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Mulmig nach Peking: Athleten und Sportverbände fürchten Überwachung im Netz – Sicherheitslücke in Olympia-App

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Von: Christiane Kühl

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Snowboarder beim ersten Olympia-Training im Slopestyle auf den Sportanlagen bei Peking
Snowboarder beim ersten Olympia-Training bei Peking: Athleten sorgten sich um digitale Sicherheit und Internetzensur © Patrick Steiner/Imago

Athleten und Verbände fürchten um die digitale Sicherheit bei Olympia. Experten entdeckten bei der Olympia-App My2022 Sicherheitsmängel.

Peking/München – Die Olympischen Winterspiele* in Peking sind behaftet mit Konflikten und Problemen wie seit Jahrzehnten keine Olympiade mehr. Die Spiele finden mitten in der globalen Omikron-Welle der Corona-Pandemie in einer abgeschotteten Blase statt. Das Gastgeberland China steht wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik. Und unter den Teams herrscht Sorge über die Datensicherheit im Olympischen Dorf. Das US-Olympiateam habe bei seinen Treffen vor der Abreise kein einziges Mal nur über den Sport gesprochen, sagte der US-Langläufer und Ex-Olympionike Noah Hoffman von der Organisation Global Athlete, die sich für eine bessere Balance zwischen Sportlern und Verbänden einsetzt, kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung. „Stattdessen konzentrierte sich jedes einzelne Treffen entweder auf Covid-Protokolle oder auf Fragen der persönlichen Sicherheit, des digitalen Datenschutzes und der Redefreiheit.”

So ähnlich dürfte es bei vielen Teams zugegangen sein. In den Tagen vor dem Abflug nach Peking stand neben Corona vor allem die digitale Sicherheit im Zentrum der Debatte. Wird China* kontrollieren, was Athleten auf sozialen Medien posten oder welche Kommentare sie auf internationalen Websites hinterlassen? Werden ihre persönlichen Daten irgendwo gespeichert? Fragen, auf die es bisher keine wirklichen Antworten gibt. Wie berechtigt die Sorgen sind, wird sich erst im Laufe der Spiele zeigen.

Olympia-App My2022: Sicherheitslücken aufgedeckt

Ein Stein des Anstoßes ist die App My2022 - zu deutsch „Mein 2022”. Diese musste jeder Athlet spätestens 14 Tage vor der Abreise nach Peking auf sein eigenes Smartphone herunterladen, um darin täglich Gesundheitsdaten und Angaben wie die Passnummer abzuspeichern. Das ist nach Angaben des IOC und der Organisatoren nötig für die Kontaktnachverfolgung im Falle positiver Coronatests. Solche Apps gibt es in China seit 2020 für die ganze Bevölkerung. 

Das Problem by My2022 sind nach Erkenntnissen kanadischer Spezialisten eklatante Sicherheitslücken. My2022 regelt auf Basis der Gesundheitsdaten zum Beispiel den Zugang zu Veranstaltungen, aber enthält auch Newsfeeds, Informationen zu Sportstätten und touristischen Angeboten — sowie Chatfunktionen. Letztere sind offenbar verwundbar. Das auf digitale Sicherheit spezialisierte Citizen Lab der Universität in Toronto warnte im Januar, durch „einen einfachen, aber verheerenden Fehler” der App könne die Verschlüsselung von Sprachnachrichten und Datentransfers leicht umgangen werden. Auch die darin enthaltenen Gesundheitsformulare einschließlich Passnummern und persönlicher Daten seien anfällig, hieß es. Bei den Gesundheitsdaten sei zudem unklar, mit wem die Organisatoren sie teilten. My2022 enthalte Funktionen, „die es Benutzern ermöglichen, ‘politisch sensible’ Inhalte zu melden.” Dazu entdeckten die Forscher eine Liste mit 2422 aus chinesischer Sicht „illegalen“ Schlagwörtern wie „Dalai Lama“, „Koran“ oder “Tian’anmen“. Eine Aktivierung dieser Zensurfunktionen stellte Citizen Lab damals aber nicht fest.

Der Bericht von Citizen Lab bestätigte die Furcht vor einer Überwachung der Sportler und Delegationen in Peking. „Seit Langem bestehen Sorgen, dass Athletinnen und Athleten sowie weitere Beteiligte während der Spiele ausspioniert werden könnten”, sagte Maximilian Klein von der unabhängigen Interessenvertretung Athleten Deutschland. „Die Enthüllungen zu den eklatanten Sicherheitslücken der My2022-App bestätigen unsere lang gehegten Befürchtungen.” Das IOC wies darauf hin, dass die App von zwei unabhängigen Cyber-Unternehmen geprüft und freigegeben worden – und bei Google und Apple verfügbar sei. Man werde wegen der Sicherheitslücke aber noch einmal nachhaken.

China: Internet-Zensur und Intransparenz

Es ist ein diffuses Gefühl der Unsicherheit, das viele der Aussagen aus den Teams widerspiegeln. Nicht nur wegen der App. In China gilt eine strenge Internetzensur, vor allem in den lokalen sozialen Medien. Diese werden von Zensoren, Mitarbeitern der Anbieterfirmen und Algorithmen auf verbotene Begriffen gescannt. Und diese Begriffe ändern sich ständig. Nachdem der Tennisstar Peng Shuai einen ehemaligen Vize-Ministerpräsidenten der sexuellen Nötigung bezichtigt hatte*, stand vorübergehend sogar der Begriff „Tennis“ auf dem Index. Suchanfragen zeigen keine Posts an, die solche Begriffe enthalten. Anbieter schließen die Accounts von Usern, die Inhalte voller Tabu-Begriffe posten. Sie sind dazu verpflichtet.

Das System ist intransparent, das Vertrauen im Westen in Zusicherungen Pekings daher minimal. „Es sollte davon ausgegangen werden, dass alle Daten und Kommunikationen in China überwacht, kompromittiert oder blockiert werden können“, schrieb das Olympische Organisationskomitee der USA in einem Ratgeber. Einige Nationale Olympische Komitees, darunter auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), rieten ihren Sportlerinnen und Sportlern deshalb davon ab, private Endgeräte wie Smartphones, Laptops und Tablets mit nach China zu nehmen.

Die Athleten bekamen nach der Ankunft in China vom Internationalen Olympische Komitee (IOC) ein Handy des Olympia-Sponsors Samsung mit lokaler SIM-Karte. Mit dieser SIM-Karte seien für sie alle normalerweise in der Volksrepublik gesperrten Internetseiten zugänglich, teilte das Organisationskomitee mit. Überwacht werden könnten die Netzaktivitäten der Sportler nach Ansicht von Experten trotzdem. Die Niederländer wollen deshalb angeblich alle diese Handys nach der Rückkehr ihrer Athleten ver­nichten.

Olympia-Athleten: Mit mulmigem Gefühl nach China

Dass manche Athleten angesichts der vielen Warnungen mit einem mulmigen Gefühl in den Flieger nach Peking gestiegen sind, ist nachvollziehbar — zumal jeden Tag aufs Neue die Gefahr besteht, durch einen positiven Corona-Test aus dem Wettkampf zu fliegen. Doch mancher schätzt die Lage offenbar noch schlimmer ein als sie ist. Die Nachrichtenagentur Reuters etwa zitierte einen Sprecher des niederländischen Olympiakomitees mit der Aussage, China habe sein Internet „komplett abgeschottet”. Das stimmt nicht wirklich: China blockiert den Zugriff auf Webseiten, die den Zensoren unliebsam erscheinen, von Facebook bis zu vornehmlich englischsprachigen Medien wie etwa der New York Times. Doch die meisten internationalen Seiten sind von der Volksrepublik aus ganz normal zugänglich. 

Chinas Offizielle schweigen zu den Debatten, doch manch ein Kommentator reagiert ungehalten. Die Dämonisierung Chinas im Westen habe „den gesunden Menschenverstand beschädigt”, schreibt der gerade abgetretene Chefredakteur der Staatszeitung Global Times, Hu Xijin. „Woher soll China Manpower und Ressourcen haben, um ein so gigantisches Überwachungssystem aufzubauen? Und um was zu tun?”, fragt der auch für giftige Tweets bekannte Hu auf der chinesischen Sozialmedienplattform Weibo. Athleten seien ganz normale Menschen ohne jeden Wert für Spione. „Die Leute haben zu viele Filme gesehen.“

Athleten im Olympiadorf: Posts über Kälte und die Anlagen — nicht über Politik

Inzwischen sind fast alle Athleten in den Pekinger Olympiastätten angekommen. Dass sie auf Instagram Bilder ihrer Trainingseinheiten posten, zeigt dass das Internet zumindest funktioniert. Wer dabei doch sein eigenes Smartphone verwendet, braucht für Instagram in China einen so genannten VPN-Tunnel. Dieser verschleiert durch einen zwischengeschalteten Server, auf welche Website oder App der Nutzer zugreift — und führt damit die Zensur in die Irre. Praktisch alle in China lebenden Ausländer benutzen täglich solche VPN-Tunnel.

Die meisten Posts der Sportler sprechen von der eisigen Kälte, der Anlage oder zeigen fröhliche Selfies mit Helfern in weißen Schutzanzügen. Manche sind begeistert von Pisten oder Schanzen, andere hadern mit der gigantischen Infrastruktur. Die Stimmung scheint sich zu beruhigen, der Fokus auf den Sport zu verschieben. Überwacht werden in der Olympia-Blase bislang eher die angereisten internationalen Reporter, die ständig ein Gefolge von Sicherheitsleuten zu haben scheinen.

Fachleute und selbst manche Kritiker raten den Athleten von politischer Kritik an China* etwa wegen der Menschenrechtslage in Xinjiang* ohnehin ab. Denn da warnte China ganz konkret. „Es werden alle Verhaltensweisen oder Reden bestraft, die gegen den olympischen Geist und insbesondere gegen chinesische Gesetze und Vorschriften verstoßen“, sagte Yang Shu, hochrangiger Offizieller des Organisationskomitees für die Spiele. Eine mögliche Strafe könnte die Aufhebung der Akkreditierung kritischer Athleten sein, so Yang. Die IOC-Charta verbietet politische Äußerungen während der Wettkämpfe, nicht aber in deren Umfeld. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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