Premierminister Mateusz Morawiecki
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Polen: Die Regierung um Premierminister Mateusz Morawiecki plant den Bau von sechs Atomkraftwerken bis 2040 (Archivbild).

Erste Reaktoren bis 2033

Wegen des Klimawandels: Polen setzt auf Atomkraft - Umfrage-Ergebnisse überraschen

Um bis 2049 aus der Kohle aussteigen zu können, plant die polnische Regierung den Bau von sechs Kernkraftreaktoren - mehrere internationale Partner haben Interesse.

  • Polen will bis 2040 sechs Atomreaktoren bauen. Es gibt erste Vereinbarungen mit den USA und Gespräche mit Frankreich.
  • Die Gesamtleistung der Druckwasserreaktoren soll bei 6 bis 9 GW liegen.
  • Die Mineralölkonzerne Orlen und Synthos wollen SMR-Technologie in Polen einsetzen.

Warschau - Vor dem Hintergrund der aktuellen polnischen klimapolitischen Strategie bis 2040 plant Polen* den Bau von insgesamt sechs Reaktorblöcken. Der erste Block mit einer Leistung von 1 - 1,6 GW soll bereits 2033 fertig sein. Insgesamt soll die Kernkraft in Polen eine Gesamtenergieleistung von 6 - 9 GW erbringen. Die geschätzten Kosten liegen bei etwa 25 Milliarden Euro.

Das soll durch die Technologie der Druckwasserreaktoren (Pressurised Water Reactor- EPR) erreicht werden. Polen sucht aktuell nach Partnern für die Umsetzung des Kernkraftprojekts.

Zwei Drittel Zustimmung für die Kernkraft in Deutschlands Nachbarland Polen

Im November 2020 wurden von der Polnischen Presseagentur (PAP) die Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag des Klimaministeriums zur Einstellung zum Bau von Kernkraftwerken veröffentlicht. Nach dieser Studie haben 62,5 Prozent der Befragten ihre Zustimmung zur Kernkraft geäußert. Weniger als ein Drittel, 31,6 Prozent, ist damit nicht einverstanden. Auffällig im Vergleich zu den früheren Umfragen war eine höhere Zustimmung speziell bei jungen Befragten, für die die Fragen des Klimaschutzes* eine höhere Bedeutung haben.

Das Meinungsforschungsinstitut Centrum Badania Opinii Społecznej (CBOS) kam bei seiner Umfrage im Mai dieses Jahres zu anderen Werten, allerdings stellt das Institut eine 5-prozentige Zunahme der Befürworter der Kernkraft gegenüber dem Vorjahr in Polen fest. Die Befürworter stellen laut CBOS mit 39 Prozent aber nicht die Mehrheit. Auch bei dieser Umfrage war die Kernkraft als eine geeignete Alternative für die Kohleverbrennung besonders häufig genannt worden.

Gleich nach Bekanntgabe der Atompläne seitens der Regierung entbrannte in den polnischen Medien eine Standortdebatte. Mittlerweile beschränkt sich die Auswahl der Standorte auf Pątnów, Bełchatów i Żarnowiec. Anfang Juni wurden diese drei Optionen vom polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki bestätigt. „Aufgrund der noch laufenden Analysearbeiten wurden keine endgültigen Entscheidungen getroffen”, sagte Morawiecki zu einer endgültigen Standortentscheidung.

USA, Frankreich und Südkorea im Gespräch mit Polen - ein Partner ist den anderen voraus

Grundsätzlich kommen als mögliche Partner für die Polen die USA, Frankreich und Südkorea infrage. Allerdings sind die US-Amerikaner bis dato klar den anderen Anbietern voraus. Noch während der Amtszeit Donald Trumps wurde von Polen im Juni 2019 ein Memorandum mit den USA unterzeichnet, in dem die US-Amerikaner finanzielle und technologische Unterstützung zusicherten. Zwei Jahre später Ende Juni 2021 erklärte Westinghouse Electric Company den Beginn der technischen und projektbezogenen Arbeiten (Front-End Engineering and Design - FEED) in Polen.

„Dies ist auch eines der wichtigsten Elemente der Umsetzung des Intergovernmental-Übereinkommens (IGA) zwischen Polen und den Vereinigten Staaten von Amerika über die Zusammenarbeit bei der Entwicklung des Nuklearprogramms”, gab das Unternehmen bekannt. Westinghouse will in Zusammenarbeit mit Bechtel in Polen den Reaktor AP1000 der Generation III+ bauen. Das Gesamtkonzept, das die Amerikaner Polen anbieten wollen, soll dem im chinesischen Sanmen realisierten Projekt sehr ähnlich sein.

Frankreich will Polen ein Angebot unterbreiten

Doch auch die Franzosen mit der Elektrizitätsgesellschaft Électricité de France (EDF) sind weiterhin interessiert und wollen Polen im kommenden Jahr ein Angebot unterbreiten. Es wird erwartet, dass die Franzosen ein Angebot machen, dass dem Reaktor in Flammanville 3 entspricht. Allerdings dürfte die jahrelange Verzögerung der Fertigstellung des heimischen Projekts die polnische Seite eher skeptisch machen.

Sowohl politisch als auch ökonomisch wäre eine Zusammenarbeit in den Energiefragen mit dem europäischen Partner Frankreich mehr als wünschenswert. Polen könnte aber eventuell von den gemeinsamen Vereinbarungen zwischen den USA und Frankreich, die Ende Mai unterzeichnet wurden, profitieren.

„Die dekarbonisierten und innovativen Elektrizitätssysteme, die innovativen Kernenergiesysteme und neue Lösungen wie modulare, kleine Kernreaktoren, werden zur Förderung der regionalen Stromerzeugung beitragen, sauberes Trinkwasser in den Regionen Europas erzeugen und saubere Lösungen in der Industrie fördern”

so eine gemeinsame Erklärung

Eine derartige Kooperation der USA und Frankreichs wurde im rumänischen Cernavodă umgesetzt und könnte theoretisch auch im Falle Polens möglich sein.

Mineralölkonzern Orlen will kleinere, emmissionsfreie Reaktoren

Ungeachtet der polnischen EPR-Ambitionen hat der größte polnische Mineralölkonzern Orlen zusammen mit dem Unternehmen Synthos einen Vertrag zur Zusammenarbeit beim Bau von kleinen Reaktoren (SMR - small modular reactor, mit einer Leistung von 300 MW) geschlossen. Orlen betont, dass die SMRs nicht den Inhalten der nationalen Klimastrategie zuwiderlaufen: „Als Orlen werden wir in die SMR-Technologie investieren, aber das widerspricht keineswegs den Plänen der polnischen Regierung für den Bau großer Kernreaktoren. Die SMR-Anlagen sind im Bau emissionsfrei, mit geringen Betriebskosten verbunden und können das polnische Energiesystem mit Strom versorgen”, sagte der Vorstandsvorsitzende Daniel Obajtek.

Obajtek geht davon aus, dass schon zum Ende dieses Jahrzehnts SMRs im Ausland zum Einsatz kommen. Anfang der 2030er Jahre werden sie dann auch in Polen Energie produzieren können.

Aleksandra Fedorska

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