Nur nach ausdrücklicher Zustimmung möglich: Organspenden bedürfen in Deutschland der Zustimmung des Spenders.
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Nur nach ausdrücklicher Zustimmung möglich: Organspenden bedürfen in Deutschland der Zustimmung des Spenders.

Entscheidungs- anstatt Widerspruchslösung

Große Organspende-Reform abgeschmettert - unser Pro und Contra nach der Bundestag-Entscheidung

  • Ulrike Schmidt
    vonUlrike Schmidt
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  • Klaus Rimpel
    Klaus Rimpel
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Der Widerspruchslösung hat der Bundestag bei der Organspende-Reform eine Absage geteilt. Stattdessen bekam die Entscheidungslösung den Vorzug. Unser Pro und Contra.

  • Der Bundestag hat über die Organspende-Reform abgestimmt - letztlich setzte sich die Entscheidungslösung durch.
  • Doch wie wird diese Kompromisslösung aufgenommen?
  • Unsere Autoren argumentieren im Pro und Contra.

München - Der Bundestag hat der von Gesundheitsminister Jens Spahn unterstützten Widerspruchslösung bei der Organspende eine Absage erteilt. Stattdessen stimmten die Parlamentarier für eine andere Art der Reform: die Entscheidungslösung, für die sich Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock stark gemacht hat. Diesem Vorschlag stimmten 432 Angeordnete zu, 200 waren dagegen. Somit müssen mögliche Spender ihre Bereitschaft weiterhin ausdrücklich bekunden. Unser Pro und Contra zur Organspenden-Reform.

Organspende-Reform: Pro Entscheidungslösung - Mein Körper gehört mir

Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass nicht der Staat die letzte und intimste Entscheidung über mich trifft, nur weil ich mich zu Lebzeiten nicht aktiv für oder gegen eine Organentnahme ausgesprochen habe.

Eine Spende ist grundsätzlich freiwillig, sie darf nicht eingeklagt werden, mag der Druck Bedürftiger noch so groß sein. Sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen, ist eine höchstpersönliche Sache und nicht zu erzwingen. Es gibt nicht immer ein klares Ja oder ein klares Nein, manche Überlegung fordert einen Reifeprozess.

Über dieses letzte Stück vom Leben mag ich nicht von Staats wegen entscheiden müssen. Und ja - es gibt Menschen, die möchten sich einfach (noch) nicht mit dem eigenen Tod befassen. Es ist ihr Recht. Die Gedanken sind immer noch frei, und mein Körper gehört mir und nicht allen. Dies würde ich auch im Falle einer eigenen Bedürftigkeit so sehen. Jedoch darf der Staat mich dann und wann ermuntern, über eine etwaige Organspende nachzudenken - via Ämtern, Ärzten und Krankenkassen. Diese freie Entscheidung fördert Vertrauen, eine Automatisierung nur Miss­trauen in die Organspende.

Insofern war dies ein guter Tag für die Persönlichkeitsrechte.

Froh über die Wahl des Bundestags: tz-Redakteurin Ulrike Schmidt ist eine Verfechterin der Entscheidungslösung.

Ulrike Schmidt

Organspende-Reform: Contra Entscheidungslösung - Bitterer Tag für Leidende

Nach solchen Debatten und Abstimmungen wie jetzt zur Organspende wird ja gerne von einer „Sternstunde des Parlaments“ gesprochen - nur weil der Fraktionszwang aufgehoben wird, den es eigentlich laut Verfassung („Abgeordnete sind nur ihrem Gewissen unterworfen“) gar nicht geben dürfte. Am Donnerstag jedenfalls haben wir - trotz der guten, lebhaften Debatte - keine Sternstunde erlebt, sondern eine extrem bittere, deprimierende Entscheidung für all die Menschen und ihre Angehörigen, die auf ein Spenderorgan warten. Es ist ja nur ein frommer Wunsch, wenn nun behauptet wird, dass sich wegen der vermehrten Information mehr Menschen als Spender bereit erklären werden. Letztlich bleibt alles beim Alten: Aus Gleichgültigkeit oder weil man einfach nicht daran denkt, wird es bei uns weiterhin weniger Organspender geben als in jedem anderen Staat Europas.

Das Argument, Jens Spahns Widerspruchslösung greife zu stark in die Freiheit jedes Einzelnen ein, kann ich nicht nachvollziehen: Jeder hätte dabei doch die Freiheit gehabt, Nein zum Spenden zu sagen! Der einzige „Zwang“ wäre der, mal über Leben und Tod nachzudenken, vielleicht darüber mit seinen Angehörigen zu reden - was jeder Familie nur guttäte.

Enttäuscht von der Entscheidung der Abgeordneten: tz-Redakteur Klaus Rimpel hätte sich über die Widerspruchslösung gefreut.

Klaus Rimpel

Die Kernpunkte der „Organspende-Reform Light“

  • Die Organspende nach dem Tod soll eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben, die nicht durch den Staat erzwungen werden darf.
  • Möglich sind Zustimmung, Ablehnung, Ausschluss beziehungsweise Auswahl bestimmter Organe und Gewebe sowie die Übertragung der Entscheidung auf eine dritte Person.
  • Ein bundesweites Online-Register für Erklärungen zur Organ- und Gewebespende soll beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information eingerichtet werden, damit Bürger ihre Entscheidung jederzeit ändern können. Die Krankenhäuser sollen darauf Zugriff erhalten.
  • Die Ausgabestellen von Pässen werden verpflichtet, die Bürger mit Informationsmaterialien zu versorgen und bei Abholung der Ausweispapiere zur Eintragung in das Organspende-Register aufzufordern.
  • Hausärzte sollen ihre Patienten mindestens alle zwei Jahre zur Organspende beraten und sie zur Eintragung in das Register ermuntern. Dafür soll es eine extrabudgetäre Vergütung geben.

Nach einem ungewöhnlichen Notruf wurden Polizisten zu Helfern bei einer Nierentransplantation. Weil er vergeblich auf ein Spenderherz wartete, starb ein Siebenjähriger in der Silvesternacht.

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