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Olaf Scholz wird von US-Magazin „Time“ als Sphinx-artig betitelt: „Er redet zu wenig“

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Von: Christian Deutschländer

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Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) blickt aus dem Airbus A350 der Luftwaffe auf dem Rückweg von Tokio zum militärischen Teil des BER-Flughafens auf die Arktis. Wegen des Ukraine-Krieges wird Russland nicht überflogen und deshalb wird ein Umweg über Alaska und den Nordpol geflogen.
Olaf Scholz ist kein Freund der vielen Worte. Das US-Magazin „Time“ hat ihn nun interviewt und ihn als „Sphinx-artig“ bezeichnet © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Der Zauber des Anfangs verfliegt: In Umfragen wachsen die Zweifel der Deutschen an ihrem neuen Kanzler. Ein weltbekanntes Magazin fasst das nun so zusammen: Scholz sei irgendwie Sphinx-mäßig. Und rede zu wenig.

Berlin – Zwei Stunden sind für einen Kanzler in Kriegszeiten eine halbe Ewigkeit, aber am Freitag vor einer Woche nimmt sich Olaf Scholz diese Zeit. Im Kanzleramt, oberster Stock, setzt er sich mit einer Journalistin des Time-Magazins zusammen. Um zu sprechen über sich, seinen Stil, seine Politik, und etwas mitzuzeichnen am Bild, das sich die Welt vom neuen deutschen Regierungschef macht. Das Scholz-Gespräch ist das Herzstück einer seitenlangen Titelgeschichte. Und, ja, sie ist aufschlussreich, diese Außenansicht.

Olaf Scholz schweigt deutsche Journalisten an - und spricht im US-Magazin „Time“

Scholz pflegt deutschen Journalistenfragen wolkig auszuweichen. „Ich bedanke mich für Ihre Frage“, floskelt er dann und antwortet absolut nichtssagend. Mit Time spricht er nun aber über sein Amtsverständnis. „Seiner Ansicht nach wurde er vom Volk beauftragt, das Land so zu führen, wie er es für richtig hält – nicht, wie es die Umfragen sagen“, schreibt die Autorin Lisa Abend. Sie zitiert den Kanzler: „Wenn man eine gute Führungspersönlichkeit ist, hört man auf das Volk. Aber man meint nie, das Volk will genau das, was es fordert.“ Es ist die Paraphrase eines alten Satzes von Franz Josef Strauß (mit Scholz wahrlich nicht wesensverwandt): „Dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.“

Kanzler im „Time“-Magazin: Nie umgarne er seine Wähler mit Charme und Worten

Scholz’ Stil beschreibt das US-Magazin aus New York – Auflage gut drei Millionen – als reserviert statt emotional, methodisch statt spontan, gegenüber Druck meist resistent, auch in der Ukraine-Krise. Nie umgarne er seine Wähler mit Charme und Worten oder erkläre sein Handeln großartig. Für „Scholzomat“, also den Spott über seine robotische Sprechweise, sucht Time mühsam nach einer Übersetzung.

Olaf Scholz „muss reden“: Kanzler-Porträt fällt kritisch aus

Das Kanzler-Porträt fällt dabei kritisch, aber nicht vernichtend aus. Enge Weggefährten dürfen was sagen. Regierungssprecher Steffen Hebestreit beschreibt Scholz als einen Politiker, der nach zwei Regeln kommuniziere: „Reagiere nie hysterisch und nie beleidigt.“ Härtere Zwischentöne äußert die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann: „Wir müssen die Geschichte erzählen“, sagt sie, also erklären, was in der Ukraine passiere, was das für Deutschland bedeutet. „Und okay, er ist ein ruhiger Typ“, sagt sie über ihren Koalitionspartner Scholz. „Aber er muss reden.“

„Sphinx-artig“ und unbewegt: Olaf Scholz posiert für Cover von US-Magazin

Die Bildsprache passt dazu: Unbewegt, fast steif, posiert Scholz auf den Time-Fotos. Einmal habe sie auf eine Frage auch nur ein „Sphinx-artiges“ dünnes Lächeln bekommen, schreibt die Autorin, zu sehen ist es auf keinem der Bilder. Scholz’ Schlusswort stattdessen im Text mit Blick auf Russland und die Ukraine: „Ich bin sicher, die Leute vertrauen darauf, dass wir unserem Job nachkommen, all die schwierigen Fragen durchzudenken.“

Olaf Scholz rutscht auf Politbarometer ab: Corona, Krieg und Krisen haben Spuren hinterlassen

Sehen das die Leute auch so? Zeitgleich mit dem Text werden am Freitag in Deutschland neue Umfragen bekannt, wonach vor allem die Debatten über Kurs und Kommunikation rund um die Ukraine tiefe Spuren hinterlassen haben. Im ZDF-Politbarometer, das als seriös gilt, rutscht Scholz ab. Nur noch 49 Prozent bescheinigen ihm gute Arbeit in der Ukraine-Krise, 43 Prozent schlechte. Hinzu kommt, dass laut den Daten noch immer 51 Prozent das Streichen der Corona-Maßnahmen durch die Ampel für falsch halten.

Scholz sei ein „zögerlicher Kommunikator, kein zögerlicher Anführer“

Auf der Skala zwischen +5/-5 sinkt seine Bewertung von 1,8 auf 1,1; die grüne Außenministerin Annalena Baerbock (1,4) zieht vorbei, ganz vorn eh Vizekanzler Robert Habeck (Grüne, 1,9). Scholz’ SPD sinkt in dieser Umfrage auf 25 Prozent, nur noch knapp vor Union (23) und Grünen (21); gefolgt von FDP (9), AfD (11) und Linken (4).

Die Werte sind noch keine Katastrophe, aber doch ein Zeichen, die Wahrnehmung zu hinterfragen. Scholz sei ein „zögerlicher Kommunikator, kein zögerlicher Anführer“, urteilt das Time-Magazin. Aber eben in seiner Entscheidungsfindung „zurückhaltend bis hin zur Undurchsichtigkeit“.

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