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Gegenvorschlag zu Spahns Organspende-Plänen: „Viele Menschen sind damit überfordert“

  • Sebastian Horsch
    VonSebastian Horsch
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Über den Weg zu mehr Organspenden ist der Bundestag über die Fraktionen hinaus entzweit. Eine Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat ihren Vorschlag bereits präsentiert. Am Montag stellt eine andere Abgeordneten-Gruppe ihren Gegenentwurf vor. Ein Interview.

Es geht um Leben und Tod. Denn genau dazwischen steht für viele Menschen eine Organspende. Doch obwohl 84 Prozent der Deutschen dem Thema positiv gegenüberstehen, haben nur 36 Prozent einen Spenderausweis. Zu wenige. Wir haben darüber mit Stephan Pilsinger (CSU) gesprochen, der den Gegenentwurf zur  Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn  mit ausgearbeitet hat.

Sie und andere Abgeordnete verschiedener Fraktionen wollen das System für Organspenden neu regeln. Wie?

Wir – das heißt eine Gruppe Parlamentarier um Grünen-Chefin Annalena Baerbock, CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag und mich – wollen, dass alle Menschen in Deutschland künftig regelmäßig gefragt werden, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden wollen. Stattfinden sollen diese Nachfragen beim Hausarzt, aber auch immer bei der Beantragung oder Verlängerung des Personalausweises.

Stephan Pilsinger
Ich komme nichts ahnend ins Bürgerbüro und werde plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob ich meine Organe spenden möchte?

Wer ins Bürgerbüro geht und seinen Ausweis beantragt, dem werden ja heute schon Informationen mitgegeben. Und künftig soll hier eben auch eine verbindliche Ansprache erfolgen, die neben der Aushändigung von Aufklärungsunterlagen auch den Hinweis auf weitergehende Beratungsmöglichkeiten durch die Hausärzte und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung vorsieht. Wer dann später wiederkommt, um seinen Ausweis zu verlängern, wird erneut angesprochen.

Muss man sich dann zwingend dafür oder dagegen entscheiden?

Nein. Wir sind der Meinung, es gibt auch das Recht, sich nicht zu entscheiden. Kommt es aber zu einer Entscheidung, soll diese in einem zentralen Spendenregister erfasst werden. So können Ärzte dann im Falle erkennen, ob jemand Organspender ist, oder welche Organe womöglich nicht entnommen werden sollen. Und natürlich kann jeder seine Entscheidung in diesem Register mit Hilfe eines sicheren Authentifizierungsverfahrens jederzeit wieder ändern.

Minister Spahn ist für eine radikalere Variante. Seine doppelte Widerspruchslösung setzt voraus, dass schlicht jeder Organspender ist, wenn er nicht ausdrücklich widerspricht.

Ja, das ist der Gegenvorschlag. Ich finde das falsch, weil es ein massiver Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Patienten ist. In Deutschland muss man allem proaktiv zustimmen, nur bei der Organspende soll das nun plötzlich anders sein. Die Konsequenz wäre eine indirekte Organspendepflicht. Und das, obwohl wissenschaftlich nicht einmal belegt ist, dass die doppelte Widerspruchslösung zu mehr Organspenden führt.

Viele Menschen leiden und sterben, weil es zu wenige Spenderorgane gibt. Ist es vor diesem Hintergrund nicht zumutbar, zumindest eine Entscheidung treffen zu müssen? Spahn gesteht ja jedem zu, keine Organe spenden zu wollen.

Bedenken Sie, dass es auch Menschen gibt, die psychisch oder intellektuell gar nicht in der Lage sind, sich mit ihrem eigenen Lebensende zu befassen. Ich arbeite neben meinem Mandat auch noch in einer Hausarztpraxis und merke, dass selbst viele Menschen, die ansonsten voll geschäftsfähig sind, von dieser Entscheidung völlig überfordert sind. Sie alle wären in diesem Fall aber erst einmal Organspender. Und am Ende stehen dann ihre Angehörigen allein vor der endgültigen Entscheidung.

Weil die Angehörigen der Organspende ja noch widersprechen können, wenn ihnen bekannt ist, dass der Patientenwille ein anderer war?

Genau. Aktuell muss ich als Arzt also fragen: Darf ich die Organe Ihres Angehörigen entnehmen? Bei der doppelten Widerspruchslösung müsste ich stattdessen fragen: Darf ich die Organe vielleicht doch nicht entnehmen? Eine reine Umkehrung der Frage. Ich halte es für grundfalsch, Menschen in so einer Situation mit dieser schwierigen Frage zu konfrontieren. Wenn sich aber die Mutter, der Ehemann oder die Tochter vorher proaktiv entschieden haben, Organe spenden zu wollen, können die Angehörigen viel besser damit umgehen.

Sie glauben, mit ihrer Lösung ringen sich mehr Menschen zu einer Entscheidung durch als heute?

Ja. Wir glauben, dass wir durch die regelmäßige Befragung viele Menschen dazu ermutigen können, bewusst Organspender zu werden. Unser Vorschlag ist deshalb ein vernünftiger Kompromiss.

Interview: Sebastian Horsch

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