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Hunderttausende Wahlplakate werden in diesen Tagen an Laternenpfähle gebunden und Straßenränder gestellt.

Plakat-Wahlkampf: “Materialschlacht mit wenig Wirkung“

Frankfurt/Main - Jetzt schießen sie wieder wie Pilze aus dem Boden: Hunderttausende Wahlplakate werden in diesen Tagen an Laternenpfähle gebunden und Straßenränder gestellt.

Doch für so viel Gesprächsstoff wie im Fall des Merkel-Dekolletés sorgt ein Motiv nur selten. Was bringt die gewaltige Materialschlacht überhaupt? Experten sind sich uneins: Während die einen den Wahlkampfmanagern raten, die Millionen für den Druck künftig einfach einzusparen, sprechen andere vom Plakat als “Werbemedium mit Zukunft“ - vorausgesetzt, die wichtigsten Regeln werden beachtet. Ein Skeptiker ist der Berliner Wahlforscher Gero Neugebauer: “Plakate sind für den Wahlausgang irrelevant“, ist er überzeugt.

Bestenfalls seien Stellwände und Papptafeln dazu geeignet, bestehende Wähler-Neigungen verstärken. “Doch die Annahme, dass sich Unentschlossene auf dem Weg zur Wahlkabine vom schönsten Plakat überzeugen lassen, ist völlig abwegig.“ Neugebauer sieht eine “Materialschlacht mit wenig Wirkung“. Für am wenigsten sinnvoll hält er Plakate, auf denen nichts weiter als digital geglättete Porträts zu sehen sind: “Was sollen die bringen? Entweder, man kennt den Politiker längst. Oder man kennt ihn nicht - was soll dann ein Plakat, das keinerlei Informationen transportiert?“ Neugebauer plädiert stattdessen für knappe Botschaften: “Nach dem Motto: Dies ist die Person, das ist ihr Name und das will sie erreichen.“

Kopfschütteln über Konterfeis

Auch der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider steht kopfschüttelnd vor den typischen Laternenpfahl-Porträts. “Die bringen überhaupt nichts“, meint der Forscher der Uni Hohenheim. In Kommunalwahlkämpfe seien bloße Konterfeis ja “vielleicht noch ganz tauglich“, bei Wahlen auf Bundesebene jedoch überflüssig: “Hier entscheiden die Spitzenkandidaten und die Parteien. Deshalb kapiere ich wirklich nicht, weshalb immer noch so viel Geld in reine Kopf-Plakate fließt.“ Der Münchener SPD-Kandidat Axel Berg sieht das offenbar ähnlich: Er plakatiert derzeit einen Smiley mit dem Zusatz: “Dr. Axel Berg verschont Sie mit einem Politiker-Foto.“ Doch wann ist ein Plakat ein gutes Plakat?

Mit Blickverlaufs-Analysen und Erinnerungstests haben Brettschneider und seine Mitarbeiter untersucht, welche Elemente den Blick fesseln und welche Botschaften wiedergegeben werden können. Das Ergebnis: “Plakate sind gelungen, wenn sie gut gestaltet sind, wenn sie mit Bildern arbeiten und ein Thema transportieren: “Ein klares Bild und eine einfach formulierte Botschaft funktionieren am besten.“ So wie im Fall der berühmt gewordenen Dekolleté-Darstellung? Oder im Fall des Kreuzberger Linkspartei-Parole: “Mit Arsch in der Hose in den Bundestag - Halina Wawzyniak“? Brettschneider winkt ab: “Solche Plakate schaffen nur die erste Hürde: Sie bringen Aufmerksamkeit.“ Doch dann stelle der Betrachter fest, dass keine Botschaft da sei: “Und schon verpufft die Wirkung.“ Provozierende Plakate schreckten zwar nicht wirklich ab, “aber Wählerstimmen gewinnt man damit auch nicht.“

Der Mannheimer Wahlforscher Matthias Jung sieht einen Trend hin zu Plakaten ohne klare politische Aussage. “Die Welt hat sich verändert: Die ideologischen Grabenkriege sind passé, und das spiegelt sich in den Plakaten wider.“ Hätten die Parteien in früheren Jahren “fast schon brutale Parolen wie 'Freiheit statt Sozialismus'“ plakatiert, seien die Aussagen heute “weitaus weniger polarisierend und weitaus weniger zugespitzt“.

“Wer bleibt schon vor einem Wahlplakat stehen?“

Von den ersten Plakaten der 2009er-Kampagne gefällt dem Kommunikationsexperten Frank Brettschneider das CDU-Plakat mit Senkrechtstarter Karl-Theodor zu Guttenberg und der kurzen “Wirtschaft mit Vernunft“-Aufschrift am besten: “Hier wird deutlich gesagt, mit welcher Person und welchem Themenfeld die Partei in Verbindung gebracht werden will.“ Nicht gelungen seien dagegen die Plakate der Linkspartei: “Die arbeitet ohne Bilder und verwendet viel zu viel Text, den man im Vorbeifahren nicht lesen kann. Wer bleibt schon vor einem Wahlplakat stehen?“ Und was ist von Plakaten zu halten, auf denen Models für politische Aussagen werben? Wie die junge Frau auf dem Anti-Studiengebühren-Plakat der SPD? “Die Glaubwürdigkeit solcher Plakate ist nicht sehr groß. Sie machen nichts kaputt, bringen aber auch nicht viel“, meint Brettschneider.

Zudem erinnere der Stil zu sehr an die Ästhetik der 90er Jahre. Trotz aller Schwächen sieht Brettschneider im Plakat ein Werbemedium mit Zukunft: “Ideal wäre es, wenn sich die Parteien an aus der Werbung bekannten Gestaltungsrichtlinien halten, Botschaften intelligent transportieren, das ganze mit ihrer Internet-Strategie verzahnen und so eine umfassende Kampagne schaffen.“

ap

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