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Zum Haare raufen: Ausgerechnet Deutschland, das Land der Dichter und Denker, offenbart beim Lesen erstaunliche Defizite. Da hilft wohl nur eines: öfter mal ein gutes Buch in die Hand zu nehmen.

Dieses Mal sind es die Erwachsenen

Deutschland blamiert sich wieder bei Pisa-Studie

München - Und wieder blamiert eine Pisa-Studie Deutschland. Diesmal sind es aber nicht Schüler, die mittelmäßig abschneiden – diesmal sind es Erwachsene: Jeder sechste von ihnen liest wie ein Zehnjähriger.

Nun, es waren keine schönen Nachrichten, die schon am Montagabend durchsickerten. „Deutschland im Mittelfeld.“ So stand es in einer Pressemitteilung der OECD, der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. Den Zusatz „nur“ hatten die Verfasser offenbar wohlweislich weggelassen. Das Ergebnis der weltweit ersten Pisa-Studie für Erwachsene ist ja ernüchternd genug: Beim Lesen, Rechnen und im Umgang mit dem Computer liegen die Deutschen – im internationalen Vergleich – im Mittelfeld. Und: sogar noch unter dem Durchschnitt. Die wichtigsten Fragen und ihre Antworten.

Wer wurde für die Studie befragt?

Weltweit wurden 166 000 Personen im Alter von 16 bis 65 Jahren repräsentativ ausgewählt – und mit Interviews getestet. Aus Deutschland nahmen 5465 Menschen teil. Die OECD führt alle drei Jahre auch die bekannten weltweiten Pisa-Untersuchungen bei 15-jährigen Schülern durch. Die Veröffentlichung des ersten Tests im Jahr 2001 hatte erhebliche Wissenslücken unter den Schülern in Deutschland offenbart und damit in der Öffentlichkeit den sogenannten Pisa-Schock ausgelöst. Die Folge waren zahlreiche Schulreformen.

Was genau wurde geprüft?

Geprüft wurde unter anderem das Vermögen, aus Texten verschiedene Informationen zu gewinnen – und auch diese miteinander in Beziehung zu setzen. Zudem mussten die Testpersonen etwa Preisnachlässe bei Sonderangeboten im Supermarkt überschlagen, Grafiken über die weltweit unterschiedlichen Geburtenraten verstehen oder eine Temperatur von Grad Celsius in Fahrenheit umrechnen. Der neue OECD-Wissenstest für Erwachsene kürzt sich PIAAC ab. Das steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“.

Wer schnitt international top ab?

Spitzenwerte im Lesen wie im Rechnen erreichten Erwachsene in Japan und Finnland. Im Schnitt haben die 16- bis 65-Jährigen in diesen beiden Ländern gegenüber Gleichaltrigen in Deutschland einen Kompetenzvorsprung, der einer Lernleistung von vier bis fünf Schuljahren entspricht. Die Bildungsdirektorin der OECD, Barbara Ischinger, betont allerdings die Lernfähigkeit Erwachsener: „Länder wie Finnland haben in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte erzielt. Sie zeigen uns, was mit einer gezielten politischen Förderung möglich ist.“

Wie ist Deutschland beim Lesen?

Die Deutschen erreichen beim Verstehen, Interpretieren und Bewerten von Texten einen Wert von 270 Punkten. Sie liegen damit drei Punkte unter dem OECD-Durchschnitt. Sieben Punkte entsprechen dabei etwa einem Schuljahr, schreiben die Forscher. Die Zahl der „Spitzenleser“, die mit ihren Leistungen die höchsten Kompetenzstufen auf der Skala erreichen, ist in Deutschland also geringer als im OECD-Schnitt. Auffallend: Die Zahl der Leistungsschwächsten, die nur kurze Texte mit einfachem Vokabular verstehen, ist hingegen in der Bundesrepublik etwas größer als im Schnitt der anderen Industrienationen.

Wie gut können die Deutschen rechnen?

Immerhin: Bei der Alltagsmathematik schnitten die Befragten hierzulande etwas besser ab. So meisterten 14,2 Prozent auch die schwierigsten Aufgaben – gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 12,5 Prozent. Allerdings gelangte fast jede fünfte Testperson nicht über das grundlegendste Niveau hinaus, wie einfaches Zählen, Sortieren und die Verwendung der Grundrechenarten. Im OECD-Durchschnitt befinden sich sogar 19 Prozent auf der untersten Stufe.

Wie sieht es hier computermäßig aus?

Nicht so rosig! Wobei das kein typisch deutsches Problem ist: Probanden aller Länder taten sich mit Problemlösungen mittels Computer schwer. Ein beträchtlicher Teil der Erwachsenen hatte laut Studie Schwierigkeiten, digitale Technik und Netzwerke zu nutzen. Bis zu 27 Prozent der Testpersonen haben keinerlei Erfahrung mit Computern oder scheitern an grundlegenden Anforderungen. Mehr als jeder Zehnte konnte zum Beispiel keine Maus bedienen. Zudem lehnte eine Vielzahl von Teilnehmern – trotz vorhandener Kenntnisse – die computerbasierte Problemlösung ab. Die meisten Testteilnehmer konnten lediglich mit vertrauten Anwendungen umgehen. Komplexere Schritte bewältigte nur ein Drittel der Erwachsenen.

Was fällt bei uns besonders auf?

Ähnlich der Pisa-Studien für Schüler zeigt sich hierzulande eine starke Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg – was sich auch später beim Einkommen und der Arbeitsplatzsicherheit niederschlägt. Deutschlands größte Schwäche ist also mal wieder die Chancenungerechtigkeit. So hängt zum Beispiel in kaum einem anderen Land die Lesekompetenz dermaßen vom Bildungsstand der Eltern ab wie hierzulande: Testpersonen, deren Eltern weder über ein Abitur noch über eine Berufsausbildung verfügen, erzielten im Schnitt 54 Punkte weniger als diejenigen, bei denen zumindest ein Elternteil einen (Fach-)Hochschulabschluss oder einen Meisterbrief hat. Lediglich in den USA ist diese soziale Schere noch deutlicher ausgeprägt.

Wie sieht es mit Jung contra Alt aus?

Jüngere schneiden besser ab als Ältere – nicht nur in Deutschland, sondern in jedem (getesteten) Land. Die besten Leistungen verzeichnen dabei die 25- bis 34-Jährigen; die schlechtesten Ergebnisse gibt es in der Gruppe der 55- bis 65-Jährigen. Der Vorsitzende der Amtschefkonferenz in der Kultusministerkonferenz, Sachsen-Anhalts Kultusstaatssekretär Jan Hofmann, sagte: „Die Studie zeigt deutlich, dass entscheidende Grundlagen in der Schule gelegt werden. (...) Die wichtigsten Weichen sind richtig gestellt worden, wie etwa bei der schulischen Integration. (...) Der Anteil der ausländischen Schülerinnen und Schüler, die die Schule mit einer (Fach-) Hochschulreife verlassen, stieg allein von 2005 bis 2010 deutlich an, und zwar um über ein Drittel auf insgesamt 15 Prozent aller ausländischen Jugendlichen.“ Experten sind sich aber auch darüber einig, dass es in Deutschland noch besser gelingen muss, ältere, geringqualifizierte und langzeitarbeitslose Menschen für Weiterbildung und nachzuholende Berufsabschlüsse zu gewinnen. Dies helfe auch langfristig, die sogenannte Fachkräftebasis zu sichern.

Top oder flop: Wo ist der größte Abstand?

Der Abstand zwischen dem besten und schlechtesten Land beträgt 46 Punkte und bei den mathematischen Fähigkeiten 42 Punkte. Größer als die Unterschiede zwischen Ländern sind aber häufig jene zwischen den sozialen Gruppen.  

bn/dpa/kna

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