Das Phantom ist ein "prima Kerl"

- Berlin - Für die Fotografen ist er das "Phantom der Oper". Ein unscheinbarer Mann mit kurzen Haaren, groß, attraktiv, schüchtern. Ein-, zweimal im Jahr nur wagt er sich in die Öffentlichkeit, begleitet seine Gattin auf die Festspiele in Bayreuth oder Salzburg. Seit sieben Jahren ist er mit jener Frau verheiratet, die in wenigen Wochen zur Bundeskanzlerin gewählt werden soll. Es ist das öffentlichste Amt der Republik. Das ändert nichts an seiner Entschlossenheit: Der Mann an Merkels Seite will unbekannt und unerkannt bleiben. Deutschland rätselt: Wer ist Joachim Sauer?

Wer ihn um ein Gespräch bittet, erhält eine Absage per E-Mail: "Ich habe mich entschlossen, keine Interviews zu geben und auch keine Gespräche mit Journalisten zu führen, die nicht durch meine Tätigkeit als Hochschullehrer, sondern durch die politische Tätigkeit meiner Frau motiviert sind."

Sauer, 1949 in Sachsen geboren, ist Forscher am Institut für Chemie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Welt sind käfigförmige Gitterstrukturen aus Silizium, Aluminium und Sauerstoff, so genannte Zeolithe. Auf dem Gebiet der theoretischen Chemie ist er eine Koryphäe: Mit 25 machte er seinen Doktor, mit 36 war er Professor. Kollegen und Studenten loben Sauers "scharfen Verstand", sein strenges Regiment und das Fachwissen, das er sich auf seinem Feld erworben hat. Das ist dann auch schon alles, was an der Uni über Deutschlands ersten Kanzlerinnengatten herauszufinden ist.

Blicke hinter die private Kulisse gestattet das Paar nicht. Das war schon 1998 so, im Jahr der Hochzeit. Weder Eltern noch Trauzeugen waren geladen. "Wir haben geheiratet", verkündete am Tag danach eine kleine Annonce. Für beide ist es die zweite Ehe, 17 Jahre waren Angela Merkel und ihr "Achim" vorher schon zusammen. Die Doktorandin der Physik und der gestrenge Lehrer hatten sich in einer DDR-Akademie kennen gelernt. Ab 1984 observierte ein Stasi-Spitzel regelmäßige Mittagessen. Zwei Jahre später dankte Merkel in ihrer Dissertation "Dr. Joachim Sauer" für die "kritische Durchsicht" ihrer Arbeit.

Welche Rolle ihr fünf Jahre älterer Mann heute spielt, ließ die CDU-Chefin in einigen wenigen Interviews durchblicken. Von einem "prima Kerl" ist da die Rede, von einem "fast lebenswichtigen" Gesprächspartner, der ein "wirklich guter Ratgeber" ist und "Zugang zum normalen Leben" ermöglicht.

Eben dieses normale Leben versucht Sauer für sich zu verteidigen. Er will morgens wie ein Durchschnittsbürger die gemeinsame Wohnung an der Berliner Museumsinsel verlassen, in seinem Golf zur Arbeit fahren und abends zu Hause ein gutes Buch lesen, statt auf Empfängen als "Herr Merkel" hunderte Hände schütteln zu müssen.

Das entspräche auch nicht seinem Naturell: Sauer ist nicht der Typ für Smalltalk. Nie würde er einer künftigen Kanzlerin wie einst Dennis Thatcher die Handtasche nachtragen. Nachbarn beschreiben den 56-Jährigen als verschlossen, kauzig und schräg. "Es gibt Leute, die haben einen ausgesprochenen Charme und die Gabe, andere für sich einzunehmen. Darauf legt er keinen Wert", sagt Sauers früherer Kollege Reinhart Ahlrichs.

So viel Verständnis bringen nicht alle auf, vor allem nicht in der CDU. An der Spitze der Kanzlerinnenpartei besteht der Wunsch nach "verbesserter Außendarstellung". Dass der Mensch Merkel im Unterschied zum Familienbetrieb Schröder-Köpf einem Großteil der Wähler noch immer unbekannt sei, gilt als ein Grund für die Wahlschlappe.

Update vom 30. Oktober 2018: Nach dem Wahl-Debakel in Hessen gab Angela Merkel ihren schrittweisen Rückzug aus der Politik bekannt. Bei der Wahl 2021 wird sie nicht mehr als Bundeskanzlerin antreten. So könnte Merkel ihre neue Freiheit zusammen mit ihrem Mann Joachim Sauer nutzen.

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