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Aus und vorbei: Unerwartet kündigt der russische Gasmonopolist Gazprom Europas größtes Energieprojekt South Stream auf.

Russland stoppt Pläne für Pipeline

Wer stillt jetzt den Energiehunger der EU?

Brüssel/Moskau - Aus und vorbei: Unerwartet kündigt der russische Gasmonopolist Gazprom Europas größtes Energieprojekt South Stream auf. Doch was bedeutet das für unsere Energieversorgung?

Schuld habe die EU, meint Kremlchef Putin. Die politische Blockade der EU in der schwersten Krise zwischen dem Westen und Russland seit dem Kalten Krieg mache den Weiterbau unmöglich. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was bedeutet der Wegfall der Pipeline für die Energiesicherheit in Europa?

Wie die Ostseeleitung Nord Stream sollte South Stream die Gasversorgung des Westens (im Süden und Teilen Mitteleuropas) bei wachsendem Energiehunger zuverlässiger machen. Russland wollte so unabhängiger werden von der Ukraine, dem wichtigsten Transitland für Gaslieferungen in die EU. Auch die EU sollte so eine Alternative zum ukrainischen Transitnetz haben, das als dringend sanierungsbedürftig gilt.

Woher bekommt die EU jetzt zusätzliches Gas?

Das Gas fließt weiter über bestehende Leitungen von Russland nach Europa. Seit Sowjetzeiten steht das Land im Ruf, verlässlich bis an die Haustür zu liefern, und es will dies auch künftig tun. Putin hatte bereits im Sommer angekündigt, andere Routen für eine Leitung zu prüfen, sollte die EU South Stream torpedieren. Deshalb kommt jetzt die Türkei ins Spiel. Die geplante South-Stream-Leitung für 63 Milliarden Kubikmeter Gas soll dorthin „umgelegt“ werden. Das meiste Gas soll an der türkisch-griechischen Grenze landen und von dort aus weiter in die EU fließen. Russland, wo ein Drittel der weltweiten Gasreserven lagert, will so weiter auch in Europa Geld verdienen. Als Alternative für die EU gilt Flüssiggas aus anderen Ländern, das aber teurer ist.

Wer ist besonders vom Aus für South Stream betroffen?

Großer Verlierer ist Serbien. 2008 wurde die Mehrheit, 51 Prozent, des Erdölkonzerns NIS an Gazprom verkauft – für 400 Millionen Euro. Westliche Experten hatten den Wert dieser Anteile auf 1,1 Milliarden Euro taxiert. Doch der NIS-Verkauf unter Wert wurde damit begründet, dass Russland die Beteiligung Serbiens an South Stream garantiert habe. Serbien überließ den Russen sogar die Mehrheit in der bilateralen South-Stream-Gesellschaft, anders als andere beteiligte Länder. Auch Bulgarien ist betroffen, Russland zufolge muss es jährlich auf 400 Millionen Dollar verzichten, die es durch den Gastransit eingenommen hätte.

Serbien, Italien und der westliche Balkan hängen weiter von maroden ukrainischen Pipeline ab. Slowakei, Österreich und Ungarn können zum Teil über Nord Stream versorgt werden. Ungarn kündigte zudem an, sich neue Energiequellen zu erschließen.

Auch die beteiligten europäischen Firmen erwischte der Stopp kalt. Unternehmen wie Europipe mit einem Werk in Mühlheim, die BASF-Tochter Wintershall und die Niederländer von Allseas warteten gestern noch auf verlässliche Angaben aus Moskau, die Produktion der Rohre läuft vorerst weiter.

Ist der Stopp eine Kurzschlusshandlung Putins? 

Der Monopolist Gazprom geht mit dem Bau der Pipelines ein großes wirtschaftliches Risiko ein. Allein die Leitung South Stream hätte 16 Milliarden Euro gekostet. Der Konzern verzeichnet aber wegen des Gasstreits mit der Ukraine, die mit Milliarden bei Gazprom in der Kreide steht, Rückgänge bei den Einnahmen. Der ökonomische Nutzen von South Stream für die Rohstoffmacht stand von Anfang an infrage. Russland wollte damit geopolitisch seine Stellung als Energiemacht stärken.

Ist das eine Niederlage für Russland im Energiepoker mit dem Westen?

Längst orientiert sich Russland stärker auch in Richtung Asien, vor allem China. Dorthin muss von Sibirien aus ebenfalls eine Leitung verlegt werden. Russlands Fähigkeit zum Leitungsbau ist nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise geschwächt. Zum einen schwächen die Sanktionen des Westens im Ukrainekonflikt die Konjunktur, zum anderen fehlen wegen des niedrigen Ölpreises wichtige Petrodollar-Einnahmen.

Ist die Ukraine der Gewinner durch das Aus?

Die Ukraine war von Anfang an gegen das Projekt, weil sie ihre Stellung als wichtigstes Transitland für die EU nicht verlieren wollte. Die EU steht im Konflikt mit Russland auf Kiews Seite. Die Ukraine hatte bereits wegen der Ostseeleitung Marktmacht eingebüßt. Das Land benötigt dringend die Transitgebühren, die Russland zahlt. Künftig will die Ukraine am liebsten ihr Gas in Russland einkaufen und dann an Abnehmer in der EU verkaufen, um selbst mehr Geld einzunehmen.

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