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In der Pflege herrscht Mangel , und nach dem Willen der Politik sollen den auch ausländische Pflegekräfte beheben.

Fachkräfte in der Pflege fehlen an allen Ecken und Enden

Dringend gebraucht – aber abgeschoben

Deutschland braucht dringend Pflegekräfte. Sie sollen auch aus dem Ausland kommen, sagt Gesundheitsminister Jens Spahn. Doch manche werden abgeschoben: So wie Rafet Oraca zwei Wochen vor seiner Prüfung.

München – Dass sie ihn holen würden, das wusste Rafet Oraca, 40. Oft würden sie zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens kommen, hatte man ihm erzählt, weshalb er in diesen Stunden nun jede Nacht wach lag. Wenn sie ihm doch nur noch ein bisschen Zeit ließen bis zur Abschiebung. Dann hätte er zumindest seine Abschlussprüfung hinter sich. Dann könnte er arbeiten, überall. Natürlich am liebsten hier. Aber nicht nur Deutschland sucht Pflegekräfte.

Sie kamen dann weit vor Mitternacht. Am 14. Juni 2017 um 20.55 Uhr stand die Polizei vor Oracas Tür in Grafenau, Niederbayern. Er erinnert sich genau an die Uhrzeit, weil Ramadan war – der muslimische Fastenmonat – und er in fünf Minuten hätte essen dürfen. Er erinnert sich, wie sie ihm das Handy wegnehmen wollten und er ihnen sagte, das sei nicht notwendig, er habe nicht vor, Hilfe zu rufen. Er erinnert sich, wie ihm der Beamte sagte: „Ich muss das machen.“

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Rafet Oraca und seine Kinder Amelia, 4, und Emilia, 2, wurden an diesem Tag in den Kosovo abgeschoben. Nur zwei Wochen vor seiner Abschlussprüfung zum Altenpflegehelfer. Nach fast zwei Jahren Ausbildung. Seine Frau, die gerade mit Herzproblemen im Krankenhaus war, reiste später freiwillig nach. Seitdem sind sie dort.

Spahn will Kräfte in Südosteuropa anwerben

Dabei wird Pflegepersonal hierzulande dringend gesucht. So sehr, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigt hat, gezielt Fachkräfte in Südosteuropa anwerben zu wollen. Und zwar besonders in Albanien und im Kosovo. Also von dort, wohin Deutschland den Pfleger Rafet Oraca gerade zurückgeschickt hat.

Circa drei Millionen Menschen hierzulande sind pflegebedürftig; bis 2060 wird mit 4,7 Millionen gerechnet. Zahlen der Bundesregierung besagen, dass in der Branche mindestens 36 000 Fachkräfte fehlen. In der Krankenpflege sind gut 12 500 Stellen nicht besetzt. In der Altenpflege werden 15 000 ausgebildete Kräfte sowie weitere 8500 Helferinnen und Helfer gesucht. Andere nennen sogar noch weit höhere Zahlen.

Im Januar 2015 war die Familie Oraca mit dem Zug aus Österreich nach München gekommen. Mit „extrem vielen“ anderen Kosovaren, sagt Oraca, die sich damals auf den Weg in die Bundesrepublik gemacht hatten. Im selben Jahr begannen er und seine Frau ihre Ausbildung an der Altenpflegeakademie in Grafenau, 2016 kam ihr zweites Kind zur Welt. Dann kam die Zuweisung ins Transitzentrum Bamberg. Oraca und seine Frau weigerten sich, dorthin zu gehen, weil sie ihre Ausbildung beenden wollten. Als Sanktion habe die Familie keine Sozialleistungen mehr erhalten, erzählt er. Ein Freundeskreis in Grafenau habe sie finanziell unterstützt, der Bayerische Flüchtlingsrat sammelte Spenden. In der Flüchtlingsunterkunft wurden sie weiter geduldet. Dort lebten sie – mit einer kurzen Unterbrechung im Kirchenasyl – bis zum Tag ihrer Abschiebung.

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Die Familie Oraca hat rechtlich alles getan, um ihre Abschiebung zu verhindern. Doch es gibt noch andere Wege. Man kann am Flughafen eine Erkrankung vortäuschen. Manche verschlucken absichtlich etwas oder benehmen sich so aggressiv, dass der Pilot sich weigert, sie mitzunehmen. „Wenn einer sich mit Händen und Füßen wehrt, ist es fast aussichtslos, eine Abschiebung durchzuführen“, sagt Peter Schall, der bayerische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Rafet Oraca tat all das nicht. Ihn abzuschieben war für die Polizisten vermutlich einfach. Aber war es auch sinnvoll?

Schummer fordert Abschiebestopp

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer hat wegen des Personalmangels in der Pflege gerade erst einen Abschiebestopp für gut integrierte Flüchtlinge gefordert, die in Gesundheitsberufen arbeiten. Sein CSU-Kollege Erich Irlstorfer sagt, Schummers Vorschlag habe eine „gewisse Berechtigung“. Er warnt allerdings gleichzeitig vor zu vielen Ausnahmeregelungen für einzelne Berufsgruppen. Man dürfe die Asyl-Linie nicht „zerpflücken“. Sie müsse immer auf der Grundlage des Gesetzes liegen.

Ende 2015 wurden Albanien, Kosovo und Montenegro zu sicheren Herkunftsstaaten eingestuft. Rafet Oraca und seine Familie waren demnach ohne Asylgrund in Deutschland. Ihre Anträge wurden abgelehnt. Oraca hätte dann mit seiner Familie freiwillig ausreisen können. Er hätte ein Arbeitsvisum beantragen können, um damit zurückzukehren. Wie er sagt, hatte das Asklepios Klinikum Aidenbach im Landkreis Passau ihm einen Arbeitsvertrag zugesagt. Die Klinik bestätigt auf Anfrage zumindest, dass er für eine Ausbildungsstelle ernsthaft infrage gekommen wäre, weil er einen motivierten und sprachlich kompetenten Eindruck gemacht habe. Das wäre also möglich gewesen.

Warum hat er es auf die Abschiebung angelegt, indem er unerlaubt geblieben ist? Auch haben er und seine Frau die Pflege-Ausbildung begonnen, ohne eine Erlaubnis dafür zu haben. Das alles spricht gegen Rafet Oraca. Er weiß das und kann es dennoch nicht verstehen.

Nun wolle Deutschland lieber „Leute holen, die kein Wort Deutsch können“, sagt er. Oraca spricht Deutsch. Nicht perfekt, aber auf jeden Fall ausreichend. Er wirkt integriert. Menschen, die ihn kennen, sagen, er und seine Familie seien immer sehr freundlich. Er ist Fan des FC Bayern und verabschiedet sich am Telefon mit „Passt scho. Servus!“. Er hatte gute Beurteilungen auf der Pflegeakademie, war sogar Klassensprecher. Und Deutschland schickt ihn weg.

Gleichzeitig kommt die Anwerbung von Pflegekräften im Ausland schleppend voran. Es gebe erhebliche Probleme bei der Visavergabe, beklagte Spahn jüngst.

In der Pflege herrscht Mangel , und nach dem Willen der Politik sollen den auch ausländische Pflegekräfte beheben.

Kandidaten warten lange auf ein Visum

Eine Erfahrung, die auch die Asklepios Kliniken machen mussten. Seit zwei Jahren schult das Unternehmen auf den Philippinen Intensiv- und OP-Pfleger. Die Kandidaten bekommen einen neunmonatigen Sprachkurs und einen Arbeitsvertrag. Doch dann müssen sie lange auf ein Visum warten. „Gerade ist die Bearbeitungsdauer von drei auf fünf Monate heraufgesetzt worden. Unsere Versuche, auf der Arbeitsebene mit den verantwortlichen Stellen im Auswärtigen Amt eine Lösung herbeizuführen, sind leider gescheitert“, schreibt Konzernchef Kai Hankeln in einem Brief an Bundestagsabgeordnete.

Das Problem kennt auch Baicy Terbrüggen, die stellvertretende Geschäftsführerin von IPP-Health. Die Agentur vermittelt Ärzte und Krankenpflegekräfte aus Bosnien und Serbien an deutsche Kliniken. Doch obwohl diese Pflegekräfte bereits in einer deutschen Klinik hospitiert haben, einen Sprachkurs durchlaufen haben, einen Arbeitsvertrag und einen Anerkennungsbescheid haben, würde das Auswärtige Amt sie meist noch einmal neun bis zwölf Monate auf einen Termin für ein Visum warten lassen. Das sei sehr ärgerlich, sagt Terbrüggen. „Denn die Kliniken können deshalb nicht planen.“ Gemeinsam mit Krankenhäusern plant sie deshalb einen Brief an den Gesundheitsminister.

Auch Rafet Oraca kämpft nun um ein Visum – und gleichzeitig um seine Zukunft. Denn ob sie nun in Deutschland stattfindet oder andernorts: Zumindest seinen Abschluss will er unbedingt noch machen. „Sonst verliere ich alles wieder, wofür ich gelernt habe“, sagt er. Und die Pflegeakademie gibt ihm tatsächlich die Chance, die Prüfung nachzuholen. Doch um einzureisen, braucht er ein Visum. Zum ersten Nachprüfungstermin Ende Juni wurde der Antrag abgelehnt. Oraca hatte bereits ein Flugticket gekauft – das ist Voraussetzung für die Antragstellung. Doch das Auswärtige Amt hält es für nicht glaubwürdig, dass er nach der Prüfung in den Kosovo zurückkehrt.

Seine letzte Chance ist der zweite Termin am 17.  September. Mithilfe seiner Anwältin will er vor Gericht eine Einreiseerlaubnis erstreiten.

Sebastian Horsch

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