über die Frage Laschet oder Söder diskutiert wurde, war das Wahlprogramm der SPD bereits veröffentlicht – die Sozialdemokraten aber auch noch weit entfernt vom Kanzleramt. Scholz betonte schon im Januar, man brauche „die ganz lange Strecke.“ Wenn die Menschen im August aus dem Sommerurlaub zurückkehren, wolle man da sein. Dieser Plan könnte aufgehen.

 Lars Klingbeil, SPD Generalsekretär, stellt in einem Kinosaal die Kampagne der SPD für die Bundestagswahl vor.
„Scholz packt das an“ - Mit diesem Motto geht die SPD in die heiße Wahlkampfphase vor der Bundestagswahl. © Kay Nietfeld/dpa

SPD: Partei zeigt demonstrativ Geschlossenheit - „es gibt keine Differenz“

Die Partei vermittelt momentan ein geschlossenes Bild – anders als die Union, wo die Unzufriedenheit mit Laschets Wahlkampf mittlerweile nicht nur aus Bayern geäußert wird. „Dass wir die Union in den Umfragen überholt haben, liegt für mich an ihrer mangelnden Geschlossenheit“, sagt Thomas Fäth, Fraktionschef der SPD im Haarer Gemeinderat, gegenüber dem Münchner Merkur.

„Wir sind jetzt in einer Wahlkampfsituation, in der wir uns konzentrieren auf die für uns gemeinsamen, großen, wichtigen Themen“, erklärte Berlins SPD-Oberbürgermeister Michael Müller jüngst gegenüber dem BR. „Und da gibt es keine Differenz zwischen Saskia Esken, Kevin Kühnert und Olaf Scholz.“ Öffentlich ausgetragener Zwist? Nicht vorhanden. Dass etwa das Verhältnis von Co-Parteichef Walter-Borjans zu Scholz nicht ganz leicht sein soll, merken die Wählerinnen und Wähler nicht. Selbst zu SPD-Außenminister Heiko Maas, der maßgeblich für die Lage in Afghanistan verantwortlich ist, äußerten sich die roten Parteigranden bedacht. Die Devise: Nur keine Unruhe. Streitereien gibt es zwar auch bei den Grünen wenig, doch Baerbock & Co. können von der propagierten Gemeinsamkeit offensichtlich weniger profitieren.

Überbewerten will die SPD die aktuelle Lage nicht. Schließlich ist das historisch schlechteste Abschneiden bei einer Bundestagswahl immer noch in Reichweite (2017: 20,5 Prozent). Außerdem sind Meinungsumfragen immer Momentaufnahmen und keine wasserdichten Prognosen. Im Willy-Brandt-Haus freut man sich aber dennoch über die derzeitigen Zustimmungswerte. „Ein Regierungswechsel, ein Aufbruch in Deutschland ist möglich“, meinte Olaf Scholz jüngst. „Eine Kanzlerschaft von einem Sozialdemokraten ist jetzt sehr erreichbar geworden.“ (as)

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