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„Wir brauchen das Gas“: Dreht Putin auch Deutschland den Hahn ab?

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Von: Klaus Rimpel, Wolfgang Hauskrecht

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Nach Polen und Bulgarien fließt kein russisches Gas mehr, das hat Gazprom bestätigt. Wäre ein Gas-Lieferstopp auch für Deutschland denkbar und was wären die Folgen?

München – Nach dem Stopp russischer Gaslieferungen an Polen und Bulgarien sieht die Bundesregierung die Versorgung deutscher Kunden zunächst nicht in Gefahr. Dass Russland schon bald auch Deutschland den Gashahn abdreht, glauben Energie-Experten eher nicht.

„Wir sollten jetzt keine Panik haben, dass Russland das auch mit uns macht. Russland braucht die Einnahmen“, sagte Tobias Federico, Chef der Energieberatungsfirma Energy Brainpool, dem Münchner Merkur. „Die Einnahmen aus Deutschland sind signifikant. Wir verbrauchen das meiste Erdgas aus Russland.“ Putin wolle Macht zeigen und Angst verbreiten. Allerdings, schränkt Federico ein, wisse man bei Putin nie so genau, was als nächstes passiere.

Der russische Staatskonzern Gazprom hat, angeblich im Streit über Zahlungsmodalitäten, die Belieferung Polens und Bulgariens eingestellt. Die EU-Kommission kritisierte das als Erpressungsversuch, was ein Kremlsprecher zurückwies. Mit den ausbleibenden Lieferungen eskaliert auch der wirtschaftliche Konflikt zwischen Europa und Russland weiter.

Nach russischem Lieferstopp: Gazprom warnt Polen und Bulgarien

„Der Hahn wurde zugedreht“, sagte Polens Klimaministerin Anna Moskwa. Durch die Jamal-Pipeline fließe kein russisches Gas mehr. Gazprom bestätigte den Lieferstopp, die Unternehmen PGNiG und Bulgargaz hätten nicht rechtzeitig in Rubel gezahlt. Sofia und Warschau betonten, ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllt zu haben.

Gazprom warnte beide Länder, russisches Gas anzuzapfen, das über ihr Gebiet an andere Staaten geliefert wird. Über die Jamal-Pipeline fließt normalerweise Gas von Russland über Belarus nach Polen und bis ins brandenburgische Mallnow, wo das Gas übernommen und Richtung Westeuropa weitergeleitet wird. Allerdings hat die Bedeutung der Verbindung abgenommen. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur floss durch Jamal zuletzt wenig oder kein Gas mehr nach Deutschland. Wichtigste Verbindung zwischen Russland und Deutschland ist die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1, die Polen und Belarus umgeht.

Putin bereitet Sorge: Deutschland will unabhängiger von russischen Energieimporten werden

Deutschland deckte im vergangenen Jahr 55 Prozent seines Gasbedarfs in Russland und arbeitet mit Eile daran, die Abhängigkeit zu verringern. Der Anteil liege inzwischen bei 35 Prozent, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck. Auch die Speicher füllten sich langsam. Man arbeite mit Hochdruck an LNG-Terminals, sagte Habeck. Bis Sommer 2024 soll der Anteil an russischem Gas auf zehn Prozent zurückgehen. Bei Öl und Kohle geht es laut Habeck noch schneller voran.

Die polnische Regierung hält die Auswirkungen auf das eigene Land für gering. Auch Bulgarien erklärte, an einer alternativen Gasversorgung zu arbeiten. Vorerst sei keine Begrenzung des Verbrauchs nötig. Das ärmste EU-Land ist seit 2007 Mitglied, aber fast komplett von Gas aus Russland abhängig. Ein Anschluss an das Netz des benachbarten Griechenlands soll im Juni fertig sein. Polen und Bulgarien sollen Gas von ihren EU-Nachbarn bekommen, hieß es aus Brüssel.

Die Bundesregierung will weiter an Gas aus Russland festhalten, um negative Folgen auf die Wirtschaft zu vermeiden. Kanzler Olaf Scholz hat mehrfach deutlich gemacht, dass bei einem Lieferstopp ganze Industriezweige in Deutschland bedroht seien und eine Rezession drohe.

Russische Energielieferungen: Bayerns Wirtschaft fürchtet Lieferstopp

Auch Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft warnt: „Ein Lieferstopp von russischem Erdgas würde die bayerische Wirtschaft auf das Härteste treffen.“ 22 Prozent der Unternehmen im Freistaat würden mit einem sofortigen Produktionsstopp rechnen, sagt Brossardt auf Anfrage. Betriebe, die auf Erdgas direkt angewiesen seien, würden einen Umsatzrückgang von 40 Prozent befürchten. 220.000 Beschäftigte in Bayern wären von den Folgen direkt betroffen.

„Noch viel stärker wären indirekte Effekte: Gas ist ein unersetzlicher Rohstoff zur Herstellung von Vorprodukten, etwa in der Chemieindustrie zur Herstellung von Grundstoffen aller Art oder in der Metall- und Elektroindustrie. Wenn hier die Produktion heruntergefahren werden müsste, hätte das gewaltige soziale und ökonomische Konsequenzen.“ Federico von Energy Brainpool sagt: „Wir brauchen das russische Gas, um die Speicher aufzufüllen.“

Energielieferungen: EU zahlt täglich 400 Millionen Euro für Gas

Wie viel Geld für Energielieferungen täglich aus Deutschland nach Russland fließt, lässt sich nicht klar beziffern. Eine ungefähre Größenordnung liefert der Blick ins Jahr 2021. Die Bundesregierung gibt an, dass in dem Jahr täglich für Öl, Kohle und Gas durchschnittlich rund 61 Millionen Euro nach Russland flossen. Diese Summe kann von der aktuellen Summe abweichen, etwa weil die Menge der Importe bereits verringert wurde oder sich die Preise verändert haben. Nach Schätzungen des Ökonomen Simone Tagliapietra vom Wirtschaftsinstitut Bruegel gab die EU Anfang April täglich 15 Millionen Euro für Kohle aus Russland aus, etwa 400 Millionen Euro für russisches Gas sowie 450 Millionen Euro für Öl aus dem Land.

Grafik zeigt die Gasimporte von Europa und Deutschland.
Die Grafik zeigt die Gasimporte von Europa und Deutschland im Vergleich. © AFP

Ukraine ist ebenfalls in den Gas-Konflikt verstrickt

Trotz des Ukraine-Krieges verdient auch Kiew weiter am Gas. Russland bezahlt 2,66 Dollar pro 1000 Kubikmeter durchgeleitetes Gas an die Ukraine. Dazu kommt eine Art Entfernungspauschale, so dass Kiew jährlich knapp eine Milliarde Dollar für die Durchleitung bekommt. Es geht dabei um die Pipelines Sojus („Einheit“), Bratstvo („Bruderschaft“) und die jetzt vom Gas-Stopp für Polen und Bulgarien betroffene Leitung Jamal.

Experten zufolge fließt seit Ausbruch des Krieges eher mehr als weniger russisches Gas durch die Ukraine. Würde die Ukraine die Gasleitung unterbrechen, würde sie sowohl gegenüber dem Westen wie auch gegenüber der staatlichen russischen Gazprom vertragsbrüchig – weswegen bei der Regierung Selenskyj das Thema öffentlich bislang nicht auf die Tagesordnung kam.

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