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Wer bleibt? Wer muss gehen? CSU-Chef Horst Seehofer (li.) und Ministerpräsident Markus Söder treffen sich am Abend für wenige Sekunden.

Partei sucht nach Wahldebakel neue Partner

Operation Machterhalt: Bald wird sich zeigen, ob bei der CSU noch Köpfe rollen  

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Die CSU erlebt ein Wahldebakel – doch ihre Spitze will sich an der Macht halten. Markus Söder beginnt sofort Sondierungsverhandlungen. Offenbar gibt es eine Art Nichtangriffspakt mit Horst Seehofer. Zumindest vorerst.

München Die Operation Machterhalt beginnt um 18.38 Uhr. In einem Treppenhaus im verwinkelten Landtag, zwischen erstem und zweitem Stock, rennt die Delegation von Markus Söder in eine Gruppe Freier Wähler. Hubert Aiwanger, der Chef, steht etwas verdutzt in der Mitte. Söder greift ihn sich sofort, sucht sein Ohr, geht nahe ran, die Sicherheitsleute machen das Treppenhaus dicht. Seine Priorität sei klar eine bürgerliche Regierung, sagt der Ministerpräsident. Er wolle reden. Ob man am Montag telefonieren könne? Aiwanger nickt, sagt zu.

So schnell geht das mit den Sondierungsverhandlungen in Bayern. Das Zwei-Minuten-Treffen am Treppenabsatz bleibt im Landtag, in dem am Wahlabend sonst für keine Maus mehr Platz ist, fast völlig unbemerkt – in Söders Strategie passt es aber bestens. Der Ministerpräsident, der gerade die übelste Wahlniederlage eines CSU-Regenten seit 1950 erlitten hat, will einfach mit Vollgas weitermachen. Schnell, Hauptsache schnell, weil die Verfassung enge Fristen für die Regierungsbildung setzt; und damit niemand auf die Idee kommt, länger als unbedingt nötig über den Regierungschef nachzudenken. An diesem Wahlabend rennt er wie aufgezogen vor seine Anhänger, dann vor die Kameras.

Söders Botschaft ans Volk ist knapp und klar. Im Eildurchgang: „Kein gutes Ergebnis. Schmerzhaft. Wir nehmen es mit Demut an. Wir wollen besser werden. Wir werden besser werden.“ Es ist eine austarierte Mitte zwischen Sack-und-Asche-Stimmung und Triumphgeheul, beides unangemessen bei diesem Ergebnis.

Söder wirkt angegriffen, aber gefasst

Er wirkt angegriffen, aber gefasst. Söder kommt zupass, dass er notorischer Pessimist ist, lieber mit schlechten Ergebnissen rechnet, angeblich zwischenzeitlich mal mit unter 30. Und dass er an diesem Nachmittag schon eine emotionale Achterbahnfahrt hinter sich hat. Bald nach 15 Uhr treffen ja die ersten Exit-Polls ein, interne, vertrauliche Schätzungen der Institute, über die niemand sprechen darf und die im Polit-Zirkus doch jeder kennt. Sie schwanken diesmal extrem: Die CSU wabert zwischen 32 und 37, der Erzrivale AfD erreicht zwischendurch 15.

Söder nutzt die Zeit vor 18 Uhr, um seine Vertrauten einzuschwören. Auf eine Koalition mit den Freien Wählern, Projektname „bürgerliche Regierung“. Und auf etwas, womit in der CSU vor diesem Wahlsonntag keiner gerechnet hat: Ruhe. Es gibt eine Art Nichtangriffspakt zwischen den Parteifreunden Söder und Horst Seehofer.

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Dreimal sollen sie telefoniert haben seit Samstag, also mutmaßlich öfter als in den ersten zehn Monaten des Jahres. Erst die Regierungsbildung abwarten, möglichst mit Aiwanger, dann über Personal reden, ist ihr Kurs. Aus Angst, nicht aus Nächstenliebe: Seehofer will politisch überleben; Söder sorgt sich, im Strudel eines schnellen Sturzes mitgerissen zu werden. Das bringt sie nicht so nahe zueinander, dass sie den Wahlabend gemeinsam verbringen könnten; Söders Tross sitzt tagsüber in der Staatskanzlei, Seehofer mit ein paar Parteivizes fünf Kilometer entfernt in der CSU-Zentrale, abends sehen sie sich nur zufällig für Sekunden im Steinernen Saal des Landtags. Ein Händedruck, ein paar Worte.

Der Deal hat einen Preis. In Rekordzeit wird die CSU alle anderen Personalien zubetonieren, der ruppige Fraktionschef Thomas Kreuzer wird wohl schon am Dienstag im Amt bestätigt, keine einleuchtende Lösung für eine Koalition. Ilse Aigner könnte als Landtagspräsidentin vorgeschlagen werden, was intern auch nicht jedem passt.

Innenminister Herrmann redet doppelt so schnell wie üblich

Die meisten CSU-Wichtigen gehen diesen Kurs aber am Abend mit. Manche matt, achselzuckend, „wir brauchen eine stabile Regierung“, murmelt Finanzminister Albert Füracker. Andere aufgedreht wie Innenminister Joachim Herrmann. Er, dessen langsamer Sprachduktus in Bayern gern parodiert wird, redet doppelt so schnell wie üblich in TV-Kameras. „Herbe Verluste, müssen sorgfältig analysiert werden, aber sehr knappe Frist für eine neue Regierung“, lautet sein Stakkato, fast schon gerappt.

Vor dem CSU-Sitzungssaal, nahe am Buffet mit Bier und niederbayerischen Waldpilzen, steht Alfred Sauter. Er ist auf dem Papier einfacher Abgeordneter, in der Politwelt einer der engsten Seehofer-Vertrauten. „Beste Bilanz, schlechtestes Ergebnis“, raunt er, „Wahnsinn“. Auch er ruft aber zu „Disziplin, Härte, Geschlossenheit“ auf. „Keine Schnellschüsse, um Gottes Willen.“

Seehofer bleibt am Abend nur kurz im Landtag. Er nimmt den Lift, Spurts durch die Treppenhäuser sind nicht mehr seine Sache. „Ich habe schon viele Zyklen in der Politik erlebt“, sagt er leise. „Das ist kein schöner.“ Er will aber nicht weichen. „Ich werde meine Verantwortung weiterhin wahrnehmen“, sagt er, und es soll selbstverständlicher klingen, als es ist. Doch fällt schon auch auf, wie die Wahlkämpfer auf ihn reagieren, als er kurz bei ihnen auftaucht: matter Beifall, diszipliniert; während Söder heftig beklatscht wird. Ja, beklatscht – denn in der CSU-Psyche dieses Tages war die magische Marke zwischen schlimm und ganz schlimm irgendwo auf 35 gesunken. Söder bleibt also darüber.

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Die nächsten Tage werden zeigen, ob doch noch Köpfe rollen. Am Montagvormittag tagt der Parteivorstand, in dem viele Seehofer-Kritiker sitzen. Erwin Huber etwa, der Vorgänger, wird sich da zu Wort melden. Er tut es ja schon auf der Wahlparty, mit Glockenschlag 18 Uhr: Die CSU müsse sich erneuern, inhaltlich wie personell, „an Haupt und Gliedern“. Huber sagt das so oft, dass er am Ende des Abends keine Stimme mehr hat, krächzend in einer Kabine der Landtagsoffizianten kauert. Aber nochmals erklärt: Strategiewechsel nötig, „kein Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen“.

Ilse Aigner spricht von einem „Sonderparteitag“

Auch Ilse Aigner lässt aufhorchen, die Chefin der einst mächtigen CSU Oberbayern. Sie spricht sofort von einem „Sonderparteitag“. In der CSU elektrisiert das Wort: Ein Parteitag ist das einzige Gremium, das einen neuen Vorsitzenden wählen könnte. Wobei Aigner anmerkt, ihr gehe es primär um Inhalte und um die künftige Koalition: „Ich werde hier und jetzt keine Köpfe fordern.“ Damit lässt sie offen, welche und wie viele Köpfe sie vielleicht später zu fordern gedenkt. Es dauert wenige Minuten, dann intervenieren Söders Leute irritiert in ihrem Haus.

Auch Barbara Stamm, noch Landtagspräsidentin und eine Macht in der Partei, kritisiert ungewohnt scharf den Kurs. „Wir können rechts gar nicht so viel gewinnen, wie wir in der Mitte verlieren.“ Seit einem Dreivierteljahr warne sie intern. „Ich wollte nicht Recht behalten.“ Sie zielt nicht auf Söder, an dem will sie festhalten, sondern auf Seehofer. Nein, sicher ist der Parteichef keineswegs; zumal ab Montagabend reihum in Bayern die Bezirksvorstände der CSU tagen, in denen mancher Mandatsträger im Krawallmodus ist nach den schweren Verlusten. Kommt die Revolte von unten?

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Denn bei näherem Hinsehen wird das Ausmaß klar. Etliche Stimmkreise sind verloren gegangen, mehrere der jungen, guten Leute hat es erwischt, mit denen die CSU nicht gesegnet ist. Wer sie sehen will, sieht am Rande der tristen CSU-Wahlparty weinende Mitarbeiter.

Söder sieht sie nicht. Es muss schnell gehen an diesem Tag, immer in Bewegung bleiben, ja keinen Moment innehalten. Auf den Fluren des Landtags wird er um ein Selfie gebeten, eine aufgeregte Frau fingert 10 Sekunden an ihrem Handy herum, findet den Knopf nicht. „Lassen’S mich machen“, sagt der Ministerpräsident, pflückt ihr das Handy aus der Hand, drückt ab. Und eilt weiter.

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