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Nawalny-Vertrauter spricht schon von „Entputinisierung“ - und zieht Vergleich zu Deutschland

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Von: Marcus Giebel

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Wie steht das russische Volk wirklich zum Ukraine-Krieg? Leonid Wolkow sieht im Land kaum Unterstützung für Wladimir Putin und macht das an Beispielen fest. Er prognostiziert das Ende des Kreml-Chefs.

München - Mit jedem Tag, jeder Stunde, die der Ukraine-Krieg andauert, fällt es schwerer, die Hoffnung auf einen auch nur einigermaßen erträglichen Ausgang der Kampfhandlungen am Leben zu halten. Zu lange schon sprechen nur noch die Waffen, zu viel Leid, Zerstörung und Tod wurden damit angerichtet.

Und dennoch scheint gerade ein Politiker Raum für Optimismus zu sehen, der eine Niederlage von Russlands Machthaber Wladimir Putin herbeisehnen dürfte, wie kaum eine andere öffentliche Person. Denn der russische Oppositionspolitiker Leonid Wolkow geht es nicht nur darum, die Ukraine vor Schlimmerem zu bewahren, sondern auch sein Heimatland vom aktuellen Kreml-Chef befreit zu sehen.

Opposition activist and presidential hopeful Alexei Navalny (R) and the head of Navalny s Kazan presidential election campaign office Leonid Volkov at a press conference. In December 2016, Navalny announced his plans to take part in Russia s 2018 presidential election.
Der russische Oppositionsführer Alexei Nawalny (rechts) und sein enger Vertrauter Leonid Wolkow. (Archivbild) © Yegor Aleyev/TASS/Imago

Nawalny-Vertrauter zum Ukraine-Krieg: Russen nicht für zusätzliche Militärausgaben

Wolkow ist einer der Gründer von Alexej Nawalnys Fortschrittspartei und gilt als enger Vertrauter des wohl bekanntesten Gegenspielers Putins. Im Interview mit der FAZ betonte Wolkow mehrfach, dass Putins Gefolgschaft in der russischen Bevölkerung lange nicht so groß sei, wie es zuletzt etwa anhand von Umfragen den Anschein hatte.

Das macht er dabei an verschiedenen Punkten fest. So würden die Bürger bei der Frage nach den dringendsten Staatsausgaben „Gesundheit, Bildung, Renten, Straßen“ vor zusätzlichen Investitionen ins Militär nennen. Und das, obwohl ihnen ständig suggeriert werde: „Es gibt einen Dritten Weltkrieg, Russland kämpft gegen die NATO.“

Putin-Gegner zum Ukraine-Krieg: Mobilmachung wäre in Russland „extrem unpopulär“

Obendrein verfange dieses Bild des mächtigen Feindes, dem sich das Land unbedingt entgegenzustemmen habe, Wolkow zufolge immer weniger: „Und selbst wenn man die Fragen von Umfrageinstituten zum Krieg für systematisch falsch hält, kann man eines an ihnen ablesen: Die Unterstützung für den Krieg geht jeden Monat zurück. Und an den Wehrämtern gibt es keine Warteschlangen.“ Womöglich ein Zeichen der Kriegsmüdigkeit, die auch im Westen knapp ein halbes Jahr nach der Invasion spürbar um sich greift.

Bezüglich des auf Panzer und andere Militärfahrzeuge gepinselten russischen Kriegssymbols Z stellt Wolkow fest: „Man kann in Moskau stundenlang spazieren gehen, und man sieht es nirgendwo, außer an öffentlichen Gebäuden. Putin hat keine Unterstützung.“ Das sei auch der Grund, warum er die befürchtete Mobilmachung nicht ausrufe, denn der Kreml wisse, dass diese „extrem unpopulär“ wäre.

Putin und der Ukraine-Krieg: Selbst Berufssoldaten sollen gegen ihren Einsatz klagen

„Heute schon weigern sich Tausende von Soldaten, in die Ukraine zu gehen. Sie ziehen vor Gericht, sie gehen an die Öffentlichkeit. Putin hat sich nicht getraut, mobilzumachen. Deshalb greift er nur auf Berufssoldaten zurück“, ist Wolkow überzeugt, dass kaum Freiwillige auf Seiten der Invasoren kämpfen wollen.

Und selbst unter den Berufssoldaten würde sich bei weitem nicht jeder ohne Gegenwehr in die Ukraine entsenden lassen: „Deren Verträge decken diese ‚Spezialoperation‘ nicht ab. Sie weigern sich also, sie werden gefeuert, und sie klagen dagegen. Es gibt Hunderte von solchen Fällen.“

Deshalb sei für ihn klar: „Dies ist nicht Russlands Krieg. Dies ist Putins Krieg.“ Zu den bereitwilligen Berufs- und Zeitsoldaten „kommen die berüchtigten Wagner-Söldner und die Kämpfer Ramsan Kadyrows aus Tsche­tschenien. Um solche Leute wie die von der Wagner-Gruppe und Kadyrows Pseudoarmee tut es mir nicht leid.“

Wolkow über Putins Situation: „Würde wetten, dass er beiseitegeräumt wird“

In Wolkows Worten klingt keinerlei Zweifel an, dass Putin diesen Angriff bitter bereuen wird. Seiner Meinung nach hatte der russische Präsident vor drei Jahren „genug Macht, um für immer zu bleiben. Wie seinerzeit Franco in Spanien. Extrem unpopulär, aber stark genug. Das war eine sehr traurige Per­spektive. Zwanzig Jahre Stagnation.“

Das habe sich mit dem Ukraine-Krieg jedoch grundlegend geändert: „Heute würde ich eher darauf wetten, dass er beiseitegeräumt wird. Niemand ist mit ihm glücklich. Seine Oligarchen haben alles verloren.“ Diese wären verärgert, „weil sie mit ihren Familien und Mätressen nicht mehr nach Courchevel fliegen können“.

Dann wäre da noch Putins Truppe, die eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Nawalnys Vertrauter Wolkow äußerte sich zur Lage der russischen Armee: „Auch das Militär ist unzufrieden. Sie hatten einen großen Sieg erwartet, und jetzt kriegen sie nichts. Putin hat die Machtbalance zerstört, die er in den letzten 20 Jahren so sorgfältig aufgebaut hat.“

Putin vor der Ablösung? „Offenbar nicht mehr als Schiedsrichter anerkannt“

Ein Zeichen für den verlorenen Einfluss des 69-Jährigen macht Wolkow auch bei den an die Öffentlichkeit dringenden Streitereien innerhalb des Machtapparats aus. Etwa zwischen Kadyrow und Putins Unterhändler Wladimir Medinski oder Kremlsprecher Dmitri Peskow: „Das hätte es vorher so nie gegeben. Konflikte wären von Putin gelöst worden. Jetzt ist er offenbar nicht mehr als Schiedsrichter anerkannt.“

Derweil zeige sich der ehemalige Präsident Dmitri Medwedew, der in Kriegszeiten mit besonders radikalen Aussagen aufhorchen lässt, „ungewöhnlich aktiv“. Für den Nawalny-Vertrauten sind dies alles Anzeichen, dass es rund um Putin rumort.

Nawalny contra Putin: „200.000 bis 300.000 Leute“ sollen binnen fünf Jahren für Kreml-Gegner gearbeitet haben

Hinzu komme die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, so Wolkow. Zwar ist ihm bewusst: „Öffentlicher Widerspruch ist heute nicht machbar. Das Risiko ist zu groß.“ Zudem habe Putin „die politischen Jahrgänge 2020/2021 aus dem Land gedrängt“.

Doch in Russland verblieben sei die nächste Generation, die zwar nicht offen die Nähe zu Nawalny und seinem Team suchen könne. „Aber wir wissen: Sie sind da. Ich schätze, dass zwei- bis dreitausend Aktivisten das Land verlassen haben. Aber allein die Zahl der Leute, die in den letzten fünf Jahren für Nawalny gearbeitet haben, liegt zwischen 200.000 und 300.000“, zeigt Wolkow einige Zahlen auf.

Wladimir Putin steht hinter einem Fahrzeug und winkt
Muss er sich bald von seiner Macht verabschieden? Wladimir Putin könnte sich mit dem Ukraine-Krieg sein politisches Grab geschaufelt haben. © IMAGO / ITAR-TASS

Putin vor dem Ende? Nawalny-Vertrauter moniert Verhalten des Westens in vergangenen 22 Jahren

Sie wären wichtig für die Zukunft Russlands: „Deshalb bin ich mir sicher: Wenn es die Umstände zulassen, werden wir unsere Strukturen schnell wieder aufbauen können.“ Es klingt alles danach, als müssten Nawalny, Wolkow und Co. erst darauf warten, dass Putin auch wirklich am Boden liegt. Doch den Vorwurf, den Kreml-Chef unterschätzt zu haben, will der 41-Jährige keinesfalls allein auf sich und seinen Landsleuten abladen lassen.

„Manche im Westen sagen uns jetzt: Ihr hattet 22 Jahre, um Putin loszuwerden. Ich antworte: Und ihr habt Putin in diesen 22 Jahren Milliarden über Milliarden geschickt. Ihr habt ihm die Hand geschüttelt und ihn wie einen großen Staatsmann behandelt“, verdeutlicht Wolkow, dass sich bezüglich des starken Mannes in Moskau alle Seiten schuldig gemacht haben. Weil sie wegsahen oder zumindest nicht genau hinschauen wollten.

Löst sich Russland von Putin? Nawalny-Vertrauter erinnert an „Entnazifizierung in Deutschland“

„Russland wird durch eine Phase der Entputinisierung gehen müssen“, ist Wolkow sicher und erinnert dann den Aufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg: „Das wird so etwas sein wie die Entnazifizierung in Deutschland. Ein sehr schmerzhafter Prozess der nationalen Reflexion über das, was geschehen ist und was wir haben geschehen lassen.“

Dazu gehört für ihn unweigerlich auch: „Eines Tages, wenn Putin militärisch besiegt ist - und das ist eine notwendige Bedingung -, wird die russische Nation darüber nachdenken müssen, ob der Applaus für die Annexion der Krim nicht ein schwerer Fehler war.“ Wiederholt sich Geschichte in gewisser Weise? In diesem Fall kann der Blick zurück wirklich ein Hoffnungsschimmer sein. (mg)

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