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Die Ergebnisse des ARD-Deutschlandtrends sind ein Schock: Die Union fällt unter 30 Prozent, die SPD befindet sich im Dauertief.

Politikwissenschaftler im Interview nach Umfrage-Schock

Parlament zersplittert, Volksparteien im Sinkflug - wird Deutschland in Zukunft unregierbar?

Wenn am Sonntag Bundestagswahlen wären, sähe es düster aus für die Große Koalition: Nicht einmal 47 Prozent bekämen Union und SPD – und das zusammen! Die großen Volksparteien schrumpfen.

München - Laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend liegt die CDU/CSU derzeit bei 29 Prozent. Die SPD kommt gerade einmal noch auf 18 Prozent – nur noch ein Prozentpunkt vor der AfD (17 Prozent). Wenn am Sonntag Wahlen wären, könnten keine zwei Parteien mehr eine Koalition bilden. Doch wen als Dritten mit ins Boot holen? Die Jamaika-Schlappe hat gezeigt: Es wird schwierig, wenn mehr als zwei Parteien auf einen Nenner kommen wollen. Wird Deutschland in Zukunft unregierbar? Wir haben mit Politikwissenschaftler Jürgen Falter gesprochen.

Warum wenden sich immer mehr von der Union ab?

Jürgen Falter: Die Union ist schon länger im Sinkflug. Das hat etwas mit den Streitigkeiten zwischen CDU und CSU zu tun. Es liegt aber auch daran, dass viele unzufrieden sind mit der Regierung. Die Union ist in einer misslichen Lage: Ein großer Teil ihrer Anhänger ist gegen die Flüchtlingspolitik Merkels, ein anderer gegen die Flüchtlingspolitik Seehofers. Das schlägt sich dann in solchen Ergebnissen nieder. Die AfD profitiert davon in erheblichem Maße.

„Die Fundamente der alten Volksparteien sind größtenteils weg“

Sterben die großen Volksparteien aus?

Falter: Die Fundamente der alten Volksparteien sind größtenteils weggeschmolzen. Das christlich-katholische Milieu ist kleiner geworden und das gewerkschaftliche Arbeitermil-ieu auch. Diese Milieus haben gleichzeitig an Bindungskraft verloren. Wenn heute jemand regelmäßig in die Kirche geht, wählt er nicht mehr automatisch die CSU. Und dann kommt in Bayern erschwerend hinzu: Über zwei Millionen, die die CSU nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben, sind aus anderen Bundesländern zugezogen.

Professor Jürgen Falter, Politikwissenschaftler.

Warum ist dann ausgerechnet SPD-Außenminister Heiko Maas im Moment am beliebtesten?

Falter: Das ist das Außenminister-Schicksal. Die reisen, treffen sich mit den Großen dieser Welt, bemühen sich um Frieden, mischen sich selten in die Innenpolitik ein. Maas hat auch mit seiner Bemerkung zu Özil Punkte gemacht, als er gesagt hat, dass er als in England lebender Multimillionär kein ideales Beispiel für Integration sei. Das denken viele.

Söder will Angela Merkel nun doch zur Wahlkampf-Unterstützung nach Bayern einladen. Außerdem hat er gesagt, das Wort „Asyltourismus“ nicht mehr zu benutzen. Bringt das noch was?

Falter: Die CSU hat gemerkt, dass Uneinigkeit im eigenen Lager bestraft wird und dass nicht wenige CSU-Wähler eigentlich CDU-Anhänger sind. Da kommt jetzt die Parole der Geschlossenheit, die ist wichtig, weil vor allem die Anhänger bürgerlicher Parteien es nicht gerne sehen, wenn man sich öffentlich lange streitet.

Falter: „Gegen die Linke hat sich die SPD auch zwei Jahrzehnte gewehrt“

Müssen wir uns in Zukunft also an Regierungskoalitionen aus mehr als zwei Parteien gewöhnen?

Falter: Ja. Wenn die Leute heute so gewählt hätten wie in den Umfragen, dann hätte die Große Koalition nicht einmal eine Mandatsmehrheit. Da müsste ein dritter Partner dazu. Und das wird schwierig.

„Fühlen uns von Politikern diffamiert“: Asylhelfer gehen nun in die Offensive

Bisher lehnen die bürgerlichen Parteien eine Koalition mit der AfD ab. Wird dieses Tabu irgendwann fallen?

Falter: Gegen die Linke hat sich die SPD auch zwei Jahrzehnte gewehrt. Und dann wurden sie doch, zuerst auf Länderebene, dann auf Bundesebene, als möglicher Koalitionspartner akzeptiert. Auch an die AfD könnten sich die Parteien gewöhnen. Es hängt jedoch sehr davon ab, ob die AfD noch rechtsextremer wird oder ob sie einen eher nationalkonservativen Kurs einschlägt.

N. Mayer

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