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Schwieriges Erbe: Papst Johannes Paul II. starb nach langem Leiden am 2. April 2005.

Sein Erbe wirkt bis heute fort

Der Schatten des Heiligen Karol Wojtyla

Rom - Vor zehn Jahren starb Papst Johannes Paul II.. Sein öffentliches Sterben erregte genauso weltweites Aufsehen wie sein Wirken während des zweitlängsten Pontifikates der Geschichte. Sein Erbe wirkt bis heute fort. Unumstritten ist es nicht. Sein Nachfolger Benedikt XVI. zerbrach daran.

Es war der Tod eines Heiligen. Gegen zehn Uhr abends trat Erzbischof Leonardo Sandri in Begleitung mehrerer Kardinäle auf die Stufen vor den Petersdom und verkündete der schweigenden Menschenmenge jene Botschaft, die einer Erlösung nach langem Leiden gleichkam: „Unser geliebter Papst Johannes-Paul II. ist in das Haus des Vaters heimgekehrt.“ Die schlichten Worte verkündeten das Ende eines Ausnahme-Pontifikates, das Weltgeschichte geschrieben hatte. Wenige Tage später, bei den Beisetzungsfeierlichkeiten, zu denen sich annähernd fünf Millionen Gläubige in Rom eingefunden hatten, entfaltete sich historische Symbolik. Vor dem aufgebahrten Leichnam des polnischen Pontifex knieten gleich drei US-Präsidenten: Der amtierende, George W. Bush, dessen Vater George Bush Senior sowie Bill Clinton.

Noch eine weitere Szene hat sich den Beobachtern ins Gedächtnis eingegraben: Auf dem mächtigen Sarg aus Olivenholz lag das aufgeschlagenen Evangelienbuch. Kaum hatte das Requiem begonnen, fuhren heftige Windstöße nieder und blätterten, wie von Geisterhand geführt, wild in den Seiten hin und her. Zum Ende der Trauermesse, die der damalige Kardinaldekan Josef Ratzinger zelebrierte, schlug der Buchdeckel ruckartig zu, während im Rund des Platzes Sprechchöre widerhallten: „Santo Subito“ forderten sie, die sofortige Heiligsprechung. Gleich, ob man an übernatürliche Phänomen glauben mag oder nicht: Die Ära Wojtyla war an jenem Tag ähnlich spektakulär zu Ende gegangen, wie sie einst begonnen hatte.

27 lange Jahre hatte der Papst aus Polen das Gesicht der katholischen Kirche geprägt. Ein gutes Vierteljahrhundert, in dessen Verlauf sich die Welt dramatisch veränderte. „Habt keine Angst“, hatte der neugewählte Pontifex bei seinem Amtsantritt den Menschen zugerufen. Oppositionsbewegungen im kommunistischen Polen und in anderen Ländern des Ostblocks fassten neuen Mut. In Danzig schwenkten die Werftarbeiter neben den Fahnen von „Solidarnosc“ die Bilder des Papstes und der Gottesmutter, Demonstranten stellten sich mit dem Kruzifix in Händen den Panzern entgegen. Die Kirche wurde unter der Ägide Karol Wojtylas zur Schutzpatronin der Freiheitsbewegungen, die das Sowjetreich zum Einsturz brachten und schließlich zum Fall des Eisernen Vorhangs führten. Sein historischer Gang durchs Brandenburger Tor an der Seite Helmut Kohls war auch für Johannes Paul II. sichtbarer Lohn seines hartnäckigen Wirkens.

Dabei scheute der vormalige Kardinal von Krakau, der während der Schrecken des Zweiten Weltkrieges sein Theologiestudium im Untergrund absolviert hatte, keinen Konflikt mit den Mächtigen seiner Zeit; egal, ob es sich dabei um sowjetische Generalsekretäre oder US-Präsidenten handelte. Den polnischen Putsch-General Wojciech Jaruzelski ermahnte er vor laufenden Kameras mit scharfen Worten zur Einhaltung der Menschenrechte. Bei einem Besuch im damals revolutionären Nicaragua wurde er wegen seiner Kritik am Regime von sandinistischen Störtrupps niedergebrüllt. Die US-Intervention im Irak 2003 versuchte er mit allen Mitteln bis zur letzten Minute zu verhindern.

Im Ruf der Heiligkeit stand Karol Wojtyla für viele seit dem 13. Mai 1981. Bei der wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz verfehlte die Kugel des türkischen Attentäters Mehmet Ali Agca nur um wenige Millimeter sein Herz. Seine Rettung schrieb der genesene Papst der Gottesmutter von Fatima zu, an deren Festtag das Attentat geschah. Bis heute halten sich die Gerüchte, Agca habe auf Anweisung des sowjetischen KGB gehandelt. Der damalige italienische Chefermittler behauptete später, dass die Spuren aufgrund der hohen diplomatischen Brisanz nicht weiterverfolgt werden durften.

Johannes Paul II. – Weltpolitiker, Kommunikationsgenie und frommer Mystiker in einer Person. Kein Papst zuvor hat je so viele Reisen in alle Erdteile unternommen, Millionen von Gläubigen um sich geschart, derartige mediale Aufmerksamkeit erfahren. „John Paul Superstar“ hatten ihn die US-amerikanischen Medien bald getauft. Seine oft stundenlangen Gottesdienste unter freiem Himmel gerieten zu Mega-Events. Seine Schlagfertigkeit und sein Humor machten ihn besonders bei der Jugend beliebt; viele junge Katholiken bezeichneten sich als „Generation JP 2“. So wurden unter seiner Ägide die Weltjugendtage ins Leben gerufen. Auch die gemeinsamen Friedensgebete aller großen Religionsgemeinschaften in Assisi gehen auf seine Initiative zurück.

Doch genau daran nahmen seine Kritiker in- und außerhalb des Vatikans Anstoß: Zuviel Show, zuviel Starrummel, zu viele Reisen, so lautete ihr Vorwurf hinter vorgehaltener Hand. Sie empfanden seinen Stil als zu weltlich. Auch im Kirchenvolk selbst, vor allem in Deutschland und Österreich, regte sich bald Widerstand gegen den theologisch streng konservativen Kurs des Papstes. Unnachgiebig ließ er auch gegen prominente Vertreter der Befreiungstheologie vorgehen.

Verschärft wurden die schwelenden innerkirchlichen Konflikte durch die Personalpolitik der Kurie: So kamen zahlreiche Hardliner ins Hirtenamt, denen es an Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Problemen und Sorgen der Gläubigen mangelte. An Namen wie den ehemaligen Wiener Kardinal Groer oder den Sankt Pöltener Bischof Krenn mag man sich nur mit Schaudern erinnern. Die Fälle galten als symptomatisch, wie zunehmend ignorant der Vatikan agierte und sich der Lebenswirklichkeit entfremdete. Heute ist klar, dass es die lange, auszehrende Parkinson-Krankheit des Pontifex war, weshalb sich der kuriale Apparat jeder Kontrolle entziehen und ein fatales Eigenleben entwickeln konnte; von der vatikanischen Skandalbank IOR ganz zu schweigen. Vatikanische Insider berichten, der Papst sei ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr Herr im eigenen Haus gewesen.

Ein schwieriges Erbe, unter dem sein Nachfolger Benedikt XVI. besonders zu leiden hatte. Ob die vertuschten Missbrauchs-Skandale, die dunklen Geschäfte der Vatikanbank IOR oder die hausinternen Intrigen kurialer Seilschaften – die Probleme hatten sich zu einem Gebirge aufgetürmt. Viele Kardinäle in der Seelsorge hatten das bereits erkannt und wollten im Konklave einen bewussten Bruch mit der als sklerotisch empfundenen Situation herbeiführen. Ihr damaliger Kandidat hieß Jorge Maria Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires. Mindestens zwei der deutschen Kardinäle votierten für ihn. Doch die Zeit schien noch nicht reif. Die Mehrheit setzte auf einen behutsamen Übergang und sah in Josef Ratzinger den Erben Wojtylas.

Einen letzten Wink hatte der sterbende Papst selbst gegeben. Als er, schon zu schwach, die Feiern von Karwoche und Ostern an mehrere Kardinäle delegierte, war es der Präfekt der Glaubenskongregation, dem die Zelebration der Osternachtsmesse zufiel. Sie gilt als die wichtigste Liturgie im Kirchenjahr. Gut zwei Wochen später trat er als Nachfolger von Johannes Paul II. ein übermächtiges Erbe an, für dessen Bewältigung seine Kräfte nicht mehr ausreichen sollten.

Ingo-Michael Feth

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