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Peter Scholl-Latour verstarb im Alter von 90 Jahren.

Deutschlands Welterklärer ist tot

Peter Scholl-Latour: Seine letzte Reise

München - Peter Scholl-Latour hat den Deutschen das Bild der Welt so nachhaltig erklärt wie kein anderer Journalist. Dies lag daran, dass er bis zu seinem letzten Atemzug ein ewig Neugieriger geblieben ist.

Schwer gefallen ist ihm in seinem langen Leben vieles. Auch, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Peter Scholl-Latour hat es stets vorgezogen, Klartext zu sprechen. Das machte ihn beliebt und gefragt als Talkshow- Gast und Kommentator weltpolitischer Ereignisse. Und zu einem roten Tuch für seine Kritiker. Mit der Masse zu schwimmen, war ihm zutiefst zuwider. Er zog es vor, unermüdlich zu reisen, mit den Großen und den Kleinen auf Augenhöhe zu verkehren, und aus Blickwinkeln zu berichten, die seine Reportagen außergewöhnlich, einmalig und eindringlich machten.

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Der Erfolg war kein Geschenk, sondern das Resultat unerschrockenen Einsatzes. Als der Vietnam-Krieg tobte und die Vertreter der Weltpresse in Saigon auf der Terrasse des Hotels Continental mit kühlen Getränken in den Händen den geschönten Berichten der Amerikaner lauschten, saß er in Kampfhubschraubern und machte sich lieber selbst ein Bild von der chaotischen Lage. Und als er in die Gefangenschaft des Vietcong geriet, ließ er die Kamera mitlaufen, „weil authentischere Bilder kaum zu bekommen sind“.

Zu seinem 90. Geburtstag gab Peter Scholl-Latour dem Münchner Merkur ein großes Interview, was sie hier nachlesen können.

Peter Scholl-Latour wollte nicht aus dem Rahmen fallen: Er passte einfach nicht hinein. Und weil sich daran nie etwas geändert hat, weil er sich selbst stets treu geblieben ist, wurde er immer mehr zu einer Leitfigur des Journalismus und Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Er glaubte nur, was er selbst sah, und das am besten mehrfach. Deshalb trieb es ihn immer wieder hinaus, deshalb hat er alle Länder der Erde besucht, und deshalb wäre er auch gerne zum Mond geflogen. Nicht des Mondes, sondern des unschlagbaren Blicks über die Welt wegen, die sein Spielfeld war. Und weil nur eine umfassende Kenntnis aller Seiten es ermöglicht, richtig einzuordnen und zu interpretieren. „Ich habe mir nie ein großes Ziel gesetzt“, sagte er noch vor wenigen Wochen unserer Zeitung, „und ich bin auch nie der Verkünder einer Botschaft gewesen“. Nein, Peter Scholl- Latour wollte nie bekehren. Er hat nur versucht, zu erklären und darzustellen, was war und ist – in unzähligen Reportagen

Peter Scholl-Latour wollte nicht aus dem Rahmen fallen: Er passte einfach nicht hinein. Und weil sich daran nie etwas geändert hat, weil er sich selbst stets treu geblieben ist, wurde er immer mehr zu einer Leitfigur des Journalismus und Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Er glaubte nur, was er selbst sah, und das am besten mehrfach. Deshalb trieb es ihn immer wieder hinaus, deshalb hat er alle Länder der Erde besucht, und deshalb wäre er auch gerne zum Mond geflogen. Nicht des Mondes, sondern des unschlagbaren Blicks über die Welt wegen, die sein Spielfeld war. Und weil nur eine umfassende Kenntnis aller Seiten es ermöglicht, richtig einzuordnen und zu interpretieren.

Peter Scholl-Latour wollte nie bekehren

„Ich habe mir nie ein großes Ziel gesetzt“, sagte er noch vor wenigen Wochen unserer Zeitung, „und ich bin auch nie der Verkünder einer Botschaft gewesen“. Nein, Peter Scholl- Latour wollte nie bekehren. Er hat nur versucht, zu erklären und darzustellen, was war und ist – in unzähligen Reportagen und mehr als dreißig Büchern. Mit beeindruckendem Erfolg. „Der Tod im Reisfeld“ (rund 1,4 Millionen verkaufte Exemplare) ist das erfolgreichste deutsche Sachbuch seit dem Zweiten Weltkrieg.

Betrachtet man das Leben des unermüdlichen Wanderers Scholl-Latour, dann fällt es schwer zu glauben, dass er seine Berufung durch Zufall gefunden hat: „Ich bin in den Journalismus gestolpert, und da es gut lief, bin ich dabeigeblieben. Was ich immer wollte, war, viel zu reisen und die Welt zu sehen.“

Es lief sogar sehr gut für den am 9. März 1924 in Bochum geboren späteren Star-Journalisten, der in Fribourg (Schweiz) das Collège St. Michel und in Kassel das Wilhelm- Gymnasium besuchte, der in Mainz, Paris und Beirut studierte und 1950 Journalist wurde. Der Grund: 1948 reiste er „per Zufall“ durch die sowjetische Besatzungszone, schrieb darüber einen Bericht, und der wurde prompt von der Zeitung „Le Monde“ in Paris gedruckt. Der Journalist war geboren. Dabei hätte alles ganz anders kommen können: 1945 meldete sich der 21-Jährige, dessen Eltern aus Elsass und Lothringen stammten, freiwillig zu den französischen Fallschirmjägern. Und wurde in Indochina eingesetzt. „Es hätte gut passieren können, dass ich in der Armee geblieben wäre“, berichtete er später rückblickend über diese Zeit, an die er als Korrespondent im Vietnam-Krieg anknüpfen sollte.

Die Neugier trieb Scholl-Latour in die Welt hinaus

Mit Peter Scholl-Latour Interviews zu führen, war stets ein Erlebnis. Weil er mit Vergnügen plauderte und es stets schaffte, selbst komplizierteste Zusammenhänge in wenigen Minuten oder Sätzen plausibel darzustellen. Er war ein exzellenter Kollege, der andere gerne an seinem Wissen teilhaben ließ. Aber es gab auch Erinnerungen, die er lieber ruhen ließ. Dazu gehört das Ende des Zweiten Weltkriegs, als er versuchte, sich in Jugoslawien Titos Partisanen anzuschließen und in Kärnten in die Hände der Gestapo fiel. „Das war ein Stahlbad. Die Erfahrungen in den Kerkern der Gestapo haben mich gestärkt, gerade auch gegenüber späteren Herausforderungen und Krisensituationen im Leben.“ Er wurde gefoltert, und er lernte die Abgründe der menschlichen Natur kennen. Er war damals 21 Jahre alt.

„Es war meine Neugier, die mich in die Welt hinausgetrieben hat“, resümierte er anlässlich seines 90. Geburtstags gegenüber unserer Zeitung. „Und ich habe die Weltpolitik immer als eine Art Kriminalroman betrachtet.“ Er war eben ein Abenteurer, der als junger Mann die Sahara per Autostopp durchquerte und als Hörfunk-Korrespondent in Afrika davon fasziniert war, dass er im Kongo „wie mit einer Zeitmaschine in die Steinzeit katapultiert“ wurde. Damals, als er und sein Team „einer Horde Speerträger ausgeliefert“ waren, lernte der junge Reporter erneut, was Todesangst bedeutet.

In Deutschland wurde Scholl-Latour mit Hörfunkberichten populär. Und seine näselnde Stimme – die zunächst als radiountauglich galt – wurde sein Markenzeichen. Der WDR brachte ihn schließlich ins Fernsehen; ab 1963 baute er in Paris das neue ARD-Studio auf. „In drei Monaten war ich bekannt, in drei Jahren war ich berühmt“, meinte er später. An übertriebener Bescheidenheit mangelte es ihm nicht. Warum auch? Er bot, was nur wenige zu bieten hatten: Spektakuläre Reportagen aus den Epizentren des Weltgeschehens. Die Krisenherde der Welt zogen ihn geradezu magisch an, „weil sich die Wahrheit des Menschen in der Krise zeigt“.

Scholl-Latour hatte immer mit den Großen zu tun

Er genoss Respekt und Anerkennung. „Bei ihm konnte man immer sicher sein, dass er weiß und kennt, wovon er spricht“, sagte Ex-Kanzler Helmut Schmidt einmal über Peter Scholl-Latour. Deshalb öffneten ihm die Großen der Weltpolitik auch gerne die Tür: Helmut Kohl, Angela Merkel, Charles de Gaulle, die Wortführer der islamischen Welt und auch Ayatollah Ruhollah Khomeini, den er 1979 auf dem Rückflug aus dem Exil in Frankreich nach Teheran begleiten konnte.

Peter Scholl-Latour – der auch WDR-Programmdirektor und „stern“-Chefredakteur war – hatte den Blick für das Wesentliche – und Gespür für das, was kommen wird: Bereits 1965 prophezeite er, dass die USA den Vietnam- Krieg verlieren würden (er endete 1975), und 1974 sagte er voraus, dass die Mullahs in Teheran die Macht übernehmen würden (das geschah 1979). Als der Irak-Krieg begann, war er sich sicher: „Das Schlimmste kommt erst nach dem Sturz von Saddam Hussein. Scholl-Latour, der sich als Realist bezeichnete, freute sich, wenn er – von Kritikern abfällig gemeint – mit Kassandra verglichen wurde: „Na und, sie hat ja ebenfalls Recht behalten“. Sogar der „Spiegel“ stimmte ihm zu.

Als Peter Scholl-Latour vor wenigen Monaten 90 Jahre alt wurde, meinte er: „Kürzertreten? Warum denn? Das regelt die Natur, und Gott zieht die Grenze“. Er hat sie gezogen, und der unermüdliche Wanderer hat seine letzte Reise angetreten. Nach schwerer Krankheit, einem faszinierenden Leben – und ganz sicher gespannt, welche neue Erfahrung ihn nun erwartet.

Peter Scholl-Latour: Seine wichtigsten Bücher

„Der Tod im Reisfeld – Dreißig Jahre Krieg in Indochina“ (1980). – „Allah ist mit den Standhaften – Begegnungen mit der islamischen Revolution“ (1983). – „Mord am großen Fluß – Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit“ (1986). – „Leben mit Frankreich – Stationen eines halben Jahrhunderts“ (1988). – „Der Ritt auf dem Drachen. Indochina von der französischen Kolonialzeit bis heute“ (1988). – „Das Schwert des Islam – Revolution im Namen Allahs“ (1990). – „Der Wahn vom himmlischen Frieden – Chinas langes Erwachen“ (1990). – „Den Gottlosen die Hölle – Der Islam im zerfallenden Sowjetreich“ (1991). – „Aufruhr in der Kasbah – Krisenherd Algerien“ (1992). – „Eine Welt in Auflösung – Vor den Trümmern der neuen Friedensordnung“ (1993). – „Im Fadenkreuz der Mächte – Gespenster am Balkan“ (1994). „Lügen im Heiligen Land – Machtproben zwischen Euphrat und Nil“ (1998). – „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“ (2002). – „Weltmacht im Treibsand – Bush gegen die Ayatollahs“ (2004). – „Koloss auf tönernen Füßen – Amerikas Spagat zwischen Nahem und Fernem Osten“ (2005). – „Zwischen den Fronten – Erlebte Weltgeschichte“ (2007). – „Die Angst des Weißen Mannes – Eine Welt im Umbruch“ (2009). – „Arabiens Stunde der Wahrheit“ (2011). – „Die Welt aus den Fugen“ (2012).

Von Werner Menner

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