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Im Tatfahrzeug des Anschlags von Berlin fanden die Ermittler die Papiere Anis Amris

Paris, Nizza, Berlin

Warum Terroristen ihre Papiere am Tatort „vergessen“

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München - Ein offizielles Dokument hat die Berlin-Ermittler auf die Spur Anis Amris geführt. Kein Einzelfall: Immer wieder werden an Tatorten Ausweise zurückgelassen - aus verschiedenen möglichen Gründen.

Es war eine erstaunlich offensichtliche Spur, die den Ermittlern letztlich ihre aktuelle heiße Fährte im Berliner Anschlag brachte: ein Dokument im Fußraum des Tat-Lkw - die Papiere lauteten auf den Namen von Anis Amri.

So ungewöhnlich dieser Umstand auch erscheint, ein Einzelfall ist er nicht. Die Liste der Anschläge und Attentate, bei denen die Täter (scheinbar) offizielle Dokumente zurückgelassen haben, ist wesentlich länger:

  • Im Januar 2015 überfallen Attentäter die Pariser Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Im Fluchtauto wird später der Personalausweis Said Kouachis, also von einem der Täter, gefunden.
  • Im November 2015 verüben Terroristen mehrere brutale Anschläge in Paris. Bei einem jener Männer, der sich am Stade de France in die Luft sprengen, wird ein Ausweis gefunden. Ein weiterer Täter, Salah Abdeslam, flüchtet nach Belgien - und erzählt dem gekidnappten Fahrer des Fluchtwagens, er habe den Ausweis seines Bruders absichtlich in einem Auto zurückgelassen.
  • Im Juli 2016 sterben in Nizza bei einem - dem Berliner Fall sehr ähnlichen - Attentat 86 Menschen. Der Täter, Mohamed Lahouaiej Bouhlel, stirbt in der Fahrerkabine. Mobiltelefon und Ausweis trug er bei sich.

Alle aktuellen Information zur Fahndung nach Anis Amri finden Sie in unserem News-Blog

Warum aber tragen Terroristen Papiere bei sich, und geben so ihre Identität preis? Zu dieser Frage gibt es verschiedene Theorien.

These 1: Hektik, schlechte Planung, Unfähigkeit

Einfach gesprochen: Auch - oder gerade - Terroristen können Fehler unterlaufen. “Menschliches Versagen“, nannte der Sicherheitsexperte Fred Burton der WAZ als möglichen Grund für solche Fälle. „Keine Erfahrung. Diese Leute landen nicht das Space Shuttle“, urteilte der Vizepräsident des Analysedienstes Stratfor.

Bereits nach dem Attentat auf Charlie Hebdo waren ähnliche Thesen kursiert: Bei ihrer Flucht seien die Täter in Hektik gewesen - möglicherweise hätten sie auch gar nicht damit gerechnet, den Ort des Verbrechens lebend zu verlassen.

These 2: Narzissmus und „Heldenkult“

Der Psychologe Ahmad Mansour sieht eine spezielle terroristische Logik hinter den „vergessenen“ Dokumenten. „Terroristen sind Narzissten. Sie wollen sichtbar werden. Sie vergessen den Ausweis nicht. Sie tun das bewusst“, erklärte er am Mittwoch auf Twitter. 

„Es ist nichts Außergewöhnliches, dass Attentäter Ausweisdokumente zurücklassen - sie wollen ja öffentlichkeitswirksam sein“, bestätigt auch der bayerische Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Robert Krieger, unserer Redaktion auf Anfrage.

In eine solche Richtung weist auch der Fall der Pariser Anschläge. Dort soll Täter Abdeslam dem Fahrer des Fluchtwagens erzählt haben, er habe den Ausweis seines Bruders Brahim bewusst zurückgelassen, damit dieser "weltweit bekannt" werde.

These 3: Rationale Erwägungen

So seltsam es klingen mag: Denkbar scheint, dass sich die Terroristen zum Schutz ihrer verbrecherischen Pläne an geltendes Recht halten. Ohne Ausweispapiere kann eine simple Personenkontrolle die Planungen durchkreuzen und schon vorab zu einer Festnahme führen. Auch im Falle einer geplanten Flucht helfen gültige Papiere. Natürlich können sie so aber auch überhaupt erst am Tatort verloren werden.

Erneut gibt die Terrornacht von Paris das passende Beispiel: Fakt ist, dass Salah Abdeslam nach dem Anschlag erfolgreich nach Belgien floh. Unterwegs wurde der Terrorist dreimal von der Polizei kontrolliert - fiel aber nicht auf, da er einen Ausweis bei sich trug, wie die französischen Sicherheitsbehörden bestätigten.

These 4: Falsche Fährten

Zu beachten ist indes auch: An Tatorten gefundene Dokumente müssen nicht echt sein. Bisweilen können Täter auf diesem Wege bewusst falsche Fährten legen - oder gefälschte Papiere nutzen, um ihre Identität vor und nach der Tat zu verschleiern.

Der am Stade de France gefundene Pass etwa lautete auf den Namen „Ahmad Almohammad“ - und war offenbar gefälscht. So berichteten serbische Behörden laut n-tv, die gleiche Identität sei von sechs verschiedenen Männern an der Grenze benutzt worden. Einem Reporter der Daily Mail wurde noch nach der Tat ein Fake-Pass mit dieser Identität verkauft.

Auch in Berlin könnten die Papier theoretisch gefälscht sein. So zitiert die FAZ den Linke-Bundestagsabgeordneten und früheren Kriminalbeamten Frank Tempel mit dem Hinweis, es könne sich um eine „gelegte“ Fährte handeln.

Allerdings: Amris Fingerabdrücke wurden in dem Todes-Lkw gefunden.

These 5: Eine offizielle IS-Strategie?

Einige Experten sehen in zurückgelassenen Dokumenten auch eine Strategie des IS. „Die Terrororganisation legt großen Wert darauf, dass die Kämpfer in der globalen Welt der Medien sich durch Videoausschnitte, Selbstberichte und Enthauptungen präsentieren“, sagte der Psychologe Jan Kizilhan dem TV-Magazin „report München“.

Gleichwohl zweifeln andere, ob es sich um eine „offizielle“ Maßgabe handelt: „Weil viele fragen: Mir ist nicht bekannt, dass die IS-Propaganda Terroristen dazu auffordert, ihre Ausweise am Tatort zu hinterlassen“, twitterte der Spiegel-Nahost-Journalist Christoph Sydow.

Viele Ansatzpunkte - Verschwörungstheorien unnötig

Es gibt also zahlreiche verschiedene Gründe, warum Terroristen echte oder gefälschte Ausweisdokumente bei sich tragen - und sie entweder unabsichtlich verlieren, oder aber bewusst zurücklassen. Terrorexperte und Psychologe Mansour jedenfalls zieht ein in diesem Lichte schlüssiges Fazit: „Nein zu #Verschwörungstheorien“, twitterte er.

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