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Kinderkliniken in Not

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Von: Sebastian Horsch

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Alles dauert etwas länger: Viele Kinderabteilungen sehen ihren Aufwand durch die Zahlungen der Krankenkassen schlicht nicht gedeckt. © foto: shutterstock

Sie müssen Patienten abweisen oder sogar Abteilungen schließen: Kinderkliniken geraten immer wieder in Schieflage. Personalmangel und wirtschaftlicher Druck stellen die Häuser vor große Probleme.

Das Ende kommt scheibchenweise. Im März vergangenen Jahres war erstmals durchgedrungen, dass das Münchner Klinikum rechts der Isar seine Kinder- und Jugendpsychosomatik zusperren will. Die Belegschaft hoffte zunächst, dass es nur zu einer Teilschließung kommen würde. Man war schließlich erst vor zwei Jahren umgezogen und die Patientennachfrage groß. Doch inzwischen scheint klar: Ende Juni ist endgültig Schluss. Wegen ihrer „ungünstigen Kosten-Erlös-Struktur“ macht die Abteilung dann wohl dicht.

Immer wieder gerieten zuletzt Kinder-Abteilungen in Probleme. Die Haunersche Kinderklinik in München musste Patienten abweisen und Operationen verschieben. Das Kinderkrebszentrum der Berliner Charité verordnete sich selbst einen vorübergehenden Aufnahmestopp. Dazu nun die bevorstehende Abteilungsschließung im TU-Klinikum rechts der Isar. Das wirft die Frage auf: Gibt es ein strukturelles Problem bei der Versorgung von kranken Kindern?

Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf Anfrage unserer Zeitung auf die Zahlen. Fast 15 000 Kinderärzte gab es 2017 in Deutschland, das sei ein Zuwachs von neun Prozent seit 2013. Zudem gebe es mehr als 20 000 Betten für Kinderheilkunde und Kinderchirurgie.

Kinder werden abgewiesen, obwohl Betten leerstehen

Für Siegfried Hasenbein ist das jedoch wenig aussagekräftig. „Betten behandeln keine Kinder“, sagt der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Wie für alle anderen Klinik-Bereiche gelte auch hier:

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Siegfried Hasenbein © BKG

„Das zentrale Problem ist der Fachkräftemangel.“ Denn wenn zu wenige Pflegekräfte da sind, müssen Abteilungen teilweise geschlossen werden. Dann werden Kinder abgewiesen, obwohl Betten leer stehen. In München kann das beispielsweise bedeuten, dass Eltern bis nach Garmisch-Partenkirchen oder Augsburg ausweichen müssen.

Eine einfache Blutabnahme wird schnell zum Kraftakt

Zum Personalmangel kommt der wirtschaftliche Druck. Krankenhäuser werden über sogenannte Fallpauschalen von den Kassen vergütet. Das bedeutet, dass für eine bestimmte Behandlung ein festgelegter Betrag fließt. „Spitzen oder Besonderheiten werden von diesen Pauschalen in vielen Fällen unzureichend abgedeckt“, sagt Hasenbein. Und mit Besonderheiten muss man bei der Behandlung von Kindern immer rechnen. Eine einfache Blutabnahme wird da schnell zum Kraftakt. Und einem Kind zu erklären, warum es eine Tablette nehmen muss, dauert eben länger als bei einem Erwachsenen. Viele Kinderabteilungen sehen ihren Aufwand durch die Zahlungen der Kassen schlicht nicht gedeckt.

Kostendeckendes Arbeiten hält auch Hasenbein in diesem Bereich deshalb „nur teilweise“ für möglich. „Es gibt Teile in der Kinderheilkunde, die unterfinanziert sind“, sagt der BKG-Chef. Damit zumindest für die Versorgung wichtige Abteilungen und Kliniken deshalb künftig nicht mehr gefährdet werden, berät die im Gesundheitssystem zuständige Selbstverwaltung in diesem Jahr über Sicherstellungszuschläge. Für Hasenbein wäre das ein guter Schritt. Doch: „Meines Wissens befindet sich das noch in einem recht frühen Stadium.“

Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) hingegen hält das derzeitige Vergütungssystem mit inzwischen 313 gesonderten Kinderpauschalen für differenziert genug. Man wolle sich „den Klagen und Argumenten aus der Branche“ aber nicht verschließen und prüfen, ob einige Leistungen vielleicht doch besser vergütet werden müssen. Zudem verweist Spahns Ministerium darauf, dass ab diesem Jahr bereits der Pflegepersonalaufwand unabhängig von den Fallpauschalen voll finanziert wird. Das heißt: Für die Kliniken fällt ein großer Teil der Kosten für Pflegekräfte weg.

Eine Neuerung, von der auch Hasenbein glaubt, dass sie das Problem tatsächlich abmildern kann – zumindest in der Theorie. „Es funktioniert natürlich nur, wenn die Kliniken auch genügend Personal finden“, sagt der BKG-Chef. Derzeit fehlen allerdings alleine in Bayern 15 000 Pflegekräfte.

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