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Den Ermahnungen des Papstes lauschte auch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (li.), der als Ex-Premier des Steuerparadieses Luxemburg in der Kritik steht.

Papst Franziskus im Europa-Parlament

Weckruf für einen Kontinent

Straßburg – Nach 26 Jahren besuchte mit Franziskus zum zweiten Mal ein Papst das Europa-Parlament. Den Abgeordneten redete er ins Gewissen und forderte, wieder den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.

Schon am Vorabend beginnt sich das Europa-Viertel in Straßburg in eine Art Hochsicherheitstrakt zu verwandeln. Wo man hinschaut – Gendarmen bewachen Kreuzungen, Polizisten auf Motorrädern düsen mit Blaulicht über die Boulevards und Avenues, auf den Kanälen patrouillieren Schnellboote mit maskierten Einsatzkräften, immer mehr Sperrgitter riegeln die Gegend um EU-Parlament und Europarat systematisch ab. Fast könnte man meinen, es drohe ein Besuch des Kriegsherrn aus Moskau im Herzen der europäischen Demokratie, und seine Kriegsflotte wolle an der Ile de France vor Anker gehen.

Doch welch ein Kontrast zwischen protokollarischem und technischem Aufwand und der Bescheidenheit des Mannes, der dann im weißen Amtsgewand, nach seinen Kardinälen (an der Spitze der Münchner Erzbischof Reinhard Marx) um 11.17 Uhr den Plenarsaal betritt! Fast alle Abgeordneten erheben sich von ihren Sitzen, ebenso die zahlreichen Pressevertreter und Besuchergruppen auf den Tribünen, und spenden Franziskus Willkommensbeifall. Mit kleinen Verbeugungen des Dankes nimmt er zunächst neben dem deutschen Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) am Präsidiumstisch Platz, den er nach den freundlichen Begrüßungsworten des Hausherrn aber verlässt, um sich vom Rednerpult unten auf Augenhöhe an die Abgeordneten zu wenden.

„Europa muss seine gute Seele wiederfinden und den Menschen in den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns stellen“, lautet die Kernbotschaft des Kirchenoberhauptes. Ähnlich wie Johannes Paul II., dessen Rede 1988 beim ersten Auftritt eines Pontifex vor den Europaparlamentariern ein Jahr vor dem Fall der Mauer als Meilenstein auf dem Weg der europäischen Einheit gilt, geht Franziskus ans Eingemachte der europäischen Idee, an die Seele, an die Substanz. Doch er wählt seine Worte so ruhig und zurückhaltend, dass die Volksvertreter sie nicht als schallende Ohrfeige für die Abwege der Vergangenheit, nicht als Strafpredigt von der Kanzel, sondern als Ermutigung ansehen, einen neuen Weg einzuschlagen. So verbindlich der Ton, so explosiv der Inhalt:

-Europa müsse den Menschen als Person in den Mittelpunkt stellen und nicht als Objekt behandeln, das weggeworfen wird, wenn es nicht mehr nützlich sei, alt, schwach oder krank.

- Es gebe, so das Katholikenoberhaupt, eine schädliche Tendenz der Bevorzugung individualistischer Rechte. Das führe dazu, dass ein „unsensibler Nomade“ neben dem anderen her lebe, ohne Verknüpfung mit dem Gemeinwohl. Es gebe zu viele egoistische Lebensstile, die durch Überfluss gekennzeichnet seien.

-Franziskus geißelt die Wegwerfgesellschaft, in der jeden Tag Lebensmittel vernichtet würden, während anderswo in der Welt Menschen verhungerten.

-Die politische Debatte in Europa sei viel zu technisch, bürokratisch und am wirtschaftlichen Nutzen orientiert. „Es ist Zeit, die Beschäftigung zu fördern und die Flexibilität des Marktes so mit den Bedürfnissen der Menschen zu verbinden, dass Arbeit ihre Würde zurückerhält“, mahnt Franziskus wörtlich.

Und nicht zuletzt erinnert der Papst die Parlamentarier daran, nicht zu vergessen, dass nicht nur Individuen, sondern auch Völker eigene Traditionen, Gebräuche und Identitäten besitzen, die man nicht in Uniformität ersticken dürfe. Franziskus fordert eine europäische „Dynamik von Einheit und Eigenart“, die Demokratie der Völker Europas lebendig zu erhalten.

Franziskus, dessen erste Reise außerhalb des Vatikans zu den Flüchtlingen nach Lampedusa führte, mahnte die Europäer vor allem, sich des Schicksals der Migranten anzunehmen: Das Mittelmeer, so sein von viel Beifall begleiteter Appell, dürfe nicht zum Friedhof werden. Als Leitmotiv empfahl der Papst Europa ein Bild, das als Fresko Raffaels die Decke des Vatikans schmückt: die Schule von Athen. Sie zeigt Platons Finger nach oben gerichtet, als Zeichen für die Transzendenz, das Geistige, die Welt der Ideen. Aristoteles’ Finger dagegen zeigt nach vorn, auf die Realität der Welt. Europas Zukunft hänge, so der Papst, von der Verknüpfung der beiden Dimensionen ab. Nicht als Absage an den laizistischen Staat, sondern als Wahrung seines 2000 Jahre alten christlichen Erbes.

Am Ende gibt es stehende Ovationen im gesamten Rund des Plenums. Ein sichtlich hochzufriedener Parlamentspräsident dankt dem Pontifex für die „Ermutigung“ und „Orientierung“. Auch die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Europaparlament, Angelika Niebler, zeigte sich tief beeindruckt von der Rede: „Der Papst hat ohne Tabus ausbuchstabiert, was zum Erhalt einer lebendigen Demokratie notwendig ist und woran Europa konkret arbeiten muss.“

Alexander Weber

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