Peter R. de Vries
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Peter de Vries wurde bei dem Attentat in Amsterdam schwer verletzt. (Archivfoto)

De Vries lehnte Polizeischutz ab

Anschlag erschüttert Niederlande: Journalist stand auf der Abschussliste - „Der Drogenboss hat gesagt ...“

  • Andreas Schmid
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Attentat auf den Journalisten Peter de Vries: Er war im größten Drogenprozess der Niederlande aktiv, wurde offenkundig bedroht, lehnte aber Polizeischutz ab. Nun kämpft er um sein Leben.

Amsterdam - Die Niederlande befinden sich nach dem Anschlag auf den Journalisten Peter de Vries weiterhin in Schockstarre. Der populäre Kriminalreporter wurde auf offener Straße von mehreren Schüssen getroffen und schwebt in Lebensgefahr. Viele Menschen im Land lieben de Vries, Kriminellen ist er ein Dorn im Auge.

Attentat auf Journalist de Vries: „Peter kämpft noch immer um sein Leben“

Der Angriff ereignete sich am Dienstagabend (6. Juli) gegen 19.30 Uhr, als de Vries ein Fernsehstudio in der Amsterdamer Innenstadt verließ. Er war zuvor in einer Talk-Show aufgetreten. Am zweiten Tag nach dem Mordanschlag ist sein Gesundheitszustand nach wie vor äußerst kritisch. „Peter kämpft noch immer um sein Leben“, sagte der Chef des TV-Senders RTL, Peter van der Vorst. „Wir beten alle um ein Wunder.“ Der Reporter arbeitete für den Sender. 

Der 64-Jährige recherchiert seit Jahren investigativ. International bekannt wurde der Reporter 1987 mit seinem Bestseller über die Entführung des Bierbrauers Freddy Heineken. In der Vergangenheit widmete er sich den sogenannten „cold cases“, also seit längerem ungeklärten Kriminaldelikten. De Vries deckte so den Mord an einem kleinen Jungen auf. Sein aktueller Fall führte ihn in die Rotterdamer Drogenszene – und dürfte entscheidend mit dem Mordanschlag auf seine Person zusammenhängen. Fünf Schüsse wurden in Richtung de Vries abgefeuert, einer traf ihn am Kopf.

„Kämpfe, Peter“: Menschen legen am Tatort in Amsterdam Blumen, Kerzen und Botschaften nieder.

„Der Drogenboss hat gesagt, dass jeder, der sich in seinen Fall einmischt, erschossen wird“

De Vries war im Prozess um einen einflussreichen Drogenboss aktiv. Er agierte als Vertrauensperson des Kronzeugen Nabil B. im sogenannten Marengo-Prozess, einem der größten Drogenprozesse in den Niederlanden. Die auch wegen Mordes Angeklagten sind im Rotterdamer Hafen verantwortlich für einen Dreh- und Angelpunkt des europäischen Kokainhandels. Hauptangeklagter ist der Schwerverbrecher Ridouan Taghi. Während der Verhandlungen sind bisher zwei Menschen ermordet worden: der Anwalt des Kronzeugen sowie dessen Bruder. Nun sollte es offenbar de Vries treffen.

Ob das Attentat auf Peter de Vries mit dem brisanten Fall zusammenhängt, muss noch geklärt werden. Der ehemalige Anwalt von Nabil B. ist aber überzeugt, dass der Prozess mit den Schüssen zusammenhängt. „Taghi hat gesagt, dass jeder, der sich in seinen Fall einmischt, erschossen wird“, sagte er laut RTL.

Attentat auf Peter de Vries: Er stand auf der „Abschlussliste“, aber lehnte Personenschutz ab

Taghi gilt als meistgesuchter Verbrecher der Niederlande, seine Organisation wird von Staatsanwälten als „gut geölte Tötungsmaschine“ beschrieben. Dass de Vries in Gefahr lebt, war ihm bekannt. Der Journalist aus Nordholland erklärte 2019, er sei von Polizei und Justiz informiert worden, dass er auf Taghis „Abschussliste“ stehe. Personenschutz lehnte er jedoch ab. Er wolle seine Freiheit behalten. Journalisten in den Niederlanden waren zuletzt vermehrt Hass und Anfeindungen ausgesetzt. Der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders bezeichnete sie als Abschaum.

Inzwischen laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Zwei Männer waren nur wenige Stunden nach der Tat festgenommen worden. Einer von ihnen, ein 35-jähriger Pole aus dem Südosten der Niederlande, soll erst in der vergangenen Woche wegen Bedrohung für kurze Zeit festgenommen worden sein, berichten mehrere Medien. Am Freitag werden beide dem Haftrichter vorgeführt.

Mark Rutte: „Das ist ein Angriff die Pressefreiheit“

Mark Rutte, Regierungschef der Niederlande zeigte sich bei einer Pressekonferenz in Den Haag schockiert: „Das ist ein Angriff auf einen mutigen Journalisten und damit ein Angriff auf die Pressefreiheit.“ Aus Berlin reagierte das niederländische Königspaar „tief geschockt“. „Journalisten müssen ohne Bedrohung und frei ihre wichtige Arbeit tun können“, erklärten König Willem-Alexander und seine Frau Máxima. Das Paar stattet zur Zeit Deutschland einen Staatsbesuch ab.

Internationale Journalistenverbände sprachen von einem Anschlag auf die Unabhängigkeit des Journalismus in Europa und forderten eine rückhaltlose Aufklärung. Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema würdigte de Vries als „Nationalhelden“. Ein Held, der aktuell um sein Leben kämpft. (as)

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