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Blamage: Der Berliner Flughafen ist ein Beispiel, wie der Staat sich bei den Kosten grob um ein paar Milliarden Euro verkalkulierte. Die Fehler nehmen im Ausmaß zu.

Rechenpfusch am Bau

Hier setzt die Politik Steuergelder in den Sand

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München - Wo der Staat gräbt, naht das nächste Milliardenloch. Fast jedes Großprojekt läuft derzeit aus dem Ruder. Kosten, Zeitplan? Makulatur. Der Fehler liegt offenbar im System. Und macht auch Bayern zunehmend Sorgen.

Der Bürgermeister griff zum Hammer. Die Welt sei neugierig auf dieses Gebäude, vermeldete er und klopfte den ersten Nagel rein. Die Kultursenatorin flötete etwas über die Musik und hämmerte heiter mit. Der Herr von der Baufirma, Nagel drei, lächelte glücklich. Möge der Wettergott gnädig sein, ergänzte der Projektmanager und setzte den letzten Schlag.

Im April 2007 war das, der Grundstein für die Hamburger Elbphilharmonie. Zu ergänzen ist: Die Welt wartet noch immer auf das Gebäude, die vier Hobby-Nagler sind gefeuert oder abgewählt, der Wettergott war nicht schuld, und den Bürgern dämmert seit einiger Zeit, was wirklich ein Hammer ist. Innerhalb eines Jahrzehnts wuchsen die Kosten des futuristischen Opernhauses von 77 Millionen auf aktuell über 575 Millionen Euro. Und Hamburg ist nur ein Beispiel von vielen.

Seit Jahren verkalkuliert sich der Staat gewaltig am Bau. Der Tiefbahnhof Stuttgart, 1995 auf 2,5 Milliarden Euro kalkuliert, steht nun bei bis zu 6,8 Milliarden. Die Kosten der Kölner U-Bahn, einst 550 Millionen, sind verdoppelt. Berlins Flughafen soll statt 2,0 nun 4,3 Milliarden verschlingen, ähnlich die ICE-Trasse München–Nürnberg. Und für die zweite Stammstrecke in München ist noch kein Spaten in den Boden gerammt, da zeichnet sich das gleiche Schicksal ab: Die Kostenschätzungen hüpfen munter von 1,5 über 2,0 bis jüngst 2,4 Milliarden Euro. Ende offen.

Bei der Bevölkerung, die Großprojekte immer skeptischer sieht, erzeugt das Frust. Ein Häuslebauer wäre bei solchen Fehlkalkulationen pleite. Der Staat greift für die Mehrausgaben einfach tief in den Steuertopf. Der politische Schaden, begonnene Projekte als Bauruine stehen zu lassen, wäre immens.

Das Problem liegt wohl im System öffentlicher Bauten. Die Politik kalkuliert Kosten und Bauzeit möglichst niedrig, um Ärger mit der Bevölkerung vorzubeugen. Die magische Formel heißt „Kosten-Nutzen-Faktor“: Bei einem Wert über 1,0 gilt ein Vorhaben als rentabel. Je länger die Planung dauert, desto höher wachsen durch die Inflation die Kosten, die 1,0 wird immer schwieriger. Der Anreiz für eine Regierung, die Kostenschätzung zu aktualisieren, ist deshalb gering, berichten erfahrene Beteiligte.

„Die Zahlen sind in der Regel nicht gelogen“, sagt der Münchner Planer Martin Vieregg über viele Großprojekte, „aber sie sind zu alt – teils zehn Jahre und länger nicht aktualisiert.“ Nicht mal, wenn wie in Stuttgart zwischendurch umgeplant wird. Eine Studie der Universität Oxford ergab: In 85 Prozent der Fälle sprengen Großprojekte Kosten und Zeitrahmen. Oder, wie der zuständige Professor Bent Flyvbjerg neulich radikal bemerkte: „Viele Projektprognosen sind Müll. Bei genauerer Betrachtung sogar schlimmer als Müll.“

Die Baufirmen verstärken den Trend: Sie buhlen mit Kampfpreisen um die Staatsaufträge. „Den Zuschlag bekommt der mit dem dreistesten Angebot“, heißt es in der Branche. Wer den Auftrag ergattert und Mängel in den Plänen entdeckt, kann dann Mehrkosten geltend machen. Oft sogar unabweisbar und wirklich überraschend, wenn im Boden Munitionsfunde auftauchen oder vermeintlich archäologisch Wertvolles wie die antiken Toilettenanlagen am Münchner Marienhof. Baufirmen klagen hinter vorgehaltener Hand, oft nerve die Politik auch mit Sonderwünschen und Bürokratie.

Im Ergebnis steht ein kapitaler Imageschaden. Die Welt lacht sich halbtot über Flops wie Berlins Flughafen. Die Schweiz, die angeblich sogar ein Jahr schneller als geplant den Gotthard-Tunnel aus dem Berg wühlt, bietet hämisch Nachhilfe an. „Liebe Deutsche, schaut mal, wie man so was baut“, titelt die Zeitung „Blick“.

Was tun? Die Politik gerät ins Nachdenken. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer warnte diese Woche vor einer bundesweiten Blamage mit der zweiten Stammstrecke in München. Er erwägt nun, per Vertrag alle Mehrkosten der Bahn aufzubürden. Das Unternehmen allerdings, dessen Projekte auffallend oft aus dem Ruder laufen, wird eh wesentlich vom Staat finanziert. Experten raten eher, das System bei öffentlichen Vergaben umzustellen. Baufirmen sollen mit Geld-Anreizen gelockt werden, schneller zu werkeln. Bayerns Oberster Rechnungshof fordert außerdem seit Jahren, mit den Planern besser zu verhandeln. Oft würden mit Architekten und Ingenieuren keine Kostenobergrenzen vereinbart, warnt Präsident Heinz Fischer-Heidlberger: „Selbst wenn Kostenobergrenzen gelten, passiert oft wenig, wenn sie überschritten werden.“

Der Prüfer hat immerhin ein bisschen Einsehen bei den großen Projekten. „Außergewöhnliche Objekte wie Museen oder Flughäfen“, sagt Fischer-Heidlberger, „sind natürlich schwieriger im Kostenrahmen zu halten als Neubauten für Finanzämter oder Polizeidienststellen.“

Christian Deutschländer

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